Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.07.10, Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer

Leben ohne Geld

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer! Jugendliche verfügen heute oft über eine Check-oder Kreditkarte. Mit dem Plastikgeld in der Tasche lässt sich fast alles regeln.

Aber es geht auch anders, ohne Geld nämlich:

Nach der Schule arbeiten viele 18-oder 19-Jährige als Praktikanten in sozialen Einrichtungen im In-und Ausland. Nach der langen Schulzeit können die Jugendlichen etwas Praktisches machen, Kindern, Kranken, Senioren und Obdachlosen helfen. In Seminaren werden sie intensiv vorbereitet. Sie erfahren etwas über die fremden Länder und über ihre Arbeitsfelder. Und an einem Tag heißt es nach dem Aufstehen: Das Frühstück lasst ihr heute aus. Geht in kleinen Gruppen in die Stadt. Ohne Portemonnaie, ohne Handys, ohne Proviant, ohne Checkkarte. Versucht, einen Tag so klar zu kommen.

Etwas geschockt brechen die Jugendlichen auf. Mit Hunger aber ohne Geld. Das sind sie nicht gewöhnt. Ihre Urgroßeltern sind nach dem Krieg aus der Großstadt aufs Land gefahren und haben Bauern um Lebensmittel gebeten. Hamstern nannte man das damals. Die jungen Leute heute wissen nicht, wie das ist. Aber sie haben schon mal was von Suppenküchen und ähnlichen Einrichtungen gehört. Meist erfahren sie bei der Touristen-Information die Adressen. Sie kommen da an, erzählen ihre Geschichte und werden an die Tische eingeladen. Das sitzen sie dann mit Menschen zusammen, zu denen sie sonst keinen Kontakt haben: hauptsächlich Männer, die nie gelernt haben zu kochen; Alkoholiker, die nur draußen leben können; jugendliche Ausreißer,  Drogensüchtige mit ihren Hunden, Rentnerinnen, Menschen ohne Papiere, Mütter mit kleinen Kinder. Die sprechen eine andere Sprache als die frisch aus der Schule Entlassenen. „Doch wer schutzbedürftig ist und nicht den Macker raushängen lässt, wird in unserer Suppenküche ohne Probleme aufgenommen“, erzählte mir eine Mitarbeiterin. Und so geschieht es dann auch. Die Jugendlichen bekommen Essen. Und sie hören zu, wenn ihre Tischnachbarn erzählen:  Wie sie das so regeln mit den Mahlzeiten und mit dem Übernachten, im Sommer und erst recht im Winter. Erzählen von Schulden, von Ehescheidung, von Tod und Krankheit und vom Alleinsein.

Die Jugendlichen finden hier mehr als Essen: sie bekommen Kontakte zu Menschen, die sie vorher nur als Hilfsbedürftige gesehen haben. Sie, die später helfen wollen, sind jetzt froh, dass diese Menschen sie akzeptieren. Wer keine Geld aber Hunger hat, dem tut es gut, wenn andere da sind,  die ihr Essen und ihre Lebensgeschichten teilen wollen. Jesus ließ seine Jünger genau diese Erfahrung machen:

Sprecher: Und Jesus rief die Zwölf zu sich und fing an sie auszusenden je zwei und zwei, und gab ihnen Macht über die unreinen Geister und  gebot ihnen, nichts mitzunehmen auf den Weg als allein einen Stab, kein Brot, keine Tasche, kein Geld im Gürtel.

Ohne Geld, ohne Tasche, ohne Brot schickt Jesus seine Jünger los. Sie sollen Kranke und Schuldbeladene von ihren Lasten befreien. Sie klopfen an Haustüren.  Manche Menschen schicken sie wütend weg. Andere aber bitten sie herein. Mit leeren Händen treten die Jünger ein und zeigen ihren Gastgebern, was sie für sich selbst erhoffen: Gott wird uns durch euch Hilfe finden lassen. Und durch uns hilft Gott euch.

Die Jugendlichen machen diese Erfahrung einen Tag lang. Mit leeren Händen gehen sie los und mit vollen Herzen kommen sie zurück, so wie die Jünger damals.

Audiobeitrag Leben ohne Geld


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