Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.07.10, Pastor Stephan Kiepe-Fahrenholz

Schuld und Verantwortung

Wie konnte das um Gottes Willes nur passieren? – das war, vor allem bei unmittelbar Betroffenen und ihren Angehörigen, die erste fassungslose Frage

nach der fürchterlichen Katastrophe, die am vergangenen Samstag über die Loveparade in Duisburg hereingebrochen ist.

Wer hat das zu verantworten? – das ist die zweite Frage, die unmittelbar nach der ersten, noch sprachlosen Betroffenheit, schon am Tag des Unheils laut und seitdem immer lauter wurde. Diese Frage ist menschlich ebenso verständlich wie die Fassungslosigkeit. Und gerade der jetzt von allen, die sich zu Wort melden, beschworene Respekt vor den Toten und Verletzten gebietet nicht nur Trauer und Klage, sondern auch die Forderung, dass geklärt wird, was genau passiert ist. Und warum.

Die Pressekonferenz, mit der die Duisburger Stadtspitze und der Geschäftsführer der Loveparade vorgestern, am Sonntag, an die Öffentlichkeit traten, war da kein Heldenstück. Wäre es wirklich zu viel verlangt gewesen, wenn man vielleicht als erstes eingestanden hätte, dass einem eine Situation katastrophal aus dem Ruder gelaufen ist? Stattdessen: Verweis auf laufende Ermittlungen, Verweis auf das schlüssige Sicherheitskonzept, ansonsten Schweigen. Und höchstens noch der Hinweis, dass da schließlich Leute eigenmächtig eine gesperrte Treppe benutzt hätten. Von da bis zu der unausgesprochenen Vermutung, dass die Opfer selbst Schuld sind, ist es nur noch ein Schritt.

Wer ist Schuld? Diese Frage wird jetzt vor allem in Presse, Fernsehen und Internet immer drängender gestellt, und es ist nachvollziehbar, dass die Veranstalter der Loveparade, sichtlich in die Enge getrieben, vor schnellen Schuldzuweisungen und Vorverurteilungen warnen. Aber ebenso vorschnell ist es, wenn man für sich selbst sehr deutlich reklamiert, man habe keinesfalls einen Fehler gemacht. Denn der Frage nach der Schuld lässt sich so billig nie und nirgends ausweichen.

Dass schreckliche Ereignisse nicht einfach mal eben so über die Menschen hereinbrechen und auch keineswegs von irgendeinem blind waltenden und wütenden Schicksal verhängt werden, weiß beispielsweise die Bibel ganz genau. Sie weist von ihrer ersten bis zur letzten Seite immer wieder nach, dass es einen Zusammenhang von Ursache und Wirkung, von Tun und Ergehen gibt. Sie geht sogar so weit zu behaupten, dass nicht nur einzelne Menschen Schuld auf sich laden, sondern dass es zum Menschsein gehört, immer wieder schuldig zu werden, so sehr man sich auch um das Gute und Richtige bemühen mag.

Diese manchmal schwer zu begreifende Natur der Menschen ist dann aber umgekehrt gerade der Grund dafür, dass nach der Bibel kein Mensch an seiner Schuld zerbrechen muss, sondern jeder immer wieder neu aus der Vergebung seiner Schuld leben kann und darf. Vergebung ist allerdings nicht der Schwamm, mit dem der liebe Gott mal eben die Schuld wegwischt wie der Lehrer an der Tafel. Sondern die Schwester der Vergebung heißt Verantwortung. Verantwortung, die wir alle zu tragen haben für das, was wir mit unserm Tun wie mit unserm Unterlassen gewollt oder ungewollt auslösen. Das wegreden zu wollen, wäre Verhöhnung der Opfer.

Audiobeitrag Schuld und Verantwortung


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