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Der Stimmung Stimme geben Musik in der Kirche
Sprecher: Spannung liegt in der Luft. Gerade noch hat der König getobt jetzt sitzt er reglos auf seinem Thron. Der Blick ist leer und geht in unbekannte Ferne.
So kann man doch nicht regieren! Es muss endlich etwas geschehen mit König Saul. Seine Ratgeber und Bediensteten machen sich ernstlich Sorgen. Der König ist verstimmt unerreichbar und unberechenbar. Da ersinnt man am Hof einen Ausweg: Musik soll den König umstimmen, soll andere Schwingungen seiner Seele zum Klingen bringen, eine andere Tonart in ihm anschlagen als das Getöse der Hörner, die zu Kampf und Tod rufen.
Autorin: Die biblische Geschichte vom König Saul und David, dem Hirtenjunge und Harfenspieler, entfaltet die Wirkung von Musik. Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Mein Name ist Sabine Haupt-Scherer, ich arbeite als Pfarrerin auf dem Jugendhof Vlotho, dem Bildungszentrum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe.
Musik Park Stickney, Moondance, CD Action Harp Play Set
Sprecher: Der Hirtenjunge David betritt den Thronsaal. In seinen Hände eine Harfe. David reguliert die Spannung der Saiten, bis die Töne harmonisch fließen. Das soll ihm jetzt auch bei seinem Gegenüber gelingen: Die sanften Klänge der Harfe bringen andere Seiten in Saul zum Klingen, erhellen sein Gemüt. Meist, so berichtet die Bibel, ist das gelungen. Saul war dann ruhiger und wohlgestimmter. Allerdings gab es auch andere Tage. An denen flog schon mal ein Speer in Davids Richtung.
Autorin: Gemeinsames Singen und Musizieren hellt die Stimmung auf. Da geht man eher genervt zur Chorprobe und denkt: Heute passt es mir aber gar nicht!. Man muss sich mühsam einstimmen, um mit den anderen auf einen Ton zu kommen. Wenn es dann am Ende klappt, gehen alle froh gestimmt nach Hause. Musikpädagoge Peter Ausländer erklärt das so:
O-Ton Peter Ausländer: Was machen denn, wenn wir Musik machen: Wir stimmen Instrumente. Was machen wir, wenn wir gemeinsam singen? Wir stimmen uns ab, das heißt: wir regulieren die Spannungsverhältnisse unserer Stimmbänder, unserer Stimmlippen oder wir regulieren die Spannungsverhältnisse der Saiten oder wir regulieren bei Blechblasinstrumenten die Spannung von Luftstrom und die Lippenspannung. Das ist immer ein Regulieren von Spannung dass es nicht zu viel, dass es nicht zu wenig ist, um zum gemeinsamen Spiel und zum Zusammenklang zu kommen, - und das ist natürlich eine köstliche Erfahrung.
Autorin: Ganz anders als Sprache erreicht die Musik unser Gefühl und unser Herz, drückt Trauer und Klage genauso aus wie Jubel und Freude, gibt der Sehnsucht Kraft und hilft, die Angst zu bannen. Wo Gefühle im Spiel sind, fängt die Sprache fast automatisch an zu klingen. Musik und Singen kann seelsorglich, fast therapeutisch wirken: kann unsere Stimmung anklingen lassen, aus uns heraustragen und wieder verklingen lassen, kann uns helfen, uns umzustimmen und aufeinander einzustimmen.
Musik - Titel: Ode an die Freude CD Happy Baby - Klassik
Autorin: Wo gesungen wird, da lass dich ruhig nieder. Böse Menschen haben keine Lieder! dichtet der Volksmund. Er fängt damit die Erfahrung ein, dass sich über das Singen die Spannung reguliert und die Stimmung heilsam aufhält. Und doch irrt der Volksmund hier. Musik ist offen dafür, heilsam, verführerisch oder gar destruktiv gebraucht zu werden. Sie kann uns über unsere Grenzen peitschen, kann uns betäuben, einlullen aufrütteln, verbinden immer kommt es darauf an, mit welchem Interesse wir singen oder musizieren.
Musik Titel: Schwarzbraun ist die Haselnuss; Interpet: Hubert Deuringer; CD: In Mutters Stübele
Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckte die Jugend das Singen und das Volkslied neu, die Jugendmusikbewegung entstand. War in der Wandervogelbewegung noch das Wandern im Vordergrund und das Singen kam hinzu, so wurde jetzt der Gruppengesang zur gemeinschaftsstiftenden Erfahrung. Genau auf diese Wirkung setzen auch die Nationalsozialisten. 1933 pflegten sie gezielt den Gruppengesang. Etwa in der Hitlerjugend.
O-Ton Peter Ausländer: Das hatte so etwas Begeisterndes und Faszinierendes dass man über diese Begeisterung und diese Faszination den Blick verloren hat für das, was politisch sich abspielte.
Autorin: Es gibt ein Schlüsselerlebnis, das Peter Ausländer immer wieder erzählt: In einem Seminar zur kulturellen Bildung sitzt er mit den Jugendlichen abends am Kamin und sie singen gemeinsam zur Gitarre Lieder. Da kommt ein Großvater dazu, der seine Enkelin besucht, die hier Teilnehmerin ist, und sagt: Oh, wie schön, genau wie bei uns damals, und er spielte damit an auf die Zeit, in der der Jugendhof noch eine Hitlerjugend-Bannführerschule im Dritten Reich war.
O-Ton Peter Ausländer: Da fängt dann natürlich die Diskussion und der Geschichtsunterricht an und da liegt eine Last in dieser Tradition, die für mich eben bedeutet, dass ich, wenn wir singen, und gerade auch, wenn wir mit wachsender Begeisterung singen, dass wir uns gleichzeitig immer in Wachsamkeit üben müssen.
Autorin: Gerade weil die Musik eher das Gefühl anspricht als das Denken, macht sie uns verführbar. Musik in Fitnessstudios peitscht uns über die Erschöpfungsgrenze, Marschmusik soll die Tötungshemmung senken, Jugendliche betäuben ihre Frusterfahrungen mit Musik in körperverletzender Lautstärke .Werbefachleute suchen uns durch leise Musik in den Supermärkten zum Kauf zu locken.Für Peter Ausländer schleicht sich selbst bei Kirchentagen ein irritierendes Gefühl ein, wenn er die großen Gesänge erlebt und sieht, wie Tausende da stehen und rhythmisch mit Tüchern wedeln genauso bei der Fußball-WM, wenn dort begeistert gesungen und getutet wird.
O-Ton Peter Ausländer: Meine Sorge ist immer, wenn Massen sich auf gleiche Weise gebärden, dass im Blick noch ist, wer dahinter steht, und wo es hingehen soll, also wohin sich die Masse treiben lässt, unter Umständen.
Autorin: Immer bleibt die Frage bei der Begeisterung für die Musik, wes Geistes Kind sie ist.
Musik: Titel: Herr, Deine Gnade; Interpret: Andreas Volz; CD Eine Hand voll Himmel; LC 3893
Autorin: In einer Zeit, die auf das Sichtbare konzentriert ist und in der wir einen Großteil unseres Lebens vor Bildschirmen verbringen, in der es zu jedem bekannten Lied auch einen Videoclip gibt, mutet die Konzentration auf das Hören ungewöhnlich an. Und doch ist das Hören der erste Sinn, der sich beim Kind im Mutterleib ausprägt. Wenn es dann geboren wird, ist es die Stimme der Mutter, die das Kind schon kennt und die Zugehörigkeit vermittelt.
O-Ton Peter Ausländer: Ich glaube, dass man das Urvertrauen auch als Ohrvertrauen bezeichnen kann und dass es kein Zufall ist, dass wir eben in unserer Sprache das Zuhören so nah beim Dazu gehören formulieren.
Autorin: Peter Ausländer beschreibt, dass das Singen ja nur eine besondere Art ist zu Sprechen. Man kann beobachten, wenn Kinder spielen, dass die Sprache nahtlos übergeht ins Singen immer dann, wenn das Gefühl im Spiel stark angeregt ist. Auch in Glaubensdingen und in der Liturgie entwickelt sich die Sprache gerade da zum Gesang, wo es berührend und emotional wird. Aus dem Rezitieren der Schrift wird Sprechgesang. Sprache wird immer dann zum Singen, wenn die Botschaft besonders wichtig ist und wenn die Gefühle in besondere Weise angesprochen werden.
Musik- Titel: In Paradisum; CD Canter Gregorian
Autorin: Insofern gehörte gemeinsames Singen der Gläubigen schon immer zum Gottesdienst. Erst als die Kirche zur Staatskirche wurde, war das Singen den Priestern vorbehalten. Es war dann Luther, der das Singen und das Kirchenlied der Gemeinde zurückgegeben hat.
Dazugehören: da steckt nicht nur zufällig das Wort Hören drin. Gemeinsames Hören ist Heimat. Für Peter Ausländer schafft gerade gemeinsames Singen Heimat - und das Gefühl, vertraut zu sein und dazuzugehören. Er hat seine musikalische und pädagogische Arbeit zunehmend dem gemeinsamen Singen und Musizieren verschrieben in der kulturellen Bildung wie in der Kirche. Hatte er anfangs noch unterschiedliche Kurse für Kinder oder Erwachsene, Schüler oder Lehrer, Hochbegabte oder Menschen mit Einschränkungen gemacht, so hat er zunehmend alle gemeinsam unterrichtet. Die Trennung in der Altersgruppenarbeit hat für ihn etwas Gnadenloses. Viel wichtiger ist ihm eine Kultur des Miteinanders von Unterschiedlichem, die von einem gemeinsamen Interesse geleitet wird.
O-Ton Peter Ausländer: Mich hat vielmehr fasziniert die Möglichkeit, unabhängig von Altersgruppen- also altersübergreifend - interessenorientiert zu arbeiten und zu erleben, wie ein neunjähriger Einsteiger, der von Musik noch keine wirkliche Ahnung hat, mit einem fünfzigjährigen Berufsgeiger, der auf seiner Geige eigentlich alles kann, aber nicht improvisieren kann, mit einem gemeinsamen Interesse Improvisation zu lernen auf einem Lehrgang in einer Gruppe miteinander arbeiten - in Kleingruppen, wo zwei oder drei andere noch dabei sind.
Autorin: Diesen Schatz, den Peter Ausländer so begeistert beschreibt, den finden wir in der Kirche schon immer: Zueinander zu gehören, indem man miteinander auf Gottes Wort hört, indem man redet und singt, sich aufeinander einstimmt und gemeinsame Regeln erarbeitet, aufeinander hört und auf einen Ton kommt, der dann für alle stimmt. Das ist nicht immer einfach, im Gegenteil: es braucht Übung und Anstrengung, aber die lohnt sich.
Sprecher: Singen, um gehört zu werden Atem, der die Laute schlägt Einer Stimmung Stimme geben Singwort, das viel weiter trägt.
Ruf und Schrei Gefahr und Ferne Unvertrautes Übermaß Singen, um nicht zu verstummen Klage, die am Klang genas
Einem Lied Gehör verschaffen Glaube, Liebe, Hoffnung, Leid Singen, um erkannt zu werden Sage und Begebenheit
Leise einen Namen summen Unbewusstes treibt an Land Singen, um die Angst zu bann Lied, das seinen Anfang fand.
Autorin: Ich verabschiede mich von Ihnen, lieber Hörerin und lieber Hörer, mit einem Gedicht von Arnim Juhre. Mein Name ist Sabine Haupt-Scherer, ich wohne in Bielefeld.
Musik- Titel: Lobe den Herren, Interpret: Rieger, CD Choräle beflügeln
Der Stimmung Stimme geben Musik in der Kirche
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