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Eingeladen
Autor: Holm denkt ans Sterben. Er sitzt mit seiner Mitarbeiterin vor dem Laden. Und erzählt von einer Filmszene, die ihn nachdenklich gemacht hat.
In ihr kommt ein Mann nach Hause.
Sprecherin: Er setzt Wasser auf, steht vor dem Wasserkocher, wartet. Dann geht er zum Balkon. Und geht auf den Balkon und springt. Er springt runter, sagte Holm, er springt über die Balkonbrüstung, als wäre das eine leichte Hürde, einfach so. Einfach so.
Autor: Die junge Autorin Hanna Lemke erzählt diese Geschichte in ihrem Buch Gesichertes. Holm ist ein einsamer Mann. Er hat einen merkwürdigen Laden, eingerichtet wie ein Wohnzimmer, mit zwei dunkelgrünen Sofas, Sesseln und einer altmodischen Schrankwand.
Sprecherin: Das ist ein Laden? fragte ich. Es soll ein Café sein, sagte er. Aber hier ist doch nie jemand, sagte ich. Doch, manchmal ist hier jemand, sagte er. Wer denn, du?, fragte ich. Ja, ich, sagte Holm.
Autor: Es scheint nicht viel zu geschehen in Holms Leben. Ein Café hat er, aber keine Kunden. Hinter dem Raum mit den Möbeln gibt es noch ein Schlafzimmer. Genau so einsam. Vielleicht hat er Angst, dass er es einmal ebenso machen würde wie der Mann in dem Film. Die Frau hat er angestellt, damit sein Café in guten Händen ist. Wie jemand, der vor dem Sterben sein Haus ordnen möchte. Eines nachts kommt er bleich und verschwitzt in den Laden gestolpert. Als sich die Mitarbeiterin um ihn kümmern will, schickt er sie nach Hause.
Sprecherin: Am nächsten Tag hing ein Zettel an der Ladentür, auf den Holm sehr klein und mit krakeliger Schrift wegen Krankheit geschlossen geschrieben hatte. Ich schloss die Tür trotzdem auf. Holm lag im hinteren Zimmer auf seinem Bett wie aufgebahrt, gerade auf dem Rücken, die Decke glatt über sich gebreitet, die Hände gefaltet, und als er mit mir sprach, hatte er immer noch denselben klagenden, anklagenden Tonfall wie in der vergangenen Nacht. Hör zu, sagte er, es war eben nicht so gedacht, dass du hier dein Leben verbringst, also kannst du den Schlüssel einfach auf dem Küchentisch liegen lassen, ja?
Autor: Sein Haus wollte er ordnen. Aber loslassen will er eigentlich noch nicht. Die Nähe zu der Frau wird ihm zu viel. Solange alles seinen gewohnten Gang ging, konnte er sie in sein Leben lassen. Aber als er wirklich zerbrechlich wird, braucht er erst einmal mehr Distanz. Wie so oft bei älteren Menschen, die an den Abschied denken. Die ihre Hinterlassenschaft bei der nächsten Generation aufgehoben wissen wollen. Aber wenn es ernst wird, möchten sie am liebsten alles ungeschehen machen. Es ist so unglaublich schwer, zu gehen. Es muss Verbundenheit wachsen mit dem Menschen, dem man sich anvertraut. Doch woher die Kraft dazu nehmen?
Wochen später hat Holm dennoch wieder einen Schritt ins Leben gemacht. Er hat Bistrotische und Stühle gekauft und sie vor sein Café gestellt und sich dann schlafen gelegt. Es sind sogar zwei Gäste gekommen. Die junge Frau hat sie bedient. Dann ist sie zu ihm gegangen.
Sprecherin: Holm wachte seufzend auf. Er drehte sich weg von mir, zur Seite, ich legte mich neben ihn und presste mich an seinen Rücken. [...] Dann stand ich wieder auf und blieb stehen, vor seinem Bett, während Holm sich umdrehte, mich anschaute; er blieb liegen, er wusste überhaupt nicht, was er jetzt tun sollte oder sagen, das sah ich ihm an.
Autor: Am Ende ist Vertrauen entstanden zwischen den beiden. Für einen Moment kann er ihre Nähe zulassen. Und hat dabei sogar neuen Lebensmut gefunden. Neuen Elan für sein Café. Manche Menschen ziehen die Kraft für solch einen Schritt direkt aus ihrem Glauben. Aber meistens ist es gut, von anderen behutsam angestoßen zu werden. Auch das kann eine Berührung Gottes sein.
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