Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.06.10, Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer

Geld zum Leben

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, in diesen Tagen geht für viele Mädchen und Jungen ihre Schulzeit zu Ende. Zehn oder mehr Jahre sind sie zur Schule gegangen.

 Jetzt bekommen sie feierlich ihre Zeugnisse überreicht. Sie hören lobende und dankbare Worte. Sie bekommen Ermahnungen mit auf den Weg. Und sie schauen in die Gesichter ihrer Eltern. Manche strahlen. Andere Eltern scheinen nicht so recht zu wissen, wie es weiter geht. Wie ihre Kinder auch. Viele wissen nicht genau, wohin sie jetzt gehen sollen. Aber sie haben Träume: Sie möchten arbeiten, um Geld zu verdienen. Und zwar genug, um sich ein Auto leisten zu können, und aufregende Sachen erleben zu können …und ein Haus, das wäre toll,   …und später dann: einen Mann, eine Frau, ja, Familie, viele wünschen sich, später in einer Familie zu leben. Am wichtigsten aber ist ihnen, eine Arbeit zu finden.

Jugendliche in der 10. Klasse  wissen, dass das heute nicht selbstverständlich ist. Viele junge Leute finden keinen Ausbildungsplatz, viele Berufstätige werden nicht so bezahlt, dass sie oder eine Familie davon leben können. Vielleicht suchen sich die Jugendlichen deshalb für ihren Abschlussgottesdienst diese biblische Geschichte aus. Jesus hat sie den Männern und Frauen erzählt, die bei ihm waren:

Ein Weinbergbesitzer stellt früh am Morgen Arbeiter ein. Sie sollen für 12 Stunden Arbeit einen Silbergroschen als Lohn bekommen. Soviel Geld brauchte ein Mensch damals mindestens, um seinen Lebensunterhalt für einen oder zwei Tage zu finanzieren. Drei Stunden später stellt der Arbeitgeber wieder Arbeiter ein, sechs, neun und elf Stunden später ebenfalls. Ihnen verspricht er:

Sprecher:  Ich will euch geben, was recht ist.

Abends lässt der Weinbergbesitzer seinen Verwalter den Lohn auszahlen.  Die, die zuletzt gekommen sind, soll er zuerst auszahlen. Jedem von ihnen gibt der Verwalter einen  Silbergroschen. Das sehen die anderen, die den ganzen Tag gearbeitet haben. Sie beschweren sich beim Weinbergbesitzer: Das ist ungerecht. Haben wir nicht viel mehr geleistet? Sei gerecht und gib uns mehr als denen, die nur eine Stunde gearbeitet haben. Sie fordern: Mehr Lohn für 12 Stunden Arbeit als für eine Stunde Arbeit. Ich verstehe das. Was der Weinbergbesitzer macht, ist ungerecht.

Sprecher: Habt ihr etwas dagegen, dass ich gütig zu den anderen bin?

hält der Weinbergbesitzer dem Protest entgegen. Nein, ich finde es gut, wenn Menschen gütig sind. Dann aber bitte sollen sie auch gerecht zu denen sein, die sich mehr anstrengen. Sonst brauche ich mich ja auch nicht anzustrengen….

Bei diesem Einwand wird mir klar: Diese biblische Geschichte bietet kein Rezept für Tarifverhandlungen an.  Aber trotzdem ist sie wichtig. Denn sie erinnert an ein menschliches Grundbedürfnis: Menschen wollen mit ihrer Arbeit so viel verdienen, dass sie am Leben teilhaben können. Auch wenn ihre Chancen ungleich verteilt sind. Auch wenn manche später als andere einen Ausbildungs-oder Arbeitsplatz finden. Davon träumen Schülerinnen und Schüler am Ende der Schulzeit, dass sie mit ihrer Arbeit einmal so viel verdienen, wie sie zum Leben brauchen. Das wünschen sich viele, die arbeitslos sind. Das wünschen sich viele, die voll arbeiten aber trotzdem auf staatliche Zuwendungen angewiesen sind.

Wie schön wäre es, wenn alle Menschen von dem Geld leben könnten, das sie mit ihrer Arbeit verdienen. Dafür brauchen wir Gerechtigkeit, die sich an Güte orientiert. 

Audiobeitrag Geld zum Leben


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