Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.07.10, Pfarrer i.R. Hans-Dieter Osenberg

Biblischer Steuersatz: Wer viel hat, kann viel geben

Das große Erdbeben in Haiti hatte himmelschreiendes Elend hinterlassen - und die Deutschen halfen. Spendengalas im Fernsehen, karibische Benefizessen in Seniorenheimen,

Freundschaftsspiele bei Sportvereinen, man war erfinderisch. Kleine und große Beträge, jeder nach seinem Vermögen. Besonders dafür werben mußte man kaum. Menschen spüren, wenn etwas von ihnen erwartet wird.

Warum nur, frage ich mich, funktioniert das innerhalb der deutschen Politik nicht? Warum wird in diesem Land schon seit einem Jahr bis zum Überdruß über Steuererleichterungen geredet? Die zwar den Wohlhabenden einen kleinen Gewinn bringen, von denen aber die zunehmend arm Werdenden nichts haben?

Warum verstecken viele ihr überflüssiges Geld lieber im Ausland, als es dem Gemeinwohl im eigenen Land zukommen zu lassen?

Wenn es um ausgleichende Gerechtigkeit geht, ist die Bibel glasklar. Im Lukasevangelium zum Beispiel: "Welchem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen. Und welchem viel anbefohlen ist, von dem wird man viel fordern." (12,48)

Wenn ich innerhalb der Oppositionsparteien bei der letzten Wahl hätte Plakate entwerfen müssen, hätte ich nur diesen einen Satz darauf schreiben lassen. Mit Quellenangabe natürlich. Was dann passiert wäre, hätte mich brennend interessiert. Ob man der Bibel auch eine "Neid-Kampagne" vorgeworfen hätte?

Natürlich sind hier persönliche Talente und Fähigkeiten gemeint. Aber doch nicht nur! Es geht auch um Geld, Besitz, Vermögen. Wer davon viel hat, kann auch entsprechend hohe Abgaben leisten. Wie das steuerpolitisch geregelt wird, darüber sollen sich Fachleute den Kopf zerbrechen. Aber klar ist doch: Wer viel besitzt, von dem wird viel erwartet.

Wer gut verdient, muss mehr zur Bildung, zum Gesundheitswesen, zur Kultur beitragen, als der, der unverdientermaßen ein Geringverdiener ist.

Gewiß geht es dabei nicht nur um den Steuersatz. Wer Arbeit zu vergeben hat, muß sie Arbeitssuchenden auch zu einem erträglichen Lohn gewähren. Wer noch Zeit hat, Besuche zu machen bei denen, die darauf warten, tue das bitte. Wer seiner deutschen Sprache mächtig ist, kann auch helfen, daß ausländische Kinder sie erlernen. Wer Liebe empfängt, hat auch Liebe abzugeben.

Alles gründet auf einem einzigen Fundament: Die empfangene Liebe Christi darf man nicht bei sich horten. Sie muß sich vervielfältigen. Und das reicht eben bis in die Vermögens- und Erbschaftssteuer.

Audiobeitrag Biblischer Steuersatz: Wer viel hat, kann viel geben


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