Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.06.10, Andreas Duderstedt

Gott auf die Nerven gehen

„Mama, krieg ich ein Eis?“, bettelt das Kind. Die Mutter sagt nein! Das Kind lässt nicht locker. Die Mutter bleibt fest, erklärt: „Du hattest doch heute schon zwei.“

Das Kind quengelt weiter, so lange, bis die Mutter endlich den Wunsch erfüllt, ärgerlich und genervt. Das Kind bekommt sein Eis.

Wer Kinder hat, kennt solche Situationen. Das Kind setzt darauf: Wenn ich nur lange genug bettle, kriege ich, was ich will. Und die Erfahrung gibt ihm recht. Das Kind erreicht sein Ziel: Die geplagte Mutter hat einfach keine Lust mehr, das Gequengel weiter zu ertragen. Gegen Vernunft und pädagogische Prinzipien, nur um endlich ihre Ruhe zu haben, kauft sie der kleinen Nervensäge ein Eis. So wie dieses Kind sollen wir beten, sagt Jesus. Ja, genau so. Das Kind ist unverschämt, lästig, geht der Mutter auf die Nerven. Und damit ist es das ideale Bet-Vorbild.

Gott anbetteln, ihn anflehen, quengeln, ihn anschreien, ihm auf die Nerven gehen: Genau dazu ermutigt Jesus in Gleichnissen. Zum Beispiel in der Geschichte von dem Mann, der mitten in der Nacht Besuch bekommt (vgl. Lukasevangelium 11,5ff):

Ein Freund, unterwegs auf Reisen, taucht überraschend bei ihm auf. Da gebietet es die Gastfreundschaft, den Besucher zu bewirten. Dummerweise hat der Hausherr gerade nichts Essbares im Haus. Also läuft er zu seinem Nachbarn, schlägt Krach, weckt ihn auf und sagt: „Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann.“ Dieser antwortet ärgerlich: „Weißt du, wie spät es ist? Weck mir bloß die Kinder nicht auf!“ Aber der andere lässt nicht nach. Er bittet und bettelt, bis er endlich hat, was er will. Und Jesus betont: „Wenn der Nachbar schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.“ Wegen seines unverschämten Drängens. Das ist noch milde ausgedrückt im Vergleich zu Luthers ursprünglicher Übersetzung. Dort hieß es drastisch: „um seines unverschämten Geilens willen“. Ein heftiges Begehren also.

Es ist schon ein sonderbares Bild von Gott, das Jesus hier zeichnet. Gott wird verglichen mit einem Menschen, der sich mit einer lästigen Bitte konfrontiert sieht. Einer unverschämten Zumutung. Und dieser Mensch kommt dem Wunsch schließlich nach – aber nicht aus Überzeugung, nicht aus Freundschaft oder gar aus Liebe. Nein, nur um endlich seine Ruhe zu haben.

Jesus, der Mensch, zeigt uns die menschliche Sicht auf Gott. Er ermutigt uns, menschlich auf Gott zuzugehen und nicht nachzulassen. Gott ist dafür empfänglich, sagt er, und macht das mit diesem gewagten Vergleich deutlich. Wir müssen uns nicht scheuen, Gott zu bedrängen. Wir müssen nicht befürchten, ihm lästig zu werden. Es ist nicht vergeblich. Das Kind, das jetzt unbedingt ein Eis will, wird angetrieben von der Aussicht: Ich muss nur lange genug quengeln, dann kriege ich, was ich will. Den bittenden Freund, der in einer peinlichen Notlage ist, treibt am Ende nur noch die Hoffnung: Wenn ich ihm jetzt nur lange genug auf den Wecker gehe, hilft er mir endlich. Diese Hoffnung nährt seine Beharrlichkeit. Und so beharrlich, sagt Jesus, sollen auch wir beten.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Tag.

Audiobeitrag Gott auf die Nerven gehen


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