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Kriegskindergeschichten - 65 Jahre danach
Ich bin ein Kriegskind. Das hat mein Leben geprägt. Als vor 65 Jahren der 2te Weltkrieg endete, schob ich wie viele andere meiner Generation die Kriegserlebnisse weg.
Wir blickten nicht zurück. In der Schule erzählte keine ihren Mitschülerinnen von der Flucht ihrer Familie, von Bunkernächten und Bombenangst. Wir schauten nach vorne, brachen auf in die Zukunft, waren sehr fleißig und strebsam und nach heutigen Schülermaßstäben beängstigend brav und ernsthaft. Irgendwann vergaßen wir diese Zeit. Und doch ahnen wir, dass die Kriegserlebnisse uns ein Leben lang beschwert haben.
Guten Morgen, lieber Hörer, liebe Hörerin. Ich bin Renate Kirsch und gehöre zur Evangelischen Kirche. Einige von diesen nie erwähnten Geschichten, einige kleine Bilder der Erinnerung, will ich Ihnen heute erzählen.
1.MUSIKAKZENT: Pablo Casals, Katalanisches Volkslied
Die Kinder sollten nichts davon hören, sie sollten es nicht sehen, aber sie wussten es doch: Unten an der Straßenecke lag ein toter Engländer, abgestürzt mit seinem Fallschirm. Ganz viel weißer Stoff lag da auf einem Haufen und schwarze Stiefel sahen sie, die steckten an den Beinen vom toten Engländer. Mehr sahen sie nicht, aber es war schrecklich. Ganz schnell war alles weggeräumt. Die Kinder hatten noch nie einen Engländer gesehen und dieser nun war vom Himmel gefallen und war tot. Ob er sich sehr wehgetan hatte?
Die Mutter nähte Stoffpuppen, sogenannte Zipfelkerle, und die hingen an weißen Schirmen aus englischer Fallschirmseide. Wundervoll entfalteten sie sich und schwebten das hohe Treppenhaus herunter. Unten aber prallten die Stoffpuppen doch auf und lagen da wie ein toter Engländer.
Die Kinder hoben sie auf, ließen sie immer und immer wieder herabschweben. Und am Ende fragten sie sich, ob der englische Fallschirmspringer, als man ihn aufhob, nicht auch wieder fliegen konnte. Gewiss war er längst zu Hause und spielte mit seinen Kindern Fallschirmpuppen fliegen lassen. So erzählten sie sich schließlich die Geschichte vom Engländer.
2.MUSIKAKZENT (s.o.)
Schwimmen kann man nicht verlernen, Radfahren auch nicht und erst recht nicht das Lesen, wenn man es einmal gelernt hat. So sagt man. Irene erlebte es anders: Die Flucht von Königsberg nach Westdeutschland dauerte Monate. Im Winter 1945 waren sie zwar noch nicht recht angekommen, aber untergekommen. An Winternachmittagen, wenn es früh dunkel wurde, versammelten sich die Kinder der Gastgeber gerne bei Tanti, einer liebenswürdigen alten Dame der Familie. Das Flüchtlingskind Irene durfte mit dabei sein. Eines Nachmittags fiel ihr ein Kinderbuch in die Hand und sie versuchte und versuchte zu enträtseln, was da geschrieben stand. Endlich hatte sie es heraus: DIE SONNE SCHEINT. Sie war begeistert, sie war überglücklich sie konnte etwas lesen! Tanti war befremdet: Du warst doch schon in der Schule, du hast doch längst lesen gelernt! Das kannst du doch nicht wieder vergessen haben! Doch, so war es aber. Die Flucht hatte alles ausradiert in ihrem Kopf, was sie in der Schule gelernt hatte. Die Flucht. Keiner in dem wohlbehüteten Landhaus konnte sich vorstellen, was das war, die Flucht. Tanti nicht und die Kinder nicht und alle anderen auch nicht. Irene fühlte sich mit einem Mal wieder fremd und unverstanden und sehr allein mit ihrem neuen Satz: die Sonne scheint.
3.MUSIKAKZENT (s.o.)
Ein Kinderwagen -- auf einer Landstraße. Er ist durchschossen vom Sperrfeuer der deutschen und amerikanischen Soldaten an einem der letzten Kriegstage. Die Mutter hatte sich mit den drei kleinen Kindern in den Straßengraben gerettet. Sie deckte die Kinder mit ihrem Körper zu wie eine Glucke ihre Küken. Als eins der Kinder den Kopf hervor streckte, wurde es schnell wieder unter die Mutter geschoben. Später legt sie das Baby in den beschädigten Kinderwagen zurück. Die Flucht geht weiter. Wochen später rennen sie über ein weites Feld um ihr Leben, gejagt wie die Hasen. Doch die Schüsse aus den sowjetischen Gewehren erreichen sie nicht mehr. Sie sind im Westen.
4.MUSIKAKZENT (s.o.)
Ostersamstag 1945. Die Mutter hat einen kostbaren Kuchen gebacken. Er steht am Fenster zum Abkühlen. Plötzlich Luftalarm.Alle rennen zum Bunker. Als alles vorüber ist, finden sie in der Küche den Osterkuchen verdorben voller Glassplitter und die Mutter wirft ihn traurig in die Mülltonne vor dem Haus. Da tauchen Gestalten auf. Was sind das für Menschen? Sie sind merkwürdig gekleidet, alle gleich und sie sehen so bleich und elend aus. Einer hat den Kuchen gesehen. Er holt ihn ganz schnell heraus aus der Mülltonne. Er beißt hinein. Der ist doch voller Glassplitter! Das Kind schreit entsetzt. Mutter, was sind das für Menschen, die sich da durch die Straße schleppen und Glassplitter essen? Vom Todesmarsch der KZ-Häftlinge durch Halle erfuhren sie erst viel später.
5.MUSIKAKZENT (s.o.)
Mitte März 1945 begann die Flucht aus Pommern. Opa, Mutters Vater, kam mit. Er war dar Älteste, fast 75 Jahre alt. Mutter, Tante, zwei Kinder, ein Großvater, sie erreichten das letzte Schiff, und kamen schließlich im dänischen Internierungslager an. Für lange Zeit hinter Stacheldraht. Zwölf Menschen mussten sich jeweils drei Etagenbetten pro Zimmer teilen. Viel Krankheit gab es und wenig zu essen. Immer wieder wurden die Kinder in die Brust geimpft, das fanden sie schrecklich. Die Mutter musste zum Torfstechen und überdies arbeitete sie in der Küche, damit sie den Kindern Weißkohlherzen aus dem Fenster zuwerfen konnte. Im November 1946 kam über Lautsprecher die Nachricht, dass alle, die Verwandte in Deutschland nachweisen konnten, nach Hause durften. Aber sie mussten gesund sein. Großvater war nun 76 Jahre alt und er war kränklich. Also durften sie nicht das Lager verlassen. Großvater aber wollte es anders. Von Stund an aß er nichts mehr und sagte nur: Ihr seid Weihnachten zu Hause bei der Tante in Deutschland! Am 1. Dezember starb er. Unter strenger Bewachung durften sie zur Beerdigung gehen. Sie waren sehr traurig. Unterwegs sah das Kind einen Apfel im Straßengraben liegen. Und als es danach griff, wurde es mit dem Gewehrkolben vertrieben. Da war es noch trauriger. Aber nach 14 Tagen waren sie frei. Bei der Tante gab es Haferflockensuppe und ein warmes Bett ohne Wanzen.
6.MUSIKAKZENT (s.o.)
Viele nicht erzählte Geschichten, viele Bilder der Erinnerung, die jahrzehntelang nur in Alpträumen lebten, in den Verließen des Gedächtnisses überdauerten. Nur einmal in meiner Schulzeit zerriss der Vorhang des Schweigens. Es war in einer Musikstunde. Warum wir das Lied Aba Heidschi Bumbeidschi sangen, weiß ich nicht mehr. Plötzlich brach Helga in lautes Schluchzen aus: Bitte, singt dieses Lied nicht! Und warum nicht? Da erzählte sie weinend, wie auf dem großen Flüchtlingsschiff auf der Ostsee ihr kleiner Bruder ein Baby noch so krank geworden war, dass er starb. Und dann haben wir Heidschi Bumbeidschi gesungen und ihn ins Meer werfen müssen, wir konnten ihn ja nicht richtig beerdigen. Acht Jahre war sie damals alt und hatte dem Brüderchen, so lange es lebte, immer, wenn es weinte, dieses Lied vorgesungen. Die Klasse war wie erstarrt, einige weinten. Helga wollte nun doch, dass wir die letzte Strophe sangen, weil wir verstehen sollten, warum sie es beim Abschied vom Brüderchen gesungen hatten.
MUSIK: Aba Heidschi Bumbeidschi
Und der Heidschi Bumbeidschi ist kommen Und er hat mir mein Büblein mitnommen, und er hat´s mir mitnommen Und hat´s nimmer bracht, drum wünsch ich meim Büblein ein recht gute Nacht.
MUSIK
Ich frage mich, warum haben wir damals anschließend an Helgas Bekenntnis nicht angefangen, uns endlich unsere Kriegserlebnisse zu erzählen? Warum haben wir uns nicht weiter erinnern wollen? Weil wir es nicht konnten. Inzwischen hatten wir von Auschwitz gehört, von Dachau und von Buchenwald. Das verschloss uns den Mund. Wie klein und belanglos wirkten unsere Kriegsleiden gegenüber den unbeschreiblichen Qualen, den Verbrechen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern. Je erwachsener wir wurden, desto größer wurden Scham und Schrecken darüber, was in unseren Kindertagen in deutschem Namen verbrochen wurde. Während jüdische Kinder ermordet wurden, spielten wir mit Puppen. Wir konnten einfach nichts erzählen, denn wir waren ja zumindest am Leben geblieben. Und dieses Leben galt es nun zu gestalten. Wir durften in bescheidener Aufbruchsstimmung jung sein und wuchsen immer mehr in friedliche Zeiten hinein. Was sollten da die alten Geschichten? Vorbei, vorbei.
MUSIK aus :Gideon Klein, Trio; Allegro
Vorbei? - Nein! Wir sind die Generation, die noch immer zusammenzuckt, wenn die Sirene ertönt, auch, wenn es eindeutig erkennbar ein Probealarm ist. Zwischen Voralarm und Entwarnung verkrampften sich jahrelang viele Kinderherzen. Es ist keine hysterische Alterserscheinung, wenn wir diese Schrecken noch immer nicht los geworden sind.
Darum müssen wir davon sprechen um unsert willen und um der Nachgeborenen willen, die heute nach 65 Jahren Frieden in unserem Land, nicht wissen können, wie Krieg sich anfühlt. Und wie schrecklich er ist, egal, wo und wie man ihn erleben muss. Erinnerung prägt den Glauben. Glaube kann auch die Kraft geben, den Erinnerungen stand zu halten. Zu meinen Bildern der Erinnerung, gehört auch dieses : Da laufen zwei Fremdarbeiterinnen, wie es damals böse hieß, durch die Straße. Statt Schuhen haben sie Lappen an den Füßen. Streng verboten war es, ihnen etwas zuzustecken. Das wusste auch das Kind. Plötzlich sieht es, wie sich eine der Frauen bückt nach einem Brot, das jemand heimlich vor die Haustür gelegt hat. Brich dem Hungrigen dein Brot, heißt es in der Bibel, und bleibt dem Kind für immer mit diesen hungrigen ukrainischen Zwangsarbeiterinnen verknüpft. Die Bilder der Erinnerung aus den Kindertagen vor 65 Jahren und mehr werden uns nicht mehr so ängstigen, wenn wir sie hervorholen, anschauen als ein Stück gelebten Lebens so bedrückend es auch gewesen ist und bleibt.
Viele schmerzliche Erinnerungen können sich spiegeln in biblischen Geschichten. In der biblischen Tradition wird das Schreckliche, Schwere, Tödliche nicht ausgeklammert, es wird erzählt , wird ausgesprochen, zugegeben und so vor Gott gebracht. Auch das Schmerzliche ist aufgehoben bei Gott. In ihm können wir mit unseren Erinnerungen endlich zur Ruhe kommen. Ich wünsche ihnen einen hellen und heilen Sonntagmorgen. Aus Brannenburg am Inn grüßt Sie Ihre Renate Kirsch
MUSIK: Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 5 cis-moll 4.Satz
Angaben zur Musik:
Pablo Casals, Katalanisches Volkslied; Recital Casals, Cant del Ocells. LC 6868
Weihnachten dahoam; Hubert Pfluger, Aba Heidschi Koch record, LC 5680 Best.Nr. 330117
Gideon Klein, Trio; Chamber Music from Theresienstadt; Hawthorne String Quartet, 1991 Channel Classics, LC 5668
Gustav Mahler,Symphonie No. 5 cis moll, 4.Satz; Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt, Eliahu Inbal; 1986 Brilliant Classics, 92005/7
Kriegskindergeschichten - 65 Jahre danach
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