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Komische Abendländer
Autor: Er schlägt keine Frauen, legt auch keinen Wert auf ihre Verhüllung und bastelt keine Bomben für Selbstmordattentate: Ibrahim Thiam aus dem Senegal.
Dennoch ist er gläubiger Moslem, bewohnt in Siegen eine helle, geschmackvolle Zweizimmerwohnung und hat im Regal neben dem Koran die Lutherbibel stehen. Ein ruhiger Typ, für den der Islam ganz wesentlich aus einer Sache besteht, die auch für uns Christen kein Fremdwort ist: dem Gebet.
O-Ton: Das fängt schon morgen früh an, wenn ich aufstehe. Erstmal morgens Gebet, und Mittag gibt es, Nachmittag auch, und dann kommt Abend- und Nachtsgebet, ne. Das sind die fünf Gebete, die sind Pflicht, ne. Man steht und hat man ein Teppich und dann Richtung Kibla, ist das Richtung Osten oder Mekka, und da steht man und sagt man: Asthachfirula, asthachfirula, allahu agbar, allahu agbar...
Autor: Allahu agbar - ,Gott ist der Größte. Und zu diesem großen Gott betet Ibrahim Thiam fünfmal am Tag, mit Worten aus dem Koran. Aber wozu soll das gut sein? Das klingt für uns Christen doch eher ein bisschen anstrengend und riecht nach Arbeit.
O-Ton: Ja, der Sinn ist dieser ständige Kontakt mit Gott, ne. Das ist die Erinnerung eigentlich an Gott, dass man ständig mit ihm ist. Ja, das ist ein Leitfaden, was man folgt, jeden Tag. Der Koran sagt: Sei mit Gott überall, wo du bist, ne. Also, deswegen also ist das eher eine Lebensart.
Autor: Demnach ist das Gebet im Islam ein Rezept gegen die Vergesslichkeit, unter der wir christlichen Abendländer so sehr leiden, jene Gottesvergesslichkeit, die durch so viele Belanglosigkeiten des Alltags genährt wird und uns die tieferen Dimensionen des Daseins so leicht übersehen lässt. Das islamische Gebet hat aber nach Ibrahim Thiam noch eine andere erfreuliche Nebenwirkung:
O-Ton: Das bricht auch vielleicht diese Langeweile, die man haben kann, dass man keine Monotonie also im Leben. Jedes Mal, wenn ich sitze und was tue, ganz monoton, und irgendwann muss ich das brechen, und dann jetzt mich vorbereiten für das Gebet. Jemand, der jeden Tag betet, kann sich nicht vorstellen, das zu vergessen, weil das ist in seinem Körper eigentlich.
Autor: Es ist Zeit für das Abendgebet. Unbekümmert packt Ibrahim Thiam vor mir seinen Gebetsteppich aus und legt los, wobei es ihm überhaupt nichts ausmacht, dass ich ihm beim Beten zusehe. Komisch, mir selber ist es schon peinlich, wenn ich in Gesellschaft vor dem Essen ein Tischgebet spreche. Man will ja schließlich nicht allzu fromm rüberkommen. Und wenn unsere christlichen Minarette, die Kirchtürme, zum Mittag- oder Abendgeläut ansetzen, ziehe ich nicht einmal ein schlichtes Vaterunser in Erwägung. Komisch, denn eigentlich bin ich doch ein christlicher Abendländer...
Komische Abendländer
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