Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.06.10, Andreas Duderstedt

Beten - richtig oder falsch?

Zum Pfarrer Blumhardt in dem schwäbischen Dorf Bad Boll kam einmal eine Bäuerin und klagte ihm ihr Leid. Ihr Mann wurde gewalttätig, wenn er betrunken war.

Und das war er oft. Dann verprügelte er seine Frau. Alles Bitten und Flehen war vergeblich: Im Rausch schlug er brutal zu, immer wieder. Sie wusste immer schon vorher, wann es wieder so weit war. Danach stieg die Frau in ihrer Verzweiflung jedes Mal auf den Dachboden und flehte zu Gott, er möge ihr Leiden beenden und ihren Mann zur Vernunft bringen. Nach jeder Misshandlung betete sie so, oft stundenlang. Sie lag auf den Knien und betete verzweifelt. Aber es half nichts. Der Mann hörte nicht auf, sie zu quälen. Die Frau wusste sich keinen Rat mehr.

Der Rat, den ihr der Pfarrer gab, war ungewöhnlich. Sie solle „mit ihrer saudummen Beterei aufhören“, sagte er. Ihre Arbeit in Haus und Hof möge sie ganz ruhig weiter erledigen, für sich sorgen, das Vieh füttern, sich um den Garten kümmern und so weiter – ihrem Mann aber keinen Dienst mehr tun, kein Essen mehr zubereiten, keine saubere Wäsche mehr hinlegen, kein Wort mehr mit ihm wechseln.

Die Bäuerin, so wird erzählt, hat sich daran gehalten, auch wenn es ihr schwer fiel. Anfangs tobte der Mann, doch als sie nicht reagierte, wurde er still und war nach einigen Tagen ganz kleinlaut. Der Rat soll geholfen haben.

„Hör mit der saudummen Beterei auf!“ Und das aus dem Mund eines Pfarrers. Gibt es das: saudummes Beten? Ist das Gebet nicht immer eine gute Sache? Die fromme Frau in Bad Boll hat sich doch nach dem Psalmwort gerichtet: „Wirf dein Anliegen auf den Herrn; der wird dich versorgen...“? (Psalm 55,23)

Jedenfalls war es eine falsche Demut, mit der die Frau ihren brutalen Mann gewähren ließ. Diese falsche Demut führte sie zu einer fruchtlosen Passivität. Sie tat nichts. Beten und handeln können und sollen aber eine wunderbare Einheit sein. In dem alten klösterlichen Prinzip „ora et labora“, bete und arbeite, steckt diese Erkenntnis: Die Stille, die Versenkung in Gott ist das eine – die aktive Tat ist das andere.

Im Gebet kann ich mich ganz loslassen, ganz von mir absehen – in der Arbeit, in der Aktion kann ich aus der Kraft heraus handeln, die nicht aus mir selber kommt, sondern von Gott. Das Gebet hilft, von mir weg zu schauen zu dem, dem ich mein Leben mit all seinen Möglichkeiten verdanke. Dann wiederum kann ich neu auf mich zurückschauen. So wie es der lebensnahe Pfarrer Blumhardt der Frau in Bad Boll gezeigt hat. Also war ihr verzweifeltes Gebet auf dem Dachboden wohl doch nicht ganz vergeblich. Immerhin hat Gott sie zum Pfarrer geschickt und diesen die richtigen Worte finden lassen.

Ich wünsche Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, dass Sie heute beides erleben: Beten und Tun. Dass die Einheit von passiver Versenkung und aktiver Arbeit Ihren Tag bestimmt.

Audiobeitrag Beten - richtig oder falsch?


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