Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.07.10, Pfarrer Titus Reinmuth

Zwischenzeiten

Das Schlimmste ist die Zeit dazwischen. Endlich habe ich den Termin beim Arzt, bin auch pünktlich da – aber jetzt muss ich warten.

Ein paar Zeitschriften liegen herum, zwei ältere Damen tauschen Krankengeschichten aus. Soll ich etwas lesen oder bin ich sowieso gleich dran?

Beim Einkaufen lande ich fast immer in der falschen Schlange. Ich schiele schon in die Einkaufswagen: Wer hat viel, wer hat wenig, wo könnte es schneller gehen? Aber dann gibt es genau vor mir ein Problem mit einem Kassenbon, und der ganze Betrieb wird minutenlang aufgehalten. Typisch.

Selbst zuhause tappe ich in solche Zwischenzeiten. In zwanzig Minuten ist der nächste Termin, die ersten Teilnehmer der kleinen Arbeitsgruppe klingeln bestimmt schon etwas früher. Lohnt es sich, am Schreibtisch noch etwas anzufangen, oder soll ich damit lieber warten bis morgen früh?

Das Schlimmste ist die Zeit dazwischen. Wie erleben Sie solche Zwischenzeiten? Zum Beispiel am Postschalter zwischen anstellen und drankommen oder im Restaurant, wenn Sie zuerst da sind und auf die Freunde warten? Oft wissen wir mit diesen Zeiten nichts anzufangen, viele sehen sie als verlorene Zeit an. Das Eigentliche kommt ja erst noch. Wenn ich dran bin, wenn die Halbzeitpause vorbei ist, wenn die Kundin vor mir endlich fertig ist.

Zwischenzeiten. Am liebsten würde ich sie viel entspannter angehen. Ein Freund von mir hat immer etwas zu lesen dabei. Zückt die Fachzeitschrift im Supermarkt, lernt für eine Prüfung im Wartezimmer. Er will die Zwischenzeiten ausnutzen. Ist es das? Nein, auf mich wirkt das viel zu stressig. Eine Freundin ist da viel gelassener. Sie sagt, es ist doch egal, ob ich mich über das lange Warten aufrege. Schneller geht’s dadurch auch nicht. Alles hat seine Zeit, weiß die Bibel. Auch die ungewollte Pause.

Aber nicht als ungewollte, sondern als unverhoffte Pausen will ich diese Zwischenzeiten ansehen. Dann denke ich nicht an den nächsten Termin, zähle nicht die Einkaufswagen, sondern atme durch und beobachte in Ruhe die unterschiedlichen Typen in der Warteschlange. Manchmal spreche ich auch einfach jemanden an im Wartezimmer oder auf dem Bahnsteig. Vielleicht lerne ich jemanden kennen, vielleicht freue ich mich für zwei Minuten an den leuchtenden Augen meines Gegenübers. Mit etwas Glück gibt es eine interessante Begegnung.

Eigentlich ist unser ganzes Leben eine Zwischenzeit, zwischen geboren werden und sterben. Nicht nur das Leben kommt von Gott, sondern auch die kleinen Zwischenzeiten sind von Gott geschenkt. Alles hat seine Zeit. Schweigen und Reden, Warten und Handeln. Arbeiten und Ruhen. Das ist wohl auch der tiefere Grund für den Sonntag. Menschen brauchen regelmäßig eine größere Zwischenzeit. Eine Pause, die alle Arbeit unterbricht. Eine Chance innezuhalten und Gott zu danken für alle Lebenszeit.Die kleinen Wartezeiten im Alltag/ in der Woche geduldig anzunehmen, ist eine große Kunst.

Sie als Lebenszeit schätzen zu lernen, verändert viel. Immer wieder mal ganz im Augenblick zu leben – das ist die Aufgabe für unsere Zwischenzeiten. Ich gehe dann ganz anders durch den Tag. Neugierig auf die unverhofften Pausen.

Audiobeitrag Zwischenzeiten


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