Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.06.10, Pfarrer Sven Keppler

Sonnenkind

„Ich danke Gott und freue mich wie ein Kind zu Weihnachten. Ich lebe noch und liebe wieder. Ich fühle mich wie neu geboren.

Ich bin ein Sonnenkind für’s ganze Leben – denn da hinten wird’s schon wieder hell.“

So hat es eine Frau in ein Gebetsanliegenbuch geschrieben. Sie ist irgendwann in die offene Kirche gekommen. Hat gebetet und eine Kerze angezündet. Und dann hat sie aufgeschrieben, was sie bewegt. Ihre Worte klingen nach Neuanfang. Sie scheint eine Krise hinter sich zu haben, die bis ins Innerste ging. Dass sie noch lebt, ist nicht mehr selbstverständlich für sie. Aber sie hat die schwere Zeit hinter sich gelassen. Hat sich neu verliebt und ist voller Hoffnung für die Zukunft. In ihrem Glück fühlt sie sich wie ein Kind. Ein Sonnenkind für’s ganze Leben. Wie ein Mädchen zu Weihnachten, dem seine Herzenswünsche erfüllt worden sind. Sogar wie ein Neugeborenes, das neu ins Leben starten darf.

Wenn man so ein Gebetsanliegenbuch liest, dann kommt man ins Staunen. Die intensiven Gefühle der Frau sind keine Ausnahme. Viele Einträge kommen mitten aus dem Leben. Man spürt oft etwas von dem lebendigen Zwiegespräch der Menschen mit Gott. Dankbarkeit ist die vorherrschende Tonlage. Und das aus den unterschiedlichsten Gründen:

„Danke für diesen schönen Tag.“

„Danke, dass Du mich getragen hast, als alles kaputt ging.“

„Danke dafür, dass Du mir hilfst, meine Familie und mich gesund zu erhalten.“

„Hab Dank für das Kind, das in mir wächst.“

Und ganz oft einfach nur: „Danke für Alles!“

Menschen sind wieder in Kontakt gekommen mit einer Lebensenergie, die brach lag. Sie fühlen sich wieder handlungsfähig. Können beschwingt an Aufgaben gehen, die sie sich gar nicht mehr zugetraut hatten. So, wie es die Schreiberin sagt: „Ich fühle mich wie neu geboren!“

Die Geburt gehört zu den intensivsten Erlebnissen einer Frau. Die Wehen. Die Schmerzen. Die Angst, ob alles gut geht. Die unendliche Anstrengung. Und dann die tiefe Dankbarkeit, wenn die Geburt gelungen ist. Wenn ein zartes, anschmiegsames Baby auf dem eigenen Bauch liegt. Auch für die Väter, die das erlebt haben, ist diese Erfahrung unvergesslich.

Im ersten Johannesbrief ist einmal von denen die Rede, die aus Gott geboren sind. Ein berührendes Bild ist das: Gott schenkt uns das Leben. Wir dürfen Gott vertrauen, uns bei ihm geborgen fühlen. Er fühlt sich uns verbunden wie eine Mutter, die ihr Kind mit großer Anstrengung zur Welt gebracht hat. Wenn wir Schutz brauchen, dürfen wir zu ihm kommen.

Bei der Taufe wird ein Mensch in die Gemeinschaft der Christinnen und Christen aufgenommen. Wer getauft ist, kann voller Vertrauen sagen: „Ich bin aus Gott geboren.“ Aber ich glaube, dass das nicht nur für die Taufe gilt. Immer wieder machen Menschen die Erfahrung, behütet worden zu sein. Eine Krise durchgestanden zu haben. Oder völlig unerwartet eine neue Chance zu bekommen. Wie neu geboren zu sein ist eine Erfahrung, die man immer wieder im Leben machen kann. Immer, wenn einem Menschen ein Neuanfang geschenkt wird – im Großen und im Kleinen. So ein Geschenk Gottes verändert das ganze Leben.

Audiobeitrag Sonnenkind


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