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Ich singe dir mit Herz und Mund (eg 324)
Autor: Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Haben Sie schon einmal Most getrunken? (Vielleicht nicht gerade zum Frühstück...)
Ich meine nicht den hessischen Äppelwoi oder den französischen Cidre, sondern einen schlichten Bauernmost aus Äpfeln und Birnen. Kräftig, herb und etwas derb. Mooscht nennt man ihn in meiner schwäbischen Heimat. Dort wächst viel Obst, und viele mosten selber. Dieses rustikale Getränk erfrischt, hat aber auch seine Tücken, denn man merkt ihm den Alkoholgehalt zunächst nicht an. Der Most: Er kommt zu einer besonderen Ehre. Paul Gerhardt besingt ihn einer Choralstrophe:
Choral 1 (Strophe 5): Wer wärmet uns vor Kält und Frost? / Wer schützt uns vor dem Wind? / Wer macht es, dass man Öl und Most / zu seinen Zeiten findt?
Autor: Wer macht es, dass man Öl und Most zu seinen Zeiten findt? Als Kind fand ich das bemerkenswert: Öl und Most in einem Kirchenlied. So alltägliche Dinge, die auf den ersten Blick gar nichts mit Andacht und Gotteslob zu tun haben. Öl und Most die beiden Wörter fallen mir heute noch als erstes ein, wenn ich an dieses Lied denke. Die Strophe, die wir gerade gehört haben, mag ich immer noch besonders gerne.
Choral 1 (Strophe 4): Wer hat das schöne Himmelszelt/ hoch über uns gesetzt? / Wer ist es, der uns unser Feld / mit Tau und Regen netzt?
Autor: Unter Gottes Himmel geht es um ganz handfeste irdische Dinge. Die konkreten Grundlagen meiner Existenz: Nahrung, Wärme, Gesundheit. Alltägliche Beispiele führt Paul Gerhardt an, die für das große Ganze stehen. Das Feld, auf dem die Lebensmittel wachsen, erhält mit Tau und Regen die notwendige Feuchtigkeit. Die Pflanzen, aus denen man Öl und Most gewinnt, können wachsen.
Choral 1 (Strophe 6): Wer gibt uns Leben und Geblüt? / Wer hält mit seiner Hand / den güldnen, werten, edlen Fried / in unserm Vaterland?
Sprecherin: Wer gibt uns Leben und Geblüt? / Wer hält mit seiner Hand / den güldnen, werten, edlen Fried / in unserm Vaterland?
Autor: Es geht um das menschliche Leben. Das will und soll wachsen, blühen, sich entfalten. Die Grundlage dafür, die Voraussetzung für jedes Gemeinwesen ist der Friede. Mit Paul Gerhardt kann ich mich auf meine menschliche Existenz besinnen. Und mir bewusst machen, dass ich mein Leben nicht mir selbst verdanke, dass ich nicht aus eigener Kraft leben kann. Dankbar gewinne ich Klarheit über das, was zum Leben gehört. Was ich vielleicht oft genug als selbstverständlich ansehe und hinnehme, ohne nachzudenken. Sei es Most, Öl oder der Rechtsstaat, in dem ich lebe.
Für Paul Gerhardt war nichts selbstverständlich. 1653, fünf Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, hat er diese Verse gedichtet. Willkür, Not und Elend hatten gewütet. Doch nun war er da, der goldene, edle Friede: Ihn hält Gott in Seiner Hand. So wie Er unser ganzes Leben in der Hand hält.
Sprecherin: Den Frieden gebe ich euch, meinen Frieden lasse ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht. Johannes 14,27
Autor: Dieses Versprechen gibt Jesus seinen Freunden. Aber welchen Frieden meint er? Es ist der Friede, der kommen wird, am Ende der Zeit, der anders und vollkommen sein wird. Vollkommen anders, als wir es uns vorstellen können. Und doch: Er lässt ihn uns jetzt. Diese Gewissheit und die Hoffnung auf seinen Frieden und die Dankbarkeit für den jetzigen goldenen, edlen Frieden in unserem Vaterland: All das kann uns Kraft geben, für den Frieden in einer friedlosen Welt einzutreten.
Choral 2 (Strophe 18): Ei nun, so lass ihn ferner tun / und red ihm nicht darein, / so wirst du hier im Frieden ruhn / und ewig fröhlich sein.
Sprecherin: Ei nun, so lass ihn ferner tun / und red ihm nicht darein, / so wirst du hier im Frieden ruhn / und ewig fröhlich sein.
Autor: Paul Gerhardt ist fröhlich und dankbar deshalb kann er das Lob nicht für sich behalten. Mit ihm bekenne ich und fasse dabei meine eigene Dankbarkeit in seine Worte. Sie sind mehr als nur Gesang. Sie sind Gebet, Bekenntnis, Verkündigung.
In Jesus ist Gott als Mensch zu uns gekommen. Er kennt und teilt unsere Grundbedürfnisse: Nahrung, Kleidung, Wärme. Ganz handfest, ganz existenziell. Wie Öl und Most. Aber am Ende zählt etwas anderes:
Choral 1 (Strophe 12): Du füllst des Lebens Mangel aus / mit dem, was ewig steht, / und führst uns in des Himmels Haus, / wenn uns die Erd entgeht.
Autor: Das Vergängliche ist nicht das ganze Leben. Am Ende zählt, was ewig steht. Wenn uns das fehlte, wenn uns Gottes Liebe mangeln würde, dann hätten wir nicht das Entscheidende im Leben und im Sterben. Deshalb soll mein Herz singen und springen, denn ich habe ja das Wertvollste, Höchste, Unvergleichliche: Der Ursprung aller Dinge ist es: mein Besitz. Mein Schatz. Mein Erbe.
Choral 1 (Strophe 13): Wohlauf, mein Herze, sing und spring / Und habe guten Mut! / Dein Gott, der Ursprung aller Ding, / ist selbst und bleibt dein Gut.
Sprecherin: Dein Gott, der Ursprung aller Ding, ist selbst und bleibt dein Gut.
Autor: Kann ich so von Gott sprechen? Ich besitze ihn doch nicht. Ich verfüge doch nicht über ihn. Gewiss nicht, würde Paul Gerhardt sagen, aber was ich habe, ist die Zuversicht: Gott lässt nicht von mir. Das gibt mir innere Ruhe und zugleich eine unbändige Fröhlichkeit. Da sprudelt es nur so heraus:
Instrumentalmusik: Orgel
Sprecherin: (Strophe 14): Er ist dein Schatz, dein Erb und Teil, / dein Glanz und Freudenlicht, / dein Schirm und Schild, dein Hilf und Heil, / schafft Rat und lässt dich nicht.
Instrumentalmusik: Orgel
Autor: Die Glaubensgewissheit, die Paul Gerhardt in 18 Strophen gefasst hat, ist kein Besitz. Sie ist ein Geschenk, ein kostbares. Dieses Geschenk gibt der Dichter weiter. Er lässt mich teilhaben an seinem Glauben, seinem Vertrauen, seiner getrosten Sicht der Dinge, auch wenn sie gerade nicht zum Besten stehen. Aus der Breite seiner Erfahrung hat er hier ein Gebet, ein Bekenntnis geschaffen. Eine Predigt. Klar und ohne Schnörkel fasst sie das Lob Gottes aus der Mitte des Lebens heraus. Mit Freude am Greifbaren, mit Dank für die einfachen Dinge des Lebens wie Öl und Most. So beten und bekennen das könnte ich als Einzelner nicht. Mit unzähligen anderen, die dieses Lied gesungen haben, erfahre ich etwas von der Kraft, die aus Paul Gerhardts Gotteslob erwächst. So kann auch ich einstimmen in den Gesang. Mit Herz und Mund.
Choral 1 (Strophe 1): Ich singe dir mit Herz und Mund, Herr, meines Herzens Lust; / Ich sing und mach auf Erden kund, / was mir von dir bewusst.
Musikinformationen: Musik 1: CD-Name: Paul Gerhardt Befiehl du deine Wege Track-Nr.: 2 Ich singe dir mit Herz und Mund Chor: Solistenensemble unter der Leitung von Gerhard Schnitter Text: Paul Gerhardt Melodie: Genf 1562/ Johann Crüger (1653) Verlag/Label: Hänssler Verlag
Musik 2: CD-Name: Die schönsten Choräle Track-Nr.: 8 Ich singe dir mit Herz und Mund Text: Paul Gerhardt Melodie: Johann Crüger Verlag/Label: Schulte& Gerth
Musik 3: CD-Name: Du meine Seele, singe Orgel: Albert Behrends Melodie und Satz: Johann Crüger (1653) Verlag/Label: Edition Chrismon
Ich singe dir mit Herz und Mund (eg 324)
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