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Entzieh dich nicht! (Jesaja 58, Vers 7)
Sind Sie noch da? Oder sind Sie bereits online? Sind Sie mit Ihren Gedanken noch im Hier und Jetzt? Oder sind Sie damit bereits im Internet unterwegs?
Mal eben nachsehen, ob Ihnen jemand eine Mail geschrieben hat, ob bei Stayfriends ein alter Schulfreund auf Sie gestoßen ist, ob sich bei WKW oder Facebook jemand elektronisch mit Ihnen befreunden will.
Ups, ich habe eine Mail bekommen! Darin steht: Claudia möchte mit dir befreundet sein. Um diese Anfrage zu bestätigen, klicke auf folgenden Link. Tue ich. Und schwupps bin ich mit Claudia befreundet. Claudia, die ich seit zehn Jahren nicht gesehen und eigentlich auch nicht groß vermisst habe. Aber schön, dass sie mit mir befreundet sein will. Ach, sieh mal einer an: Claudia ist auch mit meinem alten Schulkameraden Uwe befreundet! Englisch-Grundkurs in der Oberstufe. Zwanzig Jahre nicht gesehen. Er ist seit zwei Stunden Fan der Gruppe U 2. Kann man in seinem Profil sehen. Und er hat Urlaubsfotos ins Netz gestellt. Claudia gefällt das. Hat sie jedenfalls angeklickt. Und einen Kommentar dazu an Uwes Pinwand hinterlassen.
Hi Uwe! will ich gerade schreiben. Der ist nämlich auch gerade online und befindet sich im Chat. Ich tue es aber nicht. Denn nachdem ich bereits den halben Tag im Netz unterwegs bin, frage ich mich plötzlich, wo ich mich da eigentlich stundenlang herumgetrieben, mit wem ich mich auf dem Bildschirm vergnügt habe und: ob ich dabei wirklich irgendjemandem begegnet bin.
Dabei macht mich ein Bibelvers hellhörig. Eine Formulierung im Buch Jesaja, die es für mich auf den Punkt bringt und mich ermahnt, mein Leben nicht flüchtig und virtuell, sondern verbindlich und konkret zu gestalten. Entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! so lautet die göttliche Aufforderung. Menschen aus Fleisch und Blut aber sind so ziemlich das genaue Gegenteil von den vertrauten, aber fernen Wesen im Internet, die als Buchstaben und jpg-Dateien über meinen Bildschirm huschen. Ich kann mich in diesem weltweiten Netz der illusionären Freundschaften leicht verstricken und bin dann auf dem besten Weg in ein hohles virtuelles Nirwana, das mit dem wirklichen Leben nicht mehr viel zu tun hat.
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich will das Internet als Kommunikationsmittel nicht verteufeln. Dafür bin ich inzwischen selber viel zu sehr darauf fixiert. Leider, denn auch ich erliege regelmäßig dem Reiz, mir mit Menschen, die in meinem Leben keine wesentliche Rolle spielen, die Zeit zu vertreiben. Und wer verteufelt schon gerne das eigene Verhalten? Aber ich frage mich doch immer wieder, welchen Sinn es eigentlich macht, mit hunderten von Leuten in lockerem Kontakt zu stehen, mit denen ich nicht mal einen Kaffee auf die Reihe kriege. Dahinter steckt wohl mein unausgesprochener Wunsch nach Nestwärme, mein Bedürfnis, gemocht zu werden, und die Sucht nach dem schönen Gefühl, dass ich nicht allein auf der Welt bin.
Das bin ich ganz gewiss nicht, und so heißt es in dem Jesaja-Text kurz vorher: Brich dem Hungrigen dein Brot! Und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn. Die Hungrigen, Elenden, Obdachlosen und Nackten, das sind Menschen aus Fleisch und Blut. Genauso wie dein Arbeitskollege, der unter Depressionen leidet, dein Nachbar, der nicht mehr alleine aus dem Haus kann, und deine Freundin, die mit ihrer Scheidung nicht fertig wird. Sie wohnen gleich um die Ecke, sind leicht erreichbar und mit großer Wahrscheinlichkeit gerade nicht online.
Entzieh dich nicht! (Jesaja 58, Vers 7)
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