Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.07.10, Pfarrer i.R. Hans-Dieter Osenberg

Kein Mensch wird als Schwein geboren

Da gibt es eine wirklich skurrile Begebenheit unter den Heilungswundern Jesu. Fast mehr zum Lachen, als zum Wundern.

Mein neutestamentlicher Lehrer nannte sie etwas süffisant "die Geschichte vom Schweineselbstmord".

Im zerklüfteten Gebirgszug des Golan am See Genezareth vegetiert ein Wahnsinniger. In den Grabhöhlen des Bergabhangs schreit er bei Tag und Nacht herum, verletzt sich selbst mit scharfen Steinen, und niemand kann ihn bändigen. Unten am See betreuen Hirten eine riesige Schweineherde. Eines Tages landet Jesus dort mit einem Boot an. Es ist heidnisches, nicht jüdisches Land, und die Schweine machen die Gegend noch zusätzlich unrein.

Plötzlich steht der Wahnsinnige vor Jesus und schreit ihn an: "Was habe ich mit dir zu schaffen? Quäle mich nicht!" Der Nazarener erkennt, was los ist und fragt nach seinem Namen. Da antwortet es aus dem Irren wie aus einem zweiten Menschen: "Legion heißen wir, denn wir sind viele." Als Jesus die Irrsinnsgeister austreiben will, bitten sie ihn, in die Schweine einfahren zu dürfen. Jesus entspricht der Bitte und urplötzlich rast die ganze Schweineherde davon, ein Tier stürzt über das andere und alle ohne Ausnahme ersaufen im See.

Urkomisch, nicht wahr? Was soll man damit anfangen?

Ich finde es bezeichnend, daß dieser Wahnsinnige als einer geschildert wird, der einer ist und doch zugleich aus vielen besteht. Viele beherrschen einen einzigen. Dieser Mann ist krank, und seine Krankheit treibt ihn an den Rand der menschlichen Gesellschaft. Er selbst wird mit sich und andere werden mit ihm nicht fertig.

Werden wir heute nicht fast jeden Tag mit Nachrichten von solchen Menschen überschwemmt? Jugendliche, die über Leichen gehen,, Schläger, die ihre Opfer zu Tode treten, Wettkampf-Trinker, Männer und Frauen, die Kinder sexuell mißbrauchen, Internet-Mobber, Selbstmordattentäter.

Diese Menschen sind krank. Es gehört nicht zu ihrer Natur, so etwas Scheußliches zu machen. Sie sind besessen von vielem. Es kommen eine Menge von Ursachen zusammen, wenn sie sich wie ein Schwein benehmen.

Jesus weiß, was zum Menschen selbst gehört und was nicht. Er kann den Unhold von Gottes Ebenbild trennen. Heute sind es nur wenige, die mit viel Geduld und Sachverstand diese "Besessenen" therapieren können. Aber sie haben nur Erfolg damit, wenn wir alle in Jesu Spuren gehen und solche Wahnsinnstäter nicht mit ihren Taten identifizieren.

Vielleicht denken Sie mal dran, wenn es Ihnen das nächste Mal wieder auf der Zunge liegt, zu sagen: "Diese Schweine!"

Audiobeitrag Kein Mensch wird als Schwein geboren


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