| |
Beten - Privat oder öffentlich
Sie haben miteinander gebetet, Barack Obama und Billy Graham. Der alte Prediger und der junge Präsident gemeinsam im Gespräch mit Gott ein öffentliches Ereignis Ende April.
Die Medien berichteten darüber. Schon mit vielen US-amerikanischen Staatsoberhäuptern hatte Billy Graham Gebetsgemeinschaft. Kein Präsident kam an ihm vorbei. Obama war der dreizehnte seit 1950, der die Nähe zu dem berühmten Billy Graham gesucht hat.
Der Bürgermeister, der Landrat, die Bundestagsabgeordnete sprechen im Gottesdienst Fürbitten. Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens beten öffentlich. Das kann im Gottesdienst zum Feuerwehrjubiläum sein, im Gedenken an die Opfer eines Amoklaufs oder in der ökumenischen Feier zum tausendjährigen Bestehen einer Kirche. Es sorgt für Aufmerksamkeit. Aber hat solch öffentliches Beten nicht etwas Anrüchiges? Steht es nicht immer in der Gefahr, dass Frömmigkeit zur Schau gestellt wird? Steckt womöglich politisches Kalkül dahinter? In einem Land wie den USA, wo die Gesellschaft stark vom Christentum durchdrungen ist, ist der Glaube für einen Präsidenten ein wichtiger Gesichtspunkt. Wie verträgt sich all das mit der deutlichen Warnung, die Jesus zum öffentlichen Beten ausspricht?
Sprecherin: Wenn ihr betet, so sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. (Matthäus 6,5)
Lieber ins stille Kämmerlein, sagt Jesus, und beten hinter verschlossener Tür als im Licht der Öffentlichkeit. Nun würde ich den Präsidenten Obama und den Prediger Graham nicht als Heuchler bezeichnen. Und auch die Politiker, die an einem Gottesdienst mitwirken, verdienen natürlich keinen solchen Vorwurf. Im Gegenteil: Sie geben sich dadurch als Christen zu erkennen und können so als Beispiel dafür gelten, dass sich Christen in der Zivilgesellschaft engagieren. Das ist nicht selbstverständlich und bringt auch nicht unbedingt Wählerstimmen, jedenfalls in Deutschland nicht. Jesus wendet sich ja auch nicht generell gegen das öffentliche Gebet im Tempel, sondern gegen den Missbrauch des Gebets als selbstgefällige Demonstration. Und gegen die vielen eitlen Worte:
Sprecherin: Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. (Matthäus 6,7)
Das öffentliche, gemeinsame Beten gesprochen oder gesungen geschieht stellvertretend. Es kann die Gemeinschaft der Betenden tragen und stärken. Und wenn ich mich in den Worten, die Generationen vor mir schon gebetet haben, aufgehoben und geborgen fühle, kann ich gelöst und befreit sein. Dann tragen mich die Worte, ohne dass ich mir immer jedes einzelne bewusst machen muss. Das gilt für das gemeinschaftliche, öffentliche Gebet ebenso wie für das individuelle im stillen Kämmerlein. Ich darf mich in den Worten, die andere gefunden haben, ausruhen. Sie sind stark genug, um mich mitzunehmen. Psalmen, Lieder oder auch die Gebete, die sich im Evangelischen Gesangbuch finden.
Und wenn Worte nichts mehr helfen, wenn ich mich in keinem vorhandenen Gebet wiederfinde, dann weiß ich: Gott hört mich trotzdem. Er hört und versteht auch mein mühsames Stammeln und Stottern. Er versteht mich auch, wenn ich sprachlos bin.
Beten - Privat oder öffentlich
|