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Rom muss anders von der Kirche denken
In der Katholischen Kirche gärt es. Die vielen Fälle sexueller Gewalt an Kindern durch Priester haben den lange unterdrückten Reformbemühungen auf der ganzen Linie wieder
Auftrieb gegeben und Argumente geliefert. Die Basis läßt sich nicht mehr beschwichtigen. Und die evangelischen Christen? Können sie auf der Zuschauer-Empore Platz nehmen? Nein, auf gar keinen Fall!
Sicher, die Hauptforderungen der katholischen Reformationsbewegung sind bei uns, teilweise schon seit Martin Luther, kein Thema mehr: Abschaffung des Pflichtzölibats, Zulassung der Frauen zum vollgültigen Pfarrdienst, Gastrecht für alle Getauften beim Abendmahl, Respekt vor Gewissensentscheidungen in sexuellen Fragen, Kollegialität statt Unterordnung bei den Ämtern.
Trotzdem: unser Platz ist nicht das hohe Roß. Der Hauptgrund dafür steht beim Apostel Paulus: "Leidet ein Körperteil am Leib Christi,, leiden alle anderen mit." Das heißt freilich: Unsere mitleidende Solidarität gilt den gebeugten katholischen Geschwistern, nicht einer unbeugsamen römischen Kirche. Von ihr wünschen wir uns vielmehr, daß sie ihre Lehre von der Kirche grundlegend revidiert: Nicht unerschütterliche und irrtumsfreie sakramentale Gnadenanstalt, sondern wanderndes Gottesvolk, das einzig für die Welt da ist und nicht um seine Selbsterhaltung kämpft.
Es gibt einen zweiten Grund, warum wir als Protestanten beim "Gärungsprozeß" in der Katholischen Kirche nicht unbeteiligt bleiben können:
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Konfessionen nur austauschbar wahrgenommen werden. Ein schlechtes katholisches "Wort zum Sonntag" läßt zwei gute evangelische vergessen. Versteht der katholische Ethiker in der Talkshow etwas von der Sache, verzichtet man gerne auf einen evangelischen Schwätzer. Ein mutiger katholischer Dechant, der in seinen Pfarreien selbständiges Christsein befördert, wird auch den Evangelischen in seinem Bezirk zum Segen. Wird die Frohbotschaft in der einen Kirche zur Drohbotschaft verdunkelt, fällt der Schatten auch auf die andere.
Und noch etwas zum Schluß: Es nötigt Respekt ab, wie viele katholische Geschwister um eine evangeliumsgemäßere Kirche kämpfen und nicht daran denken, sie zu verlassen. Wir müssen sie darin bestätigen und ermutigen. Sie beschämen alle jene Protestanten, die oft um einer Lappalie oder um des Geldes willen ihrer Kirche den Rücken kehren.
Rom muss anders von der Kirche denken
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