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Ohne Geld kaufen
Ich sitze an der Straßenbahnhaltestelle. Vier Minuten zu früh. Mein Blick fällt auf eine Telefonzelle, die noch eine richtige Tür hat. Und diese Tür bewegt sich.
Auf und zu und wieder: auf und zu. Ich stehe auf und gehe ein paar Schritte nach vorne. Und da sehe ich zwei Kinder. Eins im roten, das andere im blauen T-Shirt. Sie spielen mit der Tür. Hoffentlich klemmt es sich nicht, das kleine Kind, das sich von innen gegen die Glasscheiber drückt. Es schiebt die Tür immer weiter nach vorne, hält sich am äußeren Rand der Tür fest und drückt sich durch die entstandene Öffnung. Jetzt ist es draußen. Das andere Kind hält der zurückgleitenden Tür die Hände entgegen, lässt sich von der Tür nach hinten schieben, schaut sich die verschlossene Tür an und drückt sie wieder nach außen auf. Inzwischen läuft das Kind im blauen T-Shirt vor der Telefonzelle herum. Einer Frau entgegen. Sie geht in die Hocke, streckt die Hände aus und schaut sich an, was das Kind ihr zeigt. Es sieht aus wie ein großes Stück Baumrinde. Das Kind geht zurück zur Telefonzelle, legt dieses Ding zu Boden und geht erneut zur Tür. Das Kind im roten T-Shirt drückt von innen gegen die Tür, ein Spalt entsteht und das andere Kind schlüpft wieder in die Telefonzelle.
Diesem Spiel könnte ich jetzt noch lange zusehen. Aber die Straßenbahn kommt. Ich steige ein und sehe die Kinder noch kurz, wie sie sich in der Zelle umdrehen und den Telefonhörer ans Ohr drücken?? Sehen kann ich es nicht mehr. Aber in meinem Kopf phantasiere ich die Geschichte weiter und muss lächeln.
Vier intensive Minuten habe ich da erlebt. Wie im Kino war es. Doch der Eintritt dazu war frei. Die Bilder vom Spiel der Kinder haben mich ganz eingenommen. Ich habe über sie gelacht, mich um sie gesorgt, und mich mit ihnen gefreut. Das ist toll, wenn Kinder so ungestört spielen können. Von Erwachsenen aus der Ferne leicht aber nicht überbehütet.
Für diese Alltagsszene musste ich kein Ticket bezahlen. Ich konnte sie ansehen ohne Geld. Ganz umsonst konnte ich staunen, mich sorgen und gespannt sein auf das, was kommt. Alles was ich dafür tun musste, war offen zu sein. Hätte ich nur auf die Straßenbahn gewartet, hätte ich diesen Moment verpasst. Wer wartet, kann etwas verpassen. Das wusste auch der biblische Prophet Jesaja. Er lebte vor etwa 2500 Jahren in Babylon im Exil. Die Israeliten dort warteten darauf, dass Gott in ihr Leben eingreift. Doch so richtig aufmerksam waren sie nicht. Deshalb rief Jesaja:
Sprecher: Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!
Jesaja sagte damit: Gott hat etwas für euch, das nichts kostet. Es ist anders als das, was ihr erwartet. Intensives nahrhaftes Leben. Ihr bekommt es kostenlos. Aber ihr müsst wach sein. In den vier Minuten an der Haltstelle war ich wach und bereit, mich anstoßen zu lassen. Deshalb konnte ich den Film sehen, der vor meinen Augen ablief. Er hat mir Freude geschenkt und Sehnsucht in mir geweckt. Es ist schön, dass Kinder einfach spielen können, in den Moment und seinen Zauber vertieft. Wie sehr wünsche ich mir Momente, in denen ich einfach nur bin, handle und mich freue. Statt Geld brauche ich dafür Zeit, die sich füllen lässt, Augen, die sich locken lassen und ein Herz, das bereit ist, sich berühren zu lassen.
Ohne Geld kaufen
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