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Das Leben ist der Ernstfall
Der Mann auf dem Cover des Buches wirkt kalt, irgendwie abwesend und in sich zurückgezogen. Er schaut nach unten, starrt ins Leere. Ist er traurig oder nachdenklich?
Schwer zu sagen. Auf dem Einband des Buches sieht man Jürgen Leinemann, den legendären Spiegel-Reporter. Etwas unrasiert, buschige Augenbrauen, zerzaustes Haar. Er hat über zwei Jahre lang mit einer Krebserkrankung gekämpft. 2009 ist sein Buch erschienen, Titel: Das Leben ist der Ernstfall.
Sprecher: Der Arzt rumpelt mit mir und meinem Bett über die Gänge des neunzehnten Stocks zum Fahrstuhl. Er drückt auf dritter Stock, OP. Er blickt mich an: Schöne Scheiße, was? Mir treten die Tränen in die Augen. Ich nicke. Er drückt mir die Hand: Ich werde mein Bestes tun, das kriegen wir schon hin. Er sieht mir in die Augen, und ich glaube ihm. Vertrauen kann sehr plötzlich entstehen.
Autor: Jürgen Leinemann, der mehrfach ausgezeichnete Journalist, bekannt für seine genauen Politiker-Portraits, macht sich selbst zum Gegenstand der Reportage. Er beobachtet sein eigenes Leben. Als Krebspatient. Er zeigt sich als Mensch.
Sprecher: Hatte ich nicht völlig die Kontrolle über mein Leben verloren? Der brutale Absturz von einem, der im Hubschrauber mit dem Kanzler auf Reisen gegangen war, zu einem geistigen und körperlichen Wrack, das niemand mehr ernst nimmt?
Autor: Offen beschreibt der frühere Journalist, wie die schwere Krankheit sein Leben verändert. Mal wirkt er hilflos und jammernd, mal besonnen und klar. Der Mensch Leinemann stellt auf seinem Weg immer wieder entscheidende Fragen ans Leben. Wer ist meine Familie? Was bedeutet mir Freundschaft? Welche Aufgaben geben meinem Leben Bedeutung? Das ist das Gute an der Krankheit, die viele so fürchten. Sie drängt zur Bilanz. Und sie lässt den Betroffenen fragen, was jetzt wichtig ist, was jetzt noch gelebt werden soll.
Sprecher: Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. (Psalm 90, Vers 12)
Autor: Dieses eine Mal zitiert der Autor die Bibel. Was dieser Satz wirklich bedeutet, hat Jürgen Leinemann auf dramatische Weise erlebt. Man lebt leichter und bewusster, wenn man das Leben annimmt, wie es ist, nämlich begrenzt, sagt wer ??? . Manchmal leuchten Momente des Glücks auf. Zum Beispiel, wenn die Enkel zu Besuch sind.
Sprecher: Meine Lieblingsbank vor dem Fliederbusch wurde bald auch zu ihrem Lieblingsspielplatz. Ich schloss die Augen, hörte ihr aufgeregtes Gekreische, ergriff die Hand meiner Frau, spürte die warme Sonne im Gesicht und fühlte mich einen Augenblick lang richtig glücklich. Trotz alledem.
Autor: Wer das Buch zuklappt, sieht den Autor noch einmal anders. Auf der Rückseite des Einbands steht er aufrecht. Wie einer, ders noch einmal geschafft hat. Er schaut fast gelassen herüber und lächelt verschmitzt. Ein bisschen weise sieht er aus. Wie war das? Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.
Jürgen Leinemann: Das Leben ist der Ernstfall, Hamburg 2009 (Hoffmann und Campe Vlg.)
Das Leben ist der Ernstfall
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