Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.07.10, Pastorin Sabine Steinwender-Schnitzius

Loveparade

Noch immer sind wir fassungslos. Bei der Loveparade am Samstag in Duisburg kam es zu einer Massenpanik: 19 Tote und Hunderte Verletzte. Wir fragen, wie konnte das passieren?

Schnell werden sie ausgesprochen, die Schuldzuschreibungen. Es gibt viele, die man jetzt beschuldigt. Die Stadt Duisburg sei schuld, heißt es überall. Aber auch die Veranstalter. Wie könne man 1,4 Millionen Menschen durch einen einzigen Tunnel schicken? Und warum habe die Polizei das Gelände erst so spät abgesperrt?  Andere machen die Teilnehmer mitverantwortlich. Sie seien einfach über Absperrungen geklettert und aus schwindelerregender Höhe in den Tod gestürzt.

Doch sie helfen im Moment nicht die Schuldzuweisungen.  Was bleibt sind  Wut und Trauer. Natürlich muss die Frage der Schuld geklärt werden. In den  nächsten Wochen. Doch fest steht: Niemand wollte das so etwas Grauenhaftes passiert und dennoch ist es geschehen. Das Auszuhalten, diese Traurigkeit, diese Ohnmacht, dieses nichts mehr tun können, ist schwer. Es bringt uns an unsere Grenzen und lässt mich nach Gott fragen. Mein Gott, mein Gott – wo bist du gewesen? Als die jungen Menschen zu Tode gequetscht wurden.

Diese Erfahrung von „Gott ist nicht da“- von Gottes Abwesenheit – sie ist uralt. Schon die Psalmen in der Bibel erzählen davon. Im Psalm 22 heißt es:
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern meinem Schreien  den Worten meiner Klage. Mein Gott ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort. Ich rufe bei Nacht und finde doch keine Ruhe.“

So schreien Ohnmächtige. So wie die Opfer der Loveparade.

Ich denke an die Verstorbenen und ihre Familien. An die Verletzten, die nicht mehr fliehen konnten, an die hilflosen Helfer, deren Hilfe zu spät kam, an die Verantwortlichen, die sich schwere Vorwürfe machen. Es ist jetzt die Zeit der Klage. Warum – mein Gott- warum hast du mich verlassen? Es darf geklagt werden, geschrien, geweint, geschimpft – so laut, dass die Erde erbebt und der Himmel erzittert. Es darf geklagt werden:  Stumm und leise, mit lautloser Stimme, mit trockenem Auge und erstarrtem Körper. Und es gibt sie: Die Erfahrung von Gott hört - Gott hört uns zu. Auch davon erzählen die Psalmen. „Gott - Dir haben unsere Väter vertraut, sie haben vertraut und du hast sie gerettet“ (Ps 22).

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ – es sind auch die Worte von Jesus am Kreuz. Die Worte von Karfreitag, als Jesus gekreuzigt wurde und starb und nach drei Tagen auferstand von den Toten.  Ich glaube, dass damit das Leben stärker ist als der Tod. Kein billiger Trost –zarte Hoffnung.

Jetzt aber ist Nacht, die Zeit der Klage und des Gebets.

Möge Gott den Hinterbliebenen, den Verletzten, den Helfern, den Verantwortlichen und allen Betroffenen Menschen schicken, die ihnen beistehen. Das Unerträgliche zu ertragen und wieder neuen Lebensmut zu finden. Denn ich glaube an die Zusage Gottes, dass er bei uns sind wird, alle Tage.  Bis an der Welt Ende.

Audiobeitrag Loveparade


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