Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.08.10, Pfarrer Matthias Köhler

Schätze

Mitten in finsterer Nacht hängen ein paar angeseilte Seeleute außen an einer kleinen französischen Zweimastbrigg, streichen im Schein flackernder Kerzen den Schiffsrumpf

schwarz und ändern den Namen des Schiffes in „Quintanadoine“. Vermummte Gestalten verstauen währenddessen die Ladung des Schiffes. Holz und Teer für England steht in den Papieren. In Wirklichkeit sollen sich aber in den Kisten, Paketen, Fässern, Gold und Kostbarkeiten des französischen Königs Ludwig XVI. befinden. Nach heutigen Maßstäben wäre die Ladung über 40 Millionen Euro wert gewesen. Es ist der Sommer 1790 – mitten in den Wirren der französischen Revolution.

Als Kind haben mich die Storys über versunkene Schiffe und verlorene Schätze immer fasziniert. Zum Beispiel der Schatz der „Quintanadoine“

Im Morgengrauen liegt undurchdringlicher Nebel über dem Hafen. Der Kapitän befiehlt flüsternd die Leinen loszuwerfen. Langsam schleicht sich das Schiff vom Kai, erreicht die Strömung und verschwindet lautlos im Nebel. Zwei Tage später geht die Brigg bei Quillebeuf-sur-Seine an der Atlantikmündung vor Anker. Während der Nacht tobt ein gewaltiger Sturm. Das Schiff zerrt an den Ankertauen, die Besatzung wacht angstvoll darüber, dass das Schiff an seinem Platz bleibt.

Währenddessen fliehen Ludwig XVI. und seine Frau Marie Antoinette aus Paris. Zu spät! In Frankreich herrschen Revolution, Terror und Tod. 1793 werden beide in Paris enthauptet.
Und ihr Schatz? Die kleine Zweimastbrigg "Quintanadoine" des französischen Königshauses hat keine Chance gegen den tobenden Sturm. Die Ankerreißen sich in den Wellen los und sie treibt auf eine Sandbank zu. Innerhalb von Minuten sinkt sie. Die Besatzung, die an Bord gewesen ist, wird nie wieder gesehen. Auch der Schatz nicht.

Viele haben seit diesen Ereignissen nach dem Schatz gesucht. Gefunden wurde er nicht.

Wo ist er geblieben? Fortgespült von den Gezeiten, von den Wassern der Seine? In den Jahrhundertenverrottet in Schlick und Schlamm? Oder ist er nur eine Legende? Ich finde die Geschichte – sei sie nun wahr oder erfunden, immer noch spannend. Und lehrreich. Warum sind Louis XVI und Marie Antoinette nicht früher geflohen? Wieviel Aufwand haben sie betrieben, um ihre Reichtümer zu retten. Und haben dabei ihr Leben verloren…Und wie viele Menschen haben außerdem ihr Leben verloren, um Geld und Gold zu retten?

Und wo ist der Schatz geblieben? Warum lässt er sich nicht finden? Irgendwann ist mir ein Jesuswort über den Weg gelaufen, dass ich innerlich mit dieser Geschichte verknüpft habe (MT6,19-20): Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde, wo Motten und Rost sie zerstören und wo Diebe einbrechen und sie stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motten noch Rost sie zerstören und wo Diebe nicht einbrechen noch stehlen.

Ein Leben ohne ihre Reichtümer schien Louis und Marie Antoinette nicht vorstellbar. Sie haben alles versucht, ihren Schatz zu retten. Und sie haben alles verloren. Ihr Leben. Ihren Reichtum. Und sogar das Vermögen selber scheint sich zuletzt aufgelöst zu haben. Verrostet, gefressen. Weg.

Sammelt nicht Schätze auf Erden, sammelt Schätze im Himmelt empfiehlt Jesus. Scheint mir ein weiser Tipp zu sein. Mitnehmen kann ich nichts. Aber hinterlassen kann ich viel. In den Herzen, in den Erinnerungen meiner Mitmenschen. Und in der Erinnerung Gottes. Das sind Schätze, die sicher sind vor Diebstahl und die keinen Rost ansetzen. Viel wertvoller als alles, was ich anhäufen kann ist, wie ich lebe, mit anderen zusammen lebe. Und die Rendite dafür bekomme ich dann auch nicht erst in einem fernen Jenseits, sondern sofort.

Ich sag’s ja: Geschichten über verlorene Schätze sind spannend…

Audiobeitrag Schätze


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