Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.07.10, Pfarrer Joachim Gerhardt

Ruhe

Ich reagiere allergisch auf sie, zumindest seitdem ich eigene Kinder habe: Menschen, die bei Rot über die Ampel gehen.

Denn vergessen wir nicht: Irgendwo könnte immer ein Kind stehen und dieses schlechte Vorbild kopieren. Und ich frage mich auch: Was ist eigentlich der Gewinn, ein paar Sekunden früher über diese Straße zu kommen?

Vielleicht ist diese Frage für Sie banal. Oder überzogen moralisch. Ich halte dagegen und sage: Unsere Gesellschaft hat das Warten verlernt. Ich kenne Menschen, die können sich richtig ärgern über geschlossene Bahnschranken oder rote Ampeln. Die fühlen sich in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt. Verlieren sie doch im Terminmarathon des Alltags hier sinnlos entscheidende Zeit!

Warum eigentlich? Man kann rote Ampeln auch mit anderen Augen sehen. Für mich sind sie inzwischen kleine, geschenkte Ruhephasen im Alltag.

Jesus ging in die Wüste, wenn ihm die Unruhe seiner Zeitgenossen mal wieder zu viel wurde. Als die Volksseele kochte und die Steinigung der Ehebrecherin forderte, erzählt die Bibel, da kniete sich Jesus seelenruhig auf den Boden und malte mit den Fingern im Sand. Das war ein Fingerzeig für seine oft heillos gehetzten Mitmenschen: Nehmt Euch Auszeiten!

Das ist seine Botschaft auch an uns. Gerade dann, wenn es hektisch wird. Sucht Wege, das Tempo rauszunehmen. Und Wartezeiten an roten Ampeln sind dafür, wie ich finde, geradezu kleine geistliche Übungen.

Weise Menschen aus den Kirchen haben dieses Jahr zum „Jahr der Stille“ ausgerufen. Bei mir treffen sie da auf offene Ohren. Denn ich spüre eine große Sehnsucht nach Ruhe: innerer und äußerer Ruhe. Und ich weiß, dass es vielen Menschen auch so geht. Unsere Welt wird immer lauter. Stille üben. Stille aushalten. Das ist da wie ein Programm gegen die ganzen akustischen Umweltverschmutzungen unserer Zeit: vom Dauer-Klingeln der Handys bis zu dem immer präsenten Verkehrs- und Fluglärm.

Stille aushalten, das bedeutet aber noch mehr. Nämlich die Kunst, stille zu stehen. Für einen Augenblick, einfach mal alles ruhen zu lassen.

Darum hat Gott übrigens auch den Sonntag erfunden. Nicht dass sich Menschen langweilen. Sondern dass sie zumindest mal für ein paar Stunden am Stück eine Ahnung bekommen, dass das Leben nicht nur laufen ist, arbeiten und funktionieren. Sondern dass unser Körper und unsere Seele Frieden braucht, Entspannung und Muße. 

Wir Menschen haben das Warten verlernt. Ich bin mir sicher: Wir verlieren damit auch die Fähigkeit, zur Ruhe zu kommen. Und wer weiß: Vielleicht ist am Ende sogar diese Aschewolke, die jetzt über Europa gezogen ist und den ganzen Flugverkehr lahmgelegt hat, so ein kleiner Wink vom lieben Gott: Mal langsam Leute! Entscheidend ist jetzt nicht, wer wann zu spät ankommt. Entscheidend sind nicht die Tagesverluste von Airlines und Reisekonzernen. Entscheidend ist, dass Ihr lernt: Zum Leben gehören Pausen, Augenblicke der Ruhe und Besinnung. Und wenn Ihr das nicht begreifen wollt, dann schalte ich die Ampel eben mal auf Rot.  

Audiobeitrag Ruhe


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