Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.08.10, Pfarrer Matthias Köhler

Der Knall

Der Knall hallte noch lange nach in seinem Kopf. Scharf, schmerzhaft laut. Sie hatte die Tür so heftig in den Rahmen gehauen, dass die Wände zitterten.

Gut zwei Stunden war es her, dass sie wutentbrannt das Zimmer verlassen hatte, aber die knallende Tür tat immer noch weh. Warum ist er ihr nicht nachgelaufen? Verletzter Stolz, schlechtes Gewissen – eine Mischung aus alledem vielleicht.

Ihre Harmoniebedürftigkeit brachte ihn aber auch jedes Mal auf die Palme. Wenn er eines gelernt hatte im Leben, dann, dass man sich an bestimmten Punkten durchsetzen musste. Das bringt doch gar nichts, immer nur nachzugeben, immer in vorauseilendem Gehorsam den Anderen ihren Willen zu lassen. Nein, seine Grenzen musste man verteidigen. Seine Erwartungen muss man aussprechen und seine Ziele durchsetzen. Und dazu muss man sich eben manchmal auch mit anderen auseinandersetzen. Ohne Konflikte, ohne Streit geht es eben nicht.

Gut – sie hatte schon Recht. Ein Urlaub ist eine andere Situation als der Arbeitsalltag. Kann er wirklich so schlecht loslassen, abschalten wie sie es ihm vorwarf? „Du solltest dir mal selber zuhören“ hatte sie ihn angefahren. „Gegen dich ist der Stromberg aus dem Fernsehen ja ein richtig sympathischer Kerl. Wie kann man seine Mitmenschen nur so negativ sehen?“

Er und Stromberg? Da muss sie sich doch nicht wundern, wenn er dann auf die Palme geht. Und bitte – im Prinzip hatte er doch keine negative Einstellung gegenüber seinen Mitmenschen! Aber diese Familie nebenan…diese Mutter mit den zwei unerzogenen Kindern. Da muss man doch was sagen, wenn denn sonst keiner denen eine Grenze setzt. Wenn sie von der Seite in den Pool springen, dass es nur so platscht und spritzt, mit eisverschmiertem Gesicht Aufzug fahren – wo der doch so eng ist, sich abends beim Buffet die besten Stücke auf die Teller laden als ob es kein Morgen gäbe. War es verwunderlich, dass er etwas gesagt hatte? Und bitte – gesagt, nicht gemotzt, wie sie es ihm vorgeworfen hat. Ja gut, vielleicht war seine Stimme etwas erregter als sonst. Und er hatte sich ja auch aufgeregt. Nichts hatte diese Mutter unternommen. Und wo war überhaupt der Vater? Jaja, das geht uns nichts an, spielt auch keine Rolle, da hatte sie schon recht. Da war er zu weit gegangen. Aber man schießt eben manchmal über das Ziel hinaus.

Ob sie wohl recht hatte? Dass er wirklich nicht mehr abschalten und fünfe gerade sein lassen konnte? „Du warst doch früher nicht so“, hatte sie ihm gesagt. „Du lebst nur noch für dein Büro. Du hast gar kein anderes Thema mehr. Und mich nimmst du gar nicht mehr wahr. Warum sind wir eigentlich noch zusammen?“ Ja, warum eigentlich? Aber so grundsätzlich wollte er gar nicht grübeln. Eine Meinungsverschiedenheit, Spannungen – dass sollte doch nicht über eine Familie entscheiden. Da muss man eben auch mal die Faust in der Tasche ballen und seinen Ärger, seine Empfindungen runterschlucken. Und nicht immer sofort zurückschlagen.

Komisch, dass er das jetzt dachte, war ja genau, was sie gesagt hatte. Bevor sie die Tür zuknallte. Und das war jetzt zwei, nein drei Stunden her. Still war es seitdem in dem Zimmer. Der Knall war nur in seinem Kopf hörbar. Nun war er allein.

Die schönsten Tage im Jahr und er saß allein  Ob er sie anrufen sollte? Müsste nicht eigentlich sie ihn anrufen? Nein – kein Kindergartengerangel. Es läutete nur zweimal, dann ging sie ran.

Ja, er hatte sich beruhigt. Ja, es tat ihm leid. Entschuldigung. Wo bist du? Eiscafe am Markt? Mit der Nachbarin und den Kindern… Ja klar - bis gleich! Sorry seems to be the hardest word hatte Elton John gesungen. Stimmt – sich entschuldigen müssen ist schwer. Aber ein Eis ausgeben können macht’s leichter. Und manche Dinge muss man eben aus der Welt schaffen.

Woll’n wir doch mal sehen, wie viel Eis diese beiden Kinder vertragen….Pfeifend verließ er das Zimmer und ging zum Aufzug – und freute sich plötzlich, dass er mit ihr verheiratet war.

Bis dass der Tod euch scheidet – und so weit war es noch lange nicht.

Audiobeitrag Der Knall


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