Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.06.10, 10.00 Uhr, Pfarrerin Annerose Frickenschmidt

Und siehe, es war sehr gut…

Liebe HörerInnen, liebe Gemeinde, Machen Sie auch gern Beerdigungen? Das hat mich vor ein paar Wochen nach einer Trauerfeier eine ältere Frau auf dem Weg zum Friedhofstor

gefragt. Sie hatte gehört, dass das manchen PfarrerInnen so geht.

Nein, ich freue mich nicht, wenn die Bestatterin anruft. Überhaupt nicht. Aber - ja, eigentlich mache ich gerne Beerdigungen. Zwei Gründe sage ich Ihnen. Erstens: Es ist schön, wenn Leute mir, wie das oft geschieht, mit viel Wärme und Lebendigkeit von einem Menschen erzählen, und dabei deutlich wird, wie einmalig so ein gelebtes Leben ist: Mit all dem Schönen und Traurigen darin, mit all den eigensinnigen oder herzerwärmenden Angewohnheiten, mit allem Scheitern und aller Erfüllung. Es gibt nicht viele Gelegenheiten, bei denen ich in kurzer Zeit so viel über das Leben lerne, wie bei Trauergesprächen.

Und zweitens: Menschen, die trauern, sind in einer Ausnahmesituation. Sie haben eine dünne Haut. Sie sind ehrlicher, in jeder Hinsicht ungeschminkter als sonst. In der Trauer bleibt für uns eine Zeit lang die Welt stehen. Die Prioritäten verschieben sich. Plötzlich zählt nicht mehr, was sonst furchtbar wichtig ist. Es spielt keine Rolle mehr, ob wir gut dastehen mit unseren Tagesleistungen, ob wir uns im Spiegel gefallen, ob unsere Wohnung aufgeräumt ist, der Rasen gemäht, der Alltag im Griff. Wir haben nur noch Kraft und Willen für das Wesentliche: Für die Menschen, die wir lieben und brauchen, für den Abschied, für die Trauer. In so einer Situation sind wir empfindlicher gegenüber Oberflächlichkeiten, sensibler, aufnahmefähiger für alles, was unter die Haut geht: Für die Frage nach dem Tod, nach dem Ziel und Sinn unseres ganz konkreten Lebens, nach Gott.

In so einer Ausnahmesituation, wenn wir nur noch wir selbst sind, reduziert auf das Wesentliche, wachsen uns manchmal ungeahnte Kräfte zu oder wir stoßen zu Tiefen der Erkenntnis vor, die uns vorher vollkommen verborgen waren.

In so einer Ausnahmesituation, kurz nach dem Tod seiner Frau,  hat Herbert Grönemeyer seine CD „Mensch“ komponiert, mit ihren so anrührenden Texten. In so einer Ausnahmesituation ist auch das Lied entstanden, das wir in Ausschnitten vorhin in der Lesung gehört haben. Und immer wieder gehen mir auch die Worte dieses Liedes unter die Haut in ihrer Poesie, in ihrer unglaublichen Wärme und Freude, mit der sie dankbar das Leben besingen, das Gott geschaffen hat. Sie singen von der unendlichen Fülle und Schönheit der Schöpfung, von der großen Sorgfalt mit der Gott allem, was existiert, seinen Ort und seine ganz eigenen Möglichkeiten gibt – bis heute. Dass die Schöpfung kein Zufallsprodukt  ist, sondern gewolltes und geliebtes Leben, das ist die Wahrheit, die sie erzählen wollen.

„Schöpfungsbericht“ wird dieses Lied in theologischer Literatur oft irreführend genannt. So als ob irgendjemand von uns dabei war, als alles Leben begann... Aber diejenigen, die das Lied gedichtet haben, wollen - natürlich - nicht berichten. Die Bibel ist kein Biologiebuch. Die Dichter dieses Liedes wollen trösten und ermutigen und von ihrem wiedergefundenen Vertrauen zu Gott singen Denn sie haben es in einer Ausnahmesituation, in einer Zeit der Trauer geschrieben wie wir sie nach dem Tod  eines geliebten Menschen erleben und erleiden. Dünnhäutig waren sie, den bohrenden Fragen nach Leben und Sterben, nach Gott, nach dem Sinn und Ziel unseres Lebens ausgeliefert.

Der Text ist in Babylon entstanden, nachdem viele Menschen aus Jerusalem nach einem Krieg mit den Babyloniern dorthin in die Verbannung verschleppt worden sind. Dort haben sie 50 Jahre lang gelebt, fern von ihrer Heimat, fern von den Gräbern ihrer Lieben, fern von ihrem zerstörten Tempel, in äußerlich gar nicht schlechten Bedingungen, aber doch verzehrt von Heimweh und dem Gefühl, von Gott vergessen und verlassen worden zu sein.

In dieser verzweifelten Situation, aus dem Gefühl der Gottverlassenheit heraus, haben sie ihre althergebrachten Glaubensvorstellungen in Frage gestellt und neue Antworten auf ihre Glaubensfragen gesucht. So hat sich ihr Glaube geweitet.

Bis dahin hatten viele von ihnen geglaubt, dass Gott nur für sie, für das Volk Israel zuständig war, eine Art Stammesgott, dessen Gegenwart an den Jerusalemer Tempel gebunden war, und für die anderen Völker waren eben andere Götter zuständig. Und jetzt in Babylon, fern von allem, was ihnen Sicherheit gegeben hat, wächst in ihnen das Vertrauen, dass Gott ihnen auch hier, so weit weg von der Heimat, weit weg vom zerstörten Tempel nahe ist.

Wenn nun Gott aber auch hier ihr Gott ist, heißt das dann nicht, dass er auch der Gott der Babylonier, ja der Gott der ganzen Welt ist? Ist dann nicht auch Gottes ruach, wie das hebräische Wort heißt, Gottes Geisteskraft Schöpferin der ganzen Welt? Ja! Natürlich, so sagen sie. Nur so kann es sein.

Die Erkenntnis, dass es nur den einen Gott, die eine Schöpfungskraft gibt, ist also uralt. Das Volk Israel hatte sie schon vor 2600 Jahren. Wir heute müssen nur an sie andocken.
Dann sollten sich eigentlich alle Fragen danach erübrigen, ob wohl Muslime an einen anderen Gott glauben als wir, und welcher Gott denn wohl gemeint ist, wenn eine muslimische Ministerin sich bei ihrer Vereidigung auf Gott bezieht.
(Es gibt doch nur den einen Gott, sagen uns im Presbyterium unsere muslimischen Gesprächspartner in Burscheid regelmäßig, wenn wir uns über unsere unterschiedlichen Gottesvorstellungen unterhalten, und darin sind wir uns ganz einig und das macht uns Mut und Lust, uns gegenseitig noch besser kennen zu lernen.)

Es ist eine neue, eine tröstliche und ermutigende Erkenntnis ihres Glaubens, die uns die Verfasser des Schöpfungsliedes mit dem Glauben an die eine Schöpfungskraft weitergeben: Denn wenn Gott alles Leben geschaffen hat, jeden und jede von uns, dann heißt das doch: Gott ist und bleibt unser Gott, wer wir auch sind, wie dunkel und brüchig auch unser Leben sein mag und wie groß der Scherbenhaufen, vor dem wir manchmal stehen. Und: Gott ist größer als wir in unserem Kleinmut oft zu denken bereit sind.

Das Schöpfungslied ist ein Loblied auf die Liebe, mit der Gott alles und alle ins Leben ruft - und - es ist ein Loblied auf die Schönheit der Ruhe, in der Gottes Geist, die ruach, so sehr wirkt wie in ihren Werken. Die Krone der Schöpfung ist nicht der Mensch, sondern die Ruhe! Auch davon singt das Schöpfungslied in Genesis 1.

Es ist der 7. Tag, der Tag der Ruhe, den Gott segnet und für heilig erklärt. Es ist der 7. Tag, an dem die Schöpfung zu ihrer Vollendung findet. Ich lese noch einmal die Verse zwei bis vier:

Gen 2,2-4 So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.  So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden.

Der heilige 7. Tag hat für die Israeliten erst im Exil, als sie vollkommen entwurzelt waren, eine lebenswichtige Bedeutung gewonnen. Vermutlich kennen Sie ein solches Gefühl der Entwurzelung selbst auch - nicht nur aus Zeiten, in denen Sie um einen Menschen trauern, sondern noch aus anderen Ausnahmesituationen. Sei es nach dem Verlust einer Arbeitsstelle, nach einer Trennung, vielleicht auch nach einem Umzug in eine neue, verunsichernd fremde Lebenswelt. Und vielleicht haben Sie dann auch schon erlebt, dass wir manchmal gerade dann mehr von Gott verstehen, uns der Gegenwart Gottes tiefer als sonst öffnen, wenn wir aus dem Gewohnten herausgerissen sind, wenn wir verunsichert sind, vielleicht auch verzweifelt. Wenn wir viele Fragen haben und wenige Antworten. Das ist wohl auch so, weil wir ehrlicher mit uns selbst werden, wenn wir nicht mehr wissen, wo es lang geht. Weil wir dann von dem Größenwahn lassen müssen, unser Leben voll im Griff zu haben.

So werden es auch die Israeliten im Exil empfunden haben, als das Schöpfungslied entstand, als nichts mehr so war wie früher und alle Sicherheit abhanden gekommen schien. In dieser Situation hat sich ihr Gottesbild verändert und geweitet. Sie haben Gottes Größe neu begriffen und neben die Erkenntnis der einen Kraft, die alles Leben erschafft, ist eine zweite getreten: Es ist nicht alles machbar. Die Möglichkeiten unseres Tuns sind begrenzt. Selbst Gott ruht aus von seinen Werken, weil sich manches auch erst im Ruhen erfüllt.

Die Ruhe, die zweckfreie Ruhe ist göttlich, so sagt das Lied. Sie ist heilig. In ihr begegnet uns Gott auf besondere Weise.

Wir tun uns in unserer Kultur oft schwer mit der Ruhe. Das Loslassen ist nicht unbedingt unsere Sache. Und wer dazu gezwungen ist durch Alter, Krankheit oder Arbeitslosigkeit, der oder die erlebt manchmal schmerzhaft, wie sehr wir durch Leistung und Tun definiert werden oder unseren Wert selbst so definieren.

Und die, die viel Arbeit haben oder sich viel Arbeit machen? Wie oft sehnen sich viele von uns nach Ruhe, aber wie schwer fällt es uns dann, wenn wir sie haben könnten, sie anzunehmen als ein Geschenk, als eine Wohltat für Seele, Geist und Körper: Nur noch gerade dies oder jenes erledigen und dann...,ja dann gönn ich mir ein bisschen Ruhe....und wenn wir dann wirklich Ruhe haben, dann haben wir oft ein schlechtes Gewissen, denn da wäre doch noch so vieles, was wir schon lange erledigen wollten.

Gott hat offensichtlich am 7. Tag kein schlechtes Gewissen. Gott tut am 7. Tag - nichts! Gott ruht, so erzählt das Schöpfungslied, und die Ruhe gehört so sehr zu Gott wie die Schöpfungswerke. In der Ruhe Gottes wird die Schöpfung vollendet. Der 7. Tag des Schöpfungsliedes hat ein hohes kritisches Potential: Gott selbst ruht von seinen Werken. Wie größenwahnsinnig sind wir doch, wenn wir uns mit der Ruhe so schwer tun und sie nebenbei den Menschen und oft genug der Schöpfung um uns herum auch nicht gönnen.

Ruhen, das heißt loslassen und nicht mehr planen und nicht mehr leisten und nicht mehr über sich selbst den Richter oder die Richterin spielen, die ständig fragt, ob wir denn auch genug von dem getan haben oder an dies gedacht haben und ..........wie wir denn so dastehen bisher mit unserem Tageswerk und überhaupt - auch im Vergleich.

Ruhen heißt, sich einzugestehen, dass nicht alles machbar und messbar ist. Dass das Lassen in unserem Leben so wichtig ist wie das Tun. Ruhen heißt, sich Gottes Güte überlassen und darauf zu vertrauen, dass das weiter wächst, was wir begonnen haben.

Wer Klavier spielen lernt oder ein Handwerk, oder eine Sprache, der oder die weiß, dass es nicht gut ist, das gleiche zu oft direkt hintereinander zu üben. Irgendwann brauchen die Hände und das Gehirn eine Pause, sonst kann das Neugelernte nicht sacken und wachsen.

Manchmal müssen wir ruhen. Manchmal müssen die Dinge ruhen, die wir angefangen haben.

Der 7. Tag ist ein Tag des Vertrauens darauf, dass sich in der Ruhe auch vollenden kann, was wir im Tun nicht vollenden können. Der 7. Tag ist ein Tag des Friedens für uns und für die ganze Schöpfung. Ein Tag der neuen Horizonte. Ein Tag, an dem die Worte nachklingen, die jeden einzelnen Schöpfungstag beendet haben: Und siehe, es war sehr gut.

Wir Atemlosen, die wir uns und anderen oft keine Ruhe gönnen, weil wir dem nicht vertrauen, was in der Ruhe wächst, wir waren so nicht gedacht, sagt uns das Schöpfungslied.

Wir Leistungsfixierten, die wir unserm eigenen oder fremdem Leben seinen Sinn absprechen, wenn es nicht produktiv sein kann. Wir waren so nicht gedacht.
  
Wir Getriebenen, die wir uns nicht mit dem begnügen, was Gott uns zugedacht hat, sondern uns in unserem Größenwahn auch das nehmen, was der übrigen Menschheit, und was der übrigen Schöpfung zugedacht war, wir waren so nicht gedacht.

„Es wäre besser für die Schöpfung, wenn wir nicht geschaffen worden wären“, so hat mal eine Jugendliche zu mir gesagt. Und es gibt Momente, da sind wir angesichts der Ruhelosigkeit und Friedlosigkeit, die uns oft treibt, vielleicht versucht, auch so zu denken.

Aber das sagt das Schöpfungslied nicht. Es weiß von dem, was falsch gelaufen ist, es weiß von unserem Größenwahn, unserem Getriebensein, unserer Gier. Die Prophetenschriften, die all das angeprangert haben, sind alle älter als das Schöpfungslied. Aber es wehrt sich gegen die Resignation, die ja vielleicht nichts anderes ist als die Kehrseite des Größenwahns.

Nein, wir sind nicht die Krone der Schöpfung, aber wir sind die Geschöpfe, denen Gott die Schöpfung anvertraut hat. Wir sind die, denen Gott immer wieder neu Vertrauen schenkt, denen Gott Gutes zutraut trotz unserer Ruhelosigkeit, und rastlosen Gier. Herrscht über die Fische im Meer und die Vögel unter dem Himmel, sagt das Schöpfungslied in einer Zeit, als noch kein Gewässer überfischt und das Meer nicht vergiftet war von Ölteppichen und gigantischen Bergen von Plastikmüll.

Heute würde es wohl anders lauten, würde wohl mehr von der Fürsorge die Rede sein, von der Bewahrung. Der Grundgedanke aber bleibt: Ja, wir sind nicht so, wie es gedacht war, aber wir können immer wieder dahin wachsen. Wir brauchen nicht zu resignieren, denn Gott hält an uns fest. Gott vertraut uns seine Schöpfung an.  Es ist mehr über uns zu sagen, als dass wir getrieben sind, gierig, rastlos. Wir lassen uns auch immer wieder anstecken von der Schöpfungsfreude Gottes, wie die Israeliten im Exil, wir hören hin und halten ein, wir lassen los, was uns und anderen schadet, wir weiten unseren Horizont, wir finden Mut zum Ruhen. Auch das geschieht.

Und siehe, es war sehr gut...so fängt es mit uns an, sagt das Schöpfungslied. Gott hat das Gute in unsere Herzen gelegt, und es kann wachsen in unserem Tun und unserem Lassen. In beidem kann uns Gott begegnen mit seiner Schöpfungskraft, mit seiner göttlichen Ruhe. Das Schöpfungslied macht uns Mut, Gott zu vertrauen, der uns so viel anvertraut hat.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen


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