Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.07.10, Pfarrer i.R. Hans-Dieter Osenberg

Buchstaben, die Töten

Es muß unbedingt einmal etwas klargestellt werden: Gottes Wort "an sich" gibt es gar nicht.

Wenn Sie sich darüber empören wollen, stellen Sie es bitte noch einen Augenblick zurück. Aber warum ist es so wichtig, das festzustellen?

Weil immer mehr Konflikte und Blutvergießen in der Welt auf diesen furchtbaren Irrtum zurückzuführen sind. Menschen befehden sich gegenseitig, Aufstände brechen aus, Kirchen zerbrechen, weil man eine bestimmte Anweisung der Bibel oder aus dem Koran für sich reklamiert. Ultraorthodoxe Juden, christliche Gegner homosexueller Liebe, evangelikale Schulverweigerer, römisch-katholische Bekämpfer des Frauenpriestertums, Kopftuch-Befürworter und Kopftuch-Bestreiter - jeder schwenkt sein Beweisstück, schwarz auf weiß: Gott oder Mohammed hat gesagt.

Deshalb noch einmal - um des Friedens in der Welt willen: Gottes Wort gibt es nicht "an sich". Nicht in der Konservendose sozusagen. Es ergeht immer nur aktuell für jemanden in einer bestimmten Zeit. Gottes Geist schöpft immer frisch.

Das Neue Testament besteht aus einer Sammlung von 27 Schriften, entstanden innerhalb von rund 80 Jahren, einem Menschenalter also. Im Grunde alles kompakte Predigten verschiedener Verfasser an verschiedene Menschen zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Ländern. Sie sind auch heute ein unerläßlicher Kompaß, gewiß. Aber uns wird das Risiko zugemutet, sie eigenverantwortlich zu lesen und für unser Leben zu übersetzen.

Wer bestimmte Anweisungen darin eins zu eins aus der Vergangenheit ins Heute übernommen sehen will - das Verbot kirchlicher Ämter für Frauen beispielsweise oder das Verurteilen homoerotischer Beziehungen - der kommt in Teufels Küche. Denn dabei wird übersehen, daß Gott die Menschen im Laufe der vielen Jahrhunderte immer in verschiedenen gesellschaftlichen Zusammenhängen angesprochen hat. Als zum Beispiel immer mehr Nichtjuden zur jüdisch geprägten Gemeinde Jesu hinzukamen, erklärte man die jüdischen Speisegebote für nicht mehr gültig.

Die Bibel ist kein Papst aus Papier. Was in diesem Buch steht und Gottes geisterfülltes Wort heute decken sich nicht einfach.

Es gibt nur ein einziges Kriterium, wenn man mit der Bibel als Kompaß durchs Leben gehen will: Was entspricht Jesus Christus, seinem Leben, seinem Handeln, seiner Liebe?

Gerade heute, wo sich Menschen immer häufiger unter Berufung auf Gottes Anweisung umbringen, gilt es zu hören, was Paulus knapp auf den Punkt gebracht hat: "Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig." (2.Kor.3,6)

Audiobeitrag Buchstaben, die Töten


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