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Wenn es an der Zeit ist
Man soll seinen Abschied nehmen, wenn es an der Zeit ist. Bloß, wann ist das? Ich meine: Es ist dann die richtige Zeit, wenn man noch Herr oder Frau der Lage ist.
Wenn man seinen Abschied geben kann, wie die Schweizer sagen. Denn wenn man nur noch Abschied nehmen kann, muss man womöglich nehmen, was einem andere nahe legen.
Margot Käßmann hat nach ihrer Alkoholfahrt prompt gehandelt. Sie hat alle ihre Ämter in der evangelischen Kirche niedergelegt. Walter Mixa von der katholischen Abteilung hat gezaudert, obwohl sich die Verdachtsmomente von Gewalt gegen Schutzbefohlene und Veruntreuung erhärteten. Und Horst Köhler von der politischen Abteilung hat seinen Abschied gegeben, obwohl gar kein Skandal in Sicht war. Höchstens der, den er in der Politik empfand.
Die einen treten zu früh zurück, die anderen zu spät. Und manche hätten längst zurücktreten sollen. Doch wie findet man den richtigen Zeitpunkt raus? Das fragen sich ja nicht nur Käßmann, Köhler und Mixa, sondern auch Leute wie Sie und ich, die in der Ortspolitik mitmischen, die sich im Sportverein engagieren, die im Kirchenvorstand mitentscheiden. Und wir fragen nicht erst, wenn ein Skandal eintritt, sondern auch, wenn wir zum Beispiel in der Aufgabe alt geworden sind: Wann gebe ich meinen Abschied?
Erstens, solange ich noch Respekt vor mir selbst haben kann und solange andere noch Respekt vor mir haben können. Denn nach meinem Rücktritt bin ich ja nicht tot ich muss weiterleben mit mir und mit anderen. Wer beim Rücktreten zögert, egal ob nach einem Skandal oder einfach aus Altersgründen, kann sein Ansehen runterwirtschaften. Das, was man sich durch gute Arbeit erworben hat, ruinieren. Das sollte man allen ersparen.
Das zweite Kriterium für den richtigen Zeitpunkt zum Abschiedgeben ist gerade bei öffentlichen Aufgaben: Schaden von der Allgemeinheit fernhalten. Margot Käßmann sagte als Begründung für ihren Rücktritt: Das Amt darf nicht beschädigt werden, das Vertrauen in eine evangelische Bischöfin muss vorhanden sein. Das sah sie durch ihre Person nicht mehr gewährleistet.
Drittens muss ich mich fragen: Kann ich in dieser Funktion noch etwas Neues in die Arbeit einbringen? Denn: Wenn ich keine Ideen mehr habe, wird nicht nur mir meine Arbeit mühsam, auch das große Ganze wird mühsam, stockt womöglich völlig.
Natürlich gibt es immer auch Stimmen, die einen drängen: Mach weiter, bleib unsere Vorsitzende, bleib unser Präsident. Gerade in solchen Ämtern, in die man berufen oder gewählt wurde, darf man ja nicht nur seine persönliche Meinung hören. Denn was ist mit dem Auftrag der Vielen, mit der Erwartung des Volkes? Als Jesus einmal 5000 Menschen durch ein Brotwunder satt gemacht hatte, da wurde er auf einer Woge der Sympathie getragen: Sei du unser König! Aber: Er wollte nicht. Er zog sich zurück, denn er wollte das vierte Kriterium bedenken: Wozu bin ich da, was ist meine notwendige Aufgabe hinter allen kleinen und großen Aufgaben? Um diese Frage zu klären, musste er Ruhe haben, zu sich kommen, zu Gott kommen. Für Jesus klärte es sich. Er wollte nicht Brotkönig sein, wollte nicht nur den Hunger besiegen, er wollte den Tod besiegen.
Es ist gut, wenn Menschen in der Ruhe ihre notwendige Aufgabe erkennen. Und dann ihren Abschied zur richtigen Zeit geben.
Wenn es an der Zeit ist
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