Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.07.10; Pfarrer i.R. Henning Theurich

"Kirche ist das, was es ohne sie nicht gäbe"

Sprecher: Kirche ist das, was es ohne sie nicht gäbe. Es gäbe keine Räume der großen Stille, der Meditation, des Innehaltens.

Es gäbe keinen Raum, in dem Wörter wie Barmherzigkeit, Seligkeit, Nächstenliebe und Gnade ihren Platz haben, und es gäbe keinen Raum, in dem noch von Cherubim und Serafim die Rede ist. Die Poesie der Psalmen hätte keine Heimat mehr. Es gäbe keinen Raum, in dem eine Verbindung da ist zu uralten Texten und Liedern – zu Liedern, die die Menschen schon vor Jahrhunderten gesungen, und zu Gebeten, die die Gläubigen schon vor Jahrtausenden gebetet haben. So aber ist Kirche ein Ort, der Zeit und Ewigkeit verbindet.

Autor: So beginnt ein Aufsatz von Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung -  passend zu Pfingsten in diesem Jahr. Als Redakteur ist Prantl eigentlich zuständig für das Ressort: Innenpolitik. Aber hier fragt er sich: Was ist Kirche?

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer! Ich bin Henning Theurich, von der evangelischen Kirche

Die Antwort von Heribert Prantl auf die Frage: Was ist Kirche? hat mir gut gefallen. Sein Essay war ein Versuch, sich „selbst eine Antwort auf die Frage zu geben, warum ich noch Mitglied der Kirche bin“. Wie er selber sagt, war die Reaktion auf seine „öffentliche Selbstauskunft“ überwältigend positiv: „Es gab ungewöhnlich viele Zuschriften von bekannten und unbekannten Zeitgenossen, die ihre eigenen Gedanken und Gefühle in Worte gefasst fanden.“ So ist es auch mir ergangen. Dabei ist mir bei seiner Aufzählung aber aufgefallen, dass z.B. die „Poesie der Psalmen“ durchaus auch ohne Kirche eine Heimat hätte und Gott sei Dank heute auch wieder bei uns in Deutschland hat, nämlich im jüdischen Lehrhaus und im Gesang in der Synagoge. Das sollte nicht unerwähnt bleiben, zumal wenn „Cherubim“ und „Serafim“ genannt werden: die Engel hebräischer Zunge, von denen es im christlichen Choral heißt: Alles, was dich preisen kann, Cherubim und Seraphinen, stimmen dir ein Loblied an, alle Engel, die dir dienen, rufen dir stets ohne Ruh: „Heilig, heilig, heilig!“ zu.

Musik 1:  Hineh mah tow (Psalm 133), Oberkantor Estrongo Nachama, Die neue große Sabbatfeier, Klassische Gebetsgesänge des jüdischen Gottesdienstes; CD 66.21219  P + O Pallas, Track 8.

Autor: Das war die Stimme des jüdischen Oberkantors Estrongo Nachama mit dem Gesang von Psalm 133. Ich stimme Heribert Prantl zu, wenn er auf die Frage: „Was ist Kirche?“ weiter antwortet: 

Sprecher: Es ist gut, dass es einen Ort gibt, an dem gesagt wird, wer gestorben ist aus der Gemeinde, und wie alt er war, es ist gut, das zu hören, auch wenn man den Verstorbenen nicht gekannt hat. Es ist gut, dass es einen Ort gibt, am dem das Kreuz sein Zuhause hat. Ja, das Kreuz ist missbraucht worden, als Drohzeichen, als Mord – und Eroberungsinstrument. Trotz alledem: Es ist das gute Zeichen des Christentums. Ein Gott, der gelitten hat, der umgebracht wurde, der also weiß, was Leiden ist, bei dem ist das Leid der Menschen aufgehoben. Ohne Kirche gäbe es keinen öffentlichen Raum, in dem ein Mensch weinen kann, bei irgendeinem Lied, bei einer Fürbitte, die ihn anrührt.

Autor: Kirche ist das, was es ohne sie nicht gäbe -  dieser Ansatz im Nachdenken über Kirche lässt fragen: Was würde mir persönlich fehlen, wenn es Kirche nicht gäbe? Ich habe diese Frage auch  im Religionsunterricht an einer Schule für Pflegeberufe gestellt. Die jungen angehenden Krankenschwestern und – pfleger mit unterschiedlicher Konfession sollten  ihre Gedanken  anonym aufschreiben, also „ohne Schere im Kopf“.
Hier sind einige ihrer Antworten:

Sprecherin: Zunächst einmal würden mir viele sehr schöne Erinnerungen aus meiner Jugend fehlen. Freizeiten mit der Jugendgruppe, gemeinsame Abende im Pfarrheim unserer Gemeinde und natürlich meine Konfirmationszeit prägten meine Jugend und begleiteten mich auf dem Weg, erwachsen zu werden.

Autor: Aber nicht nur in der Erinnerung ist Kirche eine Heimat, die in Kindheit und Jugend scheint. Für viele ist sie auch heute noch ein Zufluchtsort, wie jemand anders schreibt:   

Sprecherin: Die Kirche ist ein Rückzugsort und ein Ort der Stille. Die Ruhe und Geborgenheit im Inneren der Kirche würden mir fehlen. Ich geh in harten und unruhigen Zeiten hin, um mich zu beruhigen. Zudem würde mir der Ort des Gebetes fehlen. Außerdem würden mir die schön gestalteten Gottesdienste fehlen und die Architektur. Mir würde es außerdem noch fehlen, wenn die Stadt nicht mehr vom Geläut der Glocken ergänzt wird.

Autor: Und jemand anders würde mit dem Fehlen von Kirche besonders ihren Auftrag in unserer Gesellschaft vermissen:

Sprecherin: Wenn es keine Kirche geben würde, wäre eine starke Stimme für Menschlichkeit nicht mehr existent. Diese Anwaltsfunktion für den Menschen, vor allem für die Schwachen, würde mir fehlen – und das Leben Jesu wäre in Vergessenheit geraten.

Autor: In diesen Antworten wird Kirche verstanden als Gottesdienst, als Rückzugsort, als Gemeinschaft und als ihr Auftrag. Natürlich sind diese positiven Antworten auch davon geprägt, dass die Pflegeschule einen kirchlichen Träger hat, der  bei der Auswahl der Schülerinnen und Schüler auf  Konfession Wert legt. Besonders deutlich wird die kirchliche Bindung bei einer Schülerin aus Polen. Sie schreibt:

Sprecherin: Mit der Kirche verbinde ich bestimmte Rituale. Ich erinnere mich an damals in Polen: Als ich noch klein war, sind wir jeden Sonntag mit der ganzen Familie zusammen in die Kirche gegangen. Ich konnte immer mein schönstes Kleid anziehen und neue Schuhe. Wir haben viel zusammen gesungen und uns alle miteinander versöhnt. Hätte es die Kirche nicht gegeben, hätte ich diese schönen Momente nicht erlebt. Als Jugendliche habe ich immer die Kirche als Ort der Zuflucht betrachtet – da konnte ich leise meine Probleme loswerden.

Musik 2: Johann Sebastian Bach: Wachet auf, ruft uns die Stimme (Schübler – Choräle); Matthias Eisenberg – Orgel. Die neue Sonnenorgel in St. Peter und Paul zu Görlitz 1997, Track 3

Autor: Aber unter den jungen Erwachsenen gibt es auch kritische Stimmen, die sich besonders gegen Kirche als Institution richten. Die würde vielen nicht fehlen, wenn es sie nicht gäbe. So schreibt jemand:

Sprecherin: Wenn wir rein von der Institution Kirche reden, würde mir nur wenig fehlen. Mein Glaube ist frei und unabhängig von Institutionen, Gebäuden oder Menschen. Die Kirche ist für mich nur wichtig, wegen der Gemeinschaft mit anderen Menschen, mit denen ich meinen Glauben teilen und erweitern kann, ein Ort, an dem ich junge Leute prägen kann und aus der Vergangenheit älterer Generationen lerne. Ich sehe die Gemeinde als Familie, die Schutz und Trost bietet und eine Rückzugsmöglichkeit gibt. Doch zu viel darf ein Mensch nicht auf die Gemeinde und Kirche bauen, denn Christen können enttäuschen – Christus nie. Daher ist der persönliche Glaube allem übergeordnet.

Autor: Und auch auf die Kirche als Gebäude und Versammlungsort könnten viele verzichten, wie jemand meint:

Sprecherin: Ich denke, mir würde nichts fehlen. Ich glaube zwar an Gott, doch dafür brauche ich die Kirche nicht. Gott ist in mir und um mich herum. Ich verbinde mit der Kirche einfach nur ein Haus und Geldmacherei. Deswegen glaube ich aber noch lange nicht weniger als andere an Gott. Ich möchte niemanden zwischen Gott und mir als Vermittler oder Vertreter.

Musik 3: Johann Sebastian Bach: Wachet auf, ruft uns die Stimme (Schübler – Choräle); Matthias Eisenberg – Orgel, Die neue Sonnenorgel in St. Peter und Paul zu Görlitz 1997, Track 3

Sprecher: Was ich dieser Kirche, wenn ich sie nicht mag, von Herzen gönne, ist, dass sie ihren Gründer nie loskriegen wird.

Autor: Dieser Satz stammt von Peter Bichsel, einem Schweizer Schriftsteller, der kürzlich 75 Jahre alt geworden ist. Beheimatet in Solothurn ist Bichsel doch mehr als  ein Heimatschriftsteller. Seine Geschichten handeln von Menschen „die dort zu Hause sind, wo sie sind“ – sei es in Zürich, in Olten oder in New York – und die sich dennoch fragen: „Wo eigentlich wohnen wir?“

Sprecher: Wo ist das, fragen sie sich und uns, was man gemeinhin Heimat nennt, wo ist der Ort, an dem die Quelle der Erinnerung am heftigsten sprudelt, wo sind und waren die Gerüche, Stimmen und Gesten, die uns vertraut sind, ohne die wir uns nicht empfinden oder nüchtern gesagt, definieren könnten? Peter Bichsel erzählt. Und im Erzählen zeigt sich, dass das Gefühl, beheimatet zu sein, von Menschen abhängt und, vor allem, von Sprache und Geschichten, in denen wir uns erkennen. Bichsel sagt: „Wer Heimat verliert, verliert auch sein Verhältnis zur Welt.“

Autor: Als Kind und Jugendlicher war Peter Bichsel auch in seiner Kirche zu Hause. In einer seiner Geschichten erinnert er sich:

Sprecher:  Als Kind wollte ich Missionar werden. Ich wollte in die Wildnis, nach Afrika. Ich wollte die Wilden zu Christen machen, ich wollte sie wohl zivilisieren. Ich wäre auch selbst gern in eine Missionsschule gegangen  - in jene Schule, wie ich mir vorstellte, wo man nichts anderes lernt als die Buchstaben. Die Missionare waren überzeugt davon, dass die Zivilisation mit den Buchstaben beginnt, mit den Buchstaben der Schrift, der Heiligen Schrift.

Autor: Die Liebe zu den Buchstaben ist Bichsel geblieben und hat ihn Schriftsteller werden lassen. Auch die Liebe zum Geist der Heiligen Schrift ist geblieben und hat ihn zum Kritiker der Kirche gemacht:

Sprecher: Ich gehöre der Kirche nur noch auf dem Papier an wie viele andere auch …
Mit Atheismus hat das … nichts zu tun, mit Kirchenfeindlichkeit auch nicht. Ich habe höchstens den Verdacht, dass mich die Kirche langweilt …
Ob ich noch glaube, ich weiß es nicht, aber zum mindesten erinnere ich mich noch daran. Ich bin dankbar dafür, dass ich meine Jugend in dieser Kirche verbringen durfte. Meine Dankbarkeit verbietet mir, ihr meinen Obolus zu entziehen. Die Kirche hat irgendwo immer noch meine Sympathie.

Autor: Und seine Sympathie mit der Kirche zeigt sich eben auch noch in dem Satz:
Was ich dieser Kirche, wenn ich sie nicht mag, von Herzen gönne, ist, dass sie ihren Gründer nie loskriegen wird. Für mich ist das eine erstaunliche Aussage  von einem Kritiker, der seiner früher von ihm geliebten Kirche heute noch das an den Hals wünscht, was für sie aus meiner Sicht nicht besser sein kann, nämlich dass sie ihren Gründer nie loskriegen wird. Das klingt nach Schadenfreude aus enttäuschter Liebe – es wird ja unterstellt, dass Kirche ihren Gründer überhaupt loskriegen will. Aber auch wenn man diese Unterstellung nicht teilt und auch wenn man einmal davon absieht, dass  Christus nicht unbedingt der Gründer der Kirche ist, sondern ihr Grund und Fundament, dann kann der Kirche tatsächlich nichts Besseres passieren, als dass sie Jesus Christus nie loskriegen wird. Peter Bichsel begründet seine Ansicht so:

Sprecher: (Die Kirche) kann so konservativ werden, wie sie will, sie wird (Jesus) mitschleppen müssen. Und immer wieder werden sich Weltverbesserer und Revolutionäre und Unterdrückte und Leidende auf ihn beziehen. Da werden sie predigen können, was sie wollen: Sie werden das nicht verhindern können. Und da kann ein Prediger so konservativ sein, wie er will, seine Mühe ist vergebliche Mühe. Christus ist so oder so das Andere. …

Autor: Was ist Kirche? So fragt Heribert Prantl und antwortet: Kirche ist das, was es ohne sie nicht gäbe. Und zählt Vieles auf, was ihm selber fehlen würde und was auch in den Antworten der jungen Erwachsenen genannt wird. Was ist Kirche? Wir können jetzt mit Peter Bichsel als Antwort hinzufügen: Kirche wird ihren Gründer nie loskriegen. Oder anders gesagt: Kirche ist das, was es ohne Jesus nicht gäbe. Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag! Ich bin Henning Theurich, evangelischer Theologe aus Bonn.

Musik 4: Johann Sebastian Bach: Wachet auf, ruft uns die Stimme (Schübler – Choräle); Matthias Eisenberg – Orgel, Die neue Sonnenorgel in St. Peter und Paul zu Görlitz 1997, Track 3

Zitate aus: Heribert Prantl, Was ist Kirche? (SZ  12./13. Mai 2010)
Peter Bichsel, Wo wir wohnen. Geschichten, hg. v. Rainer Weiss, Insel – Bücherei Nr. 1253, 2004.
Peter Bichsel, Über Gott und die Welt, Texte zur Religion, hg. v. Andreas Mauz 2009.


 

Audiobeitrag "Kirche ist das, was es ohne sie nicht gäbe"


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