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Komm in unsre stolze Welt (eg 428)
Autor: Vorne am Rednerpult steht ein schmaler Mann. Noch keine 60 Jahre alt. Von Beruf: Chirurg. Er hält einen Vortrag über das Thema:
"Vom Sinn der Barmherzigkeit in der modernen Welt." Hans Graf von Lehndorff ist Chefarzt eines Evangelischen Krankenhauses in Bonn. Man schreibt das Jahr 1968. Mit nüchterner Klarheit spricht von Lehndorff darüber, was echter Beistand in der Not bedeutet. Am Ende seines Vortrags wechselt von Lehndorff überraschend die Tonlage. Er schließt mit einem Gedicht. Dass die Verse von ihm stammen, sagt er nicht. Sein Gedicht ist ein eindringliches Gebet an Gott: Er möge mit seiner Barmherzigkeit in die Unbarmherzigkeiten dieser Welt kommen. "Komm in unsre stolze Welt, Herr, mit deiner Liebe Werben."
Musik 1 (Chor, 1. Strophe): Komm in unsre stolze Welt, Herr, mit deiner Liebe Werben. Überwinde Macht und Geld, lass die Völker nicht verderben. Wende Hass und Feindessinn auf den Weg des Friedens hin.
Autor: Bei einem Kirchenmusikertreffen in der damaligen DDR kreist im Jahre 1982 eine Mappe mit Texten. Sie enthält sonderbarerweise auch Graf Lehndorffs Schlussverse. Manfred Schlenker, damals Domkantor in Greifswald, wählt für sich dies gereimte Gebet. Er ist sofort davon angerührt, wie hier Gott von Strophe zu Strophe immer näher heran, immer tiefer hinein gebeten wird dorthin, wo Barmherzigkeit fehlt:
Sprecherin: Komm in unsre stolze Welt. Komm in unser reiches Land. Komm in unsre laute Stadt. Komm in unser festes Haus. Komm in unser dunkles Herz.
Autor: So sehnsuchtsvoll beginnen die einzelnen Strophen. Als Schlenker diese Verse vertont, da weiß er noch nicht, wer Hans Graf von Lehndorff ist. Er weiß nicht, dass dieser Mann 1961 im Westen einen Bestseller veröffentlicht hat: "Ostpreußisches Tagebuch - Aufzeichnungen eines Arztes aus den Jahren 1945 - 1947". Anfang 45 ist von Lehndorff Leiter eines Lazaretts in Königsberg. Er flieht nicht vor dem Einmarsch der russischen Armee und wird Zeuge von grenzenlosem Hass und Feindessinn. Sein Buch eignet sich in seiner Wahrhaftigkeit aber überhaupt nicht zu Aufrechnungen von Leid gegen Leid. Graf Lehndorffs Erinnerungen sind Ausdruck für seine tiefe Friedenssehnsucht. Erinnerungen wie diese: eine junge Ärztin stirbt. Monatelang hat sie zusammen mit ihm Tausende von Internierten versorgt. Sie stirbt, müde gemacht, todmüde von den finsteren Erlebnissen. Von Lehndorff erinnert sich:
Sprecher: Am Freitagabend hat das Herz aufgehört zu schlagen. (
) Einer bringt mir ein Holzkreuz, das er gemacht hat. Darauf schreiben wir ihren Namen, sowie das Geburts- und Todesdatum. Und auf die Rückseite schreiben wir die Schlussworte der Heiligen Schrift: Amen, ja komm, Herr Jesu." (S.153)
Musik 1: (Chor 2. Strophe) Komm in unser reiches Land, der du Arme liebst und Schwache, dass von Geiz und Unverstand unser Menschenherz erwache. Schaff aus unserm Überfluss Rettung dem, der hungern muss.
Sprecherin: (2. Strophe): Komm in unser reiches Land, der du Arme liebst und Schwache, dass von Geiz und Unverstand unser Menschenherz erwache. Schaff aus unserm Überfluss Rettung dem, der hungern muss.
Autor: Am Ende seines "Ostpreußischen Tagebuchs" berichtet Graf Lehndorff, wie er im Frühling 47 mittellos in Berlin ankommt, hungrig an Leib und Seele. Aber er wird nicht im Stich gelassen. Am eigenen Leib, an eigener Seele erfährt er, was Barmherzigkeit ist. Er trifft Menschen, die ihm zuhören, einfach zuhören, bei denen er das Erlebte loswerden kann.
Sprecher: ...und dann geschah es, dass ein Mensch, dem ich berichte, mitten im Strom des Erzählens ein Stück Brot aus der Tasche nahm, es durchbrach und mir die Hälfte davon reichte - eine Geste, wie sie in jenen Tagen des Mangels üblich war. (S. 286)
Autor: Möglich, dass es in unserem reichen Land meist nicht nötig ist, ein Stück Brot aus der Tasche zu ziehen. Es reicht vielleicht, dass ich meine Hand aus der Tasche nehme und sie einem reiche, der eine hungrige Seele hat.
Instrumentalmusik 2 (Orgel, Nr. 2)
Autor: Vielleicht einem Geknickten, einem Mutlosen, der sich verirrt hat im Straßenlärm unserer lauten Stadt?
Sprecherin: (3. Strophe): Komm in unsre laute Stadt, Herr, mit deines Schweigens Mitte, dass, wer keinen Mut mehr hat, sich von dir die Kraft erbitte für den Weg durch Lärm und Streit hin zu deiner Ewigkeit.
Autor: Wie klingt es, wenn ein Mutloser wieder Kraft bekommt und wieder anfängt, sein Lebenslied zu pfeifen? Wie klingt es, wenn einer eine Hand ergreifen, sich hochziehen kann und sich dann wieder aufmacht auf seinen Lebensweg? Manfred Schlenker hat Orgelvariationen zu seiner Melodie geschrieben - und seine Musik zu dieser Strophe sagt mehr als 1000 Worte:
Instrumentalmusik 2 (Orgel, Nr. 5)
Autor: Von Strophe zu Strophe kommt uns das Sehnsuchtslied näher und näher. Erst in die Welt, dann in das Land, dann in die Stadt wird Gott herbeigesehnt. Aber noch könnte man sagen: es ist da draußen. Doch das Lied geht weiter. Nun kommt es in den privaten Bereich und überschreitet die Schwelle zu unseren vier Wänden:
Musik 1 (Chor, Strophe 4): Komm in unser festes Haus, der du nackt und ungeborgen. Mach ein leichtes Zelt daraus, das uns deckt kaum bis zum Morgen: denn, wer sicher wohnt, vergisst, dass er auf dem Weg noch ist.
Sprecherin: (4. Strophe): Komm in unser festes Haus, der du nackt und ungeborgen. Mach ein leichtes Zelt daraus, das uns deckt kaum bis zum Morgen: denn wer sicher wohnt, vergisst, dass er auf dem Weg noch ist.
Autor: Der Herr, nackt und ungeborgen: da klingt Weihnachten an. Das neugeborene Jesus-Kind draußen in der Krippe. Und in der Tat hat Graf Lehndorff am Ende seines Vortrags über die Barmherzigkeit dies gereimte Gebet angekündigt als: kleines neuzeitliches Adventslied. Ein Adventslied mitten im Juli? Für den Komponisten Schlenker ist das kein Widerspruch, denn er hat einmal betont: für Kirche ist immer Advent. Sie wartet immer auf Gott. Auf Seine Barmherzigkeit. Wartet geradezu darauf, von Ihm verändert zu werden. Deswegen wird das Sehnsuchtslied so persönlich, geht es unter die Haut und ans Herz und will es erleuchten.
Instrumentalmusik 2 (Orgel Nr.3)
Sprecherin: (5. Strophe): Komm in unser dunkles Herz, Herr, mit deines Lichtes Fülle; dass nicht Neid, Angst, Not und Schmerz deine Wahrheit uns verhülle, die auch noch in tiefer Nacht Menschenleben herrlich macht.
Autor: Wie kann ein Menschenleben in tiefer Nacht herrlich werden? Der Arzt Graf von Lehndorff hat es erlebt in der finstersten Zeit seines Lebens und in seinem Ostpreußischen Tagebuch festgehalten. Mit wenigen Helfern versorgt er die Kranken und Verwundeten eines riesigen Internierungslagers, dankbar für jede helfende Hand wie etwa die von Erika. Das Mädchen hat seine ganze Familie verloren und ist plötzlich einfach da und hilft. Eines Nachts nun wollen sich die Helfer wie immer erschöpft und hungrig schlafen legen. Da geschieht es:
Sprecher: Ehe wir dann ins Nest kriechen, hat die Erika noch eine Überraschung für uns. (...) Es ist ihr gelungen, einem Russen Kartoffeln abzubetteln. Nun gibt es um Mitternacht Kartoffelsuppe, eine aufregende Sache im Stockdunkeln. Erika sitzt in der Küche und heult vor Freude." (S. 124f)
Autor: Für Hans Graf von Lehndorff hat Gott da schon in tiefer Nacht Menschenleben herrlich gemacht. Wegen solcher Erlebnisse hat dieser Arzt die Sehnsucht nach Barmherzigkeit in sich wach halten können konnte er immer wieder selber Barmherzigkeit üben. Den großen Erlös zum Beispiel, den ihm sein Ostpreußisches Tagebuch einbrachte, gab er vollständig weiter - an die ökumenische Brüdergemeinschaft in Taizé. Sie baute davon ihre Pilgerkirche.
Musik 1 (Chor Strophe 5): Komm in unser dunkles Herz, Herr, mit deines Lichtes Fülle; dass nicht Neid, Angst, Not und Schmerz deine Wahrheit uns verhülle, die auch noch in tiefer Nacht Menschenleben herrlich macht.
Musikinformationen:
Musik 1 CD-Titel: Komm in unsre stolze Welt, Herr mit deiner Liebe (zu vier Stimmen) Track-Nr. + Titel: Track 8 Komm in unsre stolze Welt, Herr mit deiner Liebe Text von Dichter: Hans von Lehndorff Komponist: Manfred Schlenker Chor: Chorgemeinschaft an der Ruhr unter der Leitung von: Karl Heinz Mertens
Musik 2 CD-Titel: Schlenker: Komm in unsre stolze Welt - Partita für Orgel /EG 428 Komponist: Manfred Schlenker Organist: Christian Schlicke
Literaturhinweis:
Hans Graf von Lehndorff: Ostpreußisches Tagebuch. Aufzeichnungen eines Arztes aus den Jahren 1945 1947. 30. Auflage März 2008. Deutscher Taschenbuch Verlag, München.
Hans Graf von Lehndorff: Vom Sinn der Barmherzigkeit in der modernen Welt. In: Bethel, Beiträge aus der Arbeit der v. Bodelschwinghschen Anstalten, in Bethel bei Bielefeld, Heft 5, 1969, Verlagshandlung der Anstalt Bethel, Bethel bei Bielefeld.
Dietrich Meyer (Hrsg.), Das neue Lied im evangelischen Gesangbuch - Lieddichter und Komponisten berichten in der Arbeitshilfe des Archivs der evangelischen Kirche im Rheinland, 2. überarbeitete Auflage 2001, Verlag: Evangelische Kirche im Rheinland, Düsseldorf.
Komm in unsre stolze Welt (eg 428)
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