Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.07.10, Pastorin Sabine Steinwender-Schnitzius

Reisen

Emma ist zurück aus dem Urlaub – total genervt. Diese unerträgliche Hitze, die nörgelnden Kinder und ihr Mann immer am Laptop.

Eigentlich war alles wie immer – sagt sie – bis auf die Hitze. Und die nächtliche Ruhestörung. Jeden zweiten Abend Animation, da kann einem das Lachen schon vergehen. In der schönsten Zeit des Jahres der Urlaubs-und Reisezeit.

Auch meine Freundin Anja ist wieder zurück. Gut sieht sie aus, knackig braun und ein paar Kilo leichter. Klar, bei drei Wochen Sardinien. Doch auch bei ihr war nicht nur eitler Sonnenschein. Noch in der ersten Woche sei es passiert. Sie habe  am Strand gelegen, vor sich hingedöst und plötzlich sei er da gewesen, ihr Chef. Von oben habe er auf sie herabgeblickt – so wie immer – 228 Tage im Jahr. Da sei sie ausgeflippt. Wollte sofort kündigen. Obwohl er gar nicht in echt da war – sie hatte es geträumt.

Jetzt wo viele aus den Ferien zurück sind, hören wir sie wieder, die Geschichten von Emma und Anja – sie sind uns vertraut. Und auch viele von uns haben sie schon gemacht, die Erfahrung von einem missglückten Urlaub. Das Glück, nach dem wir uns sehnen, wir konnten es nicht finden. Egal wohin wir reisten. Ob nach Biarritz oder New York, nach Sylt oder in den Hohentauern, an die mecklenburgische Seenplatte oder in die Karibik. Egal wie wir reisten. Ob alleine oder mit Freunden, mit Kindern oder ohne, all inclusive oder ganz individuell. Nicht immer war alles gut. Die Beziehung, das Hotel, das Wetter, das Essen und sofort. Deshalb sollten wir uns fragen, ob das Glück auch wirklich dort ist, wo wir es suchen? Ist es nicht vielmehr immer gleich nah oder gleich weit entfernt. Ist der Ort, wo wir es finden können, nicht vielmehr in uns selbst? Und glücklich sein eine Kunst des Alltags? So wie wir es in der Bibel beim Prediger Salomo (9,7 ff) nachlesen können:

„So geh hin und iss dein Brot mit Freude, und trink deinen Wein mit gutem Mut, denn dies dein Tun hat Gott schon längst gefallen. Lass Deine Kleider immer weiß sein und lass deinem Haupte Salbe nicht mangeln. Genieße das Leben mit der Frau, die du liebhast, solange Du das eitle Leben hast, das dir Gott unter der Sonne gegeben hat. „

So schreibt Salomo, der vor rund zweieinhalb Tausend Jahren gelebt hat. Damals als die Menschen nicht wussten, was Urlaub ist.  Für mich heute hört sich dieser Text aber wie ein Urlaubstext an. Das gute Leben von dem hier gesprochen wird, meint jeden Tag. Ohne Ausnahme. Genieße jeden Tag, heißt es bei Salomo.  Das ist gar nicht so einfach – wie ich finde.

Freue dich, an dem was du hast. Lass dir das Leben schmecken und lass es dir nicht vermiesen. Mit allen Sinnen nimm wahr was um dich herum passiert und übersieh das Schöne nicht. Lebe ganz bewusst an diesem Tag. Du brauchst nicht abzuhauen, nicht wegzulaufen. Bleibe dir und den Menschen, die du magst, treu. Lass dich von den Sorgen nicht unterkriegen. Sie haben auch ihre Zeiten. Pack das Leben an und tu was. Für dich und für andere. Damit du dich spürst, dich erfährst und dich freust an der Zeit, die jeder Tag dir schenkt. 

Jeden Tag genießen wie einen Urlaubstag. Wenn dies gelingt, wenn wir jeden Tag unser Glück in dem finden, was wir haben, dann  werden wir gelassener. Leben im Hier und Jetzt und verschieben nicht alles auf die schönste Zeit des Jahres. Doch wenn es dann soweit ist: Wenn es wieder heißt Koffer packen, dann können wir auch ganz gelassen verreisen. Und das ist – wie ich finde - eine gute Voraussetzung. Für die schönste Zeit des Jahres.  Also probieren wir es doch einmal mit Salomo – bis zum nächsten Urlaub.

Audiobeitrag Reisen


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