Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.06.10; Pfarrer Sven Keppler

Danke für alles

Autor: „Danke, dass du mich diese Nacht behütet hast.“ Mit diesen Worten fängt mein Tag gut an. Auch Ihnen wünsche ich einen guten Morgen.

Ich heiße Sven Keppler und bin Pfarrer in Lünen. Von Martin Luther kommt die Empfehlung, dankbar in den Tag zu starten: „Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, dass du mich diese Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast.“ Es hätte ja auch ganz anders kommen können. „Schaden und Gefahr“ gehören zum Danken dazu. Weil ich von ihnen verschont worden bin. Oder weil sie endlich vorüber sind.

Wenn Menschen ihrem Gott danken, dann spielt das Dunkle meistens eine Rolle. Man spürt das, wenn man in einem Gebetsanliegenbuch liest. Solche Bücher liegen in vielen offenen Kirchen. Menschen kommen in die Kirche und beten. Oft zünden sie eine Kerze an. Und dann schreiben sie auf, was sie bewegt.

Sprecherin: „Ich danke Gott und freue mich wie ein Kind zu Weihnachten. Ich lebe noch und liebe wieder. Ich fühle mich wie neu geboren. Ich bin ein Sonnenkind für’s ganze Leben – denn da hinten wird’s schon wieder hell.“

Autor: Das klingt nach Neuanfang. Die Frau scheint eine Krise hinter sich zu haben, die bis ins Innerste ging. Dass sie noch lebt, ist nicht mehr selbstverständlich für sie. Aber sie hat die schwere Zeit hinter sich gelassen. Hat sich neu verliebt und ist voller Hoffnung für die Zukunft. In ihrem Glück fühlt sie sich wie ein Kind. Ein Sonnenkind für’s ganze Leben. Wie ein Mädchen zu Weihnachten, dem seine Herzenswünsche erfüllt worden sind. Sogar wie ein Neugeborenes, das neu ins Leben starten darf.

Wenn man in einem Gebetsanliegenbuch liest, dann kommt man ins Staunen. Die intensiven Gefühle der Frau sind keine Ausnahme. Viele Einträge kommen mitten aus dem Leben. Man spürt oft etwas von dem lebendigen Zwiegespräch der Menschen mit Gott. Und manchmal ahnt man: Da versucht jemand zum ersten Mal seit langer Zeit, wieder mit Gott ins Gespräch zu kommen. Dankbarkeit ist die vorherrschende Tonlage. Und das aus den unterschiedlichsten Gründen:

Sprecher: „Danke für diesen schönen Tag.“

Sprecher: „Danke dafür, dass du mir hilfst, meine Familie und mich gesund zu erhalten.“

Sprecherin: „Hab Dank für das Kind, das in mir wächst.“

Autor: Und ganz oft einfach nur: „Danke für alles!“ Menschen sind wieder in Kontakt gekommen mit einer Lebensenergie, die brach lag. Sie fühlen sich wieder handlungsfähig. Können beschwingt an Aufgaben gehen, die sie sich gar nicht mehr zugetraut hatten. So, wie es die erste Schreiberin sagt: „Ich fühle mich wie neu geboren!“

Musik 1: Molly Johnson, Sunday

Sprecherin: „Lieber Gott, ich danke dir für die Tiere, die Musik, die Natur; dafür, dass ich genug zu essen und zu trinken habe, eine Wohnung, eine liebe Familie und so vieles mehr... Ich danke dir für alles Schöne, Helle, Gute in meinem Leben. Bitte gib mir Kraft, auch schwierige, dunkle Zeiten zu bestehen. Ich danke dir, dass ich mich immer wieder im Gebet an dich wenden darf.“

Autor: Es gibt so vieles, was dankbar macht. Tiere, Musik, nicht Not zu leiden, Menschen zu haben. Die Schreiberin dieser Zeilen vergisst dabei nicht die dunklen Momente im Leben. Beides gehört zusammen. Aber sie empfindet sich reich beschenkt und dankt Gott, dass sie ihr Leben gemeinsam mit ihm führen darf. Dass er ansprechbar ist für sie und ihr Gebet.

So ein umfassendes Dankeschön ist jedoch eher selten. Zwar findet sich oft der Satz: „Danke, Gott, für alles!“ Aber ich habe das Gefühl, dass sich dieser Dank auf etwas ganz Bestimmtes richtet. Man muss es ja nicht aufschreiben, sodass andere es lesen können. Gott wird schon wissen, was man meint: „Gott, danke für alles, du weißt schon!“

Fast immer gibt es einen Anlass für den Dank. Kaum jemand ist einfach nur unbeschwert glücklich und bringt das dann einfach mal zum Ausdruck.

Meistens blicken die dankenden Menschen zurück auf eine schwierige Zeit. Eine Not oder eine Sorge. Nachdem sich das Geschick zum Guten gewendet hat, ist die Sorge nicht einfach vergessen. Sondern die Schreiber erinnern sich, dass sie in ihrer Not nicht alleine waren. Dass Gott ihnen geholfen hat.

Sprecherin: „Ich danke dir von ganzem Herzen, dass du mich getragen hast, als alles kaputt ging.“

Sprecher: „Lieber Gott, ich danke dir, dass du meine Familie gerettet hast.“

Sprecher: „Herrgott, ich danke dir, dass ich noch lebe.“

Autor: Was für Lebensgeschichten stehen hinter diesen Worten! Ein Eintrag beginnt: „Ein Licht für ein leichtes, lustiges Leben.“ Tja, denkt man. Schön, wenn Du so ein leichtes Leben hast. Aber der Satz geht weiter:

Sprecherin: „Ein Licht für ein leichtes, lustiges Leben. Endlich. Danke!“

Autor: Was alles in diesem „Endlich“ liegt! Wie lange mag es gedauert haben, bis die Schreiberin endlich einmal wieder leicht und unbeschwert lachen konnte?

Musik 2: Maria Mena, All this time

Autor: Dankbarkeit ist die vorherrschende Tonlage. Aber auch ganz andere Stimmungen und Gefühle kommen zum Ausdruck: Trauer, Hilflosigkeit, Zorn und Verzweiflung.

Sprecherin: Meine Schwester versteht überhaupt nichts. Sie hat doch alles im Leben geschafft. Der Versager in der Familie bin ich doch. Zeig mir endlich, wohin mein Weg mich führen wird. Ich hab langsam keine Kraft mehr. Manchmal wünschte ich, dass dieses ewige Kämpfen endlich vorbei ist.

Autor: Warum schreiben Menschen diese Gebete auf? Ganz persönliche Gefühle und Gedanken. In ein Buch, das öffentlich ausliegt und in dem jeder lesen kann. Bei vielen Einträgen spürt man, dass die Schreiberinnen und Schreiber schon länger mit Gott im Gespräch sind. Vermutlich haben sie schon oft gesagt, was sie bewegt. Im Gebet, still oder auch leise gemurmelt. Manchmal sogar richtig laut. Aber irgendwann wollten sie es aufschreiben. Dazu sind sie in die Kirche gekommen. Oder sie haben beim Beten in der Kirche gemerkt, dass sie gerne etwas festhalten möchten.

Für mich zeigt sich darin, dass der Glaube keine Privatsache ist. Obwohl viele in unserem Kulturraum ihn dazu machen. In Gesellschaft redet man nicht über seinen Glauben – heißt es. Und dann passiert es doch immer wieder, dass ich auf einer Party angesprochen werde: „Du bist wirklich Pfarrer?“ Und schon sind wir mitten im Gespräch über Gott und die Welt. Im öffentlichen Leben hat der Glaube keinen Platz – hieß es lange. Und dann kehrte die Religion plötzlich zurück und wurde zu einem Großthema.

Der Glaube ist keine Privatsache. Wer im Gespräch mit Gott steht, möchte das nicht immer verschweigen müssen. Aber wie soll man darüber reden? Wo ist der Ort dafür und was ist die richtige Form? Bibelstunden, Beichtgespräche, Hauskreise, Gebete in der Familie – vieles ist heute fremd geworden oder an den Rand gedrängt.

Gebetsanliegenbücher bieten da einen Ausweg: Wer etwas in ihnen festhält, kann anonym bleiben und trotzdem aus der Einsamkeit heraustreten. Er kann etwas von sich erzählen und muss trotzdem keinem Menschen in die Augen schauen. Das Buch lädt ein zum Ausprobieren. Wie ist es, wenn ich etwas öffentlich mache? Wenn ich mich öffne und von dem berichte, was mich im Innersten beschäftigt? Außerdem kann ich meinen Anliegen mehr Nachdruck verleihen. Was schwarz auf weiß steht, hat schließlich mehr Gewicht als ein leise gemurmeltes Wort. „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“, hat Jesus gesagt. Die Gebetsanliegenbücher bestätigen, dass er recht hatte.

Sprecherin: Lieber Gott, ich glaube an dich. Doch manchmal frag ich mich, wo du bist... Bitte beschütze meine Familie. Ich spreche jeden Tag mit dir in meinen Gedanken. Ich möchte glücklich sein, auch mit meiner Liebe, für die ich jahrelang schon kämpfe! Ich hoffe wirklich, dass du siehst, was ich tue.

Musik 3: Maria Mena, Monday Morning

Autor: Längst nicht immer blicken die Schreiber und Schreiberinnen in unserem Buch auf Sorgen zurück, die hinter ihnen liegen. Oft ist der Dank mit einer Bitte verbunden.

Sprecher: „Ich danke dir von tiefstem Herzen für alles, doch jetzt brauche ich deine Hilfe.“

Sprecherin: „Oh Herr, hab Dank für das Kind, das in mir wächst. Schütze und behüte es und sei in den letzten Wochen bei uns.“

Autor: Wer dankbar auf vergangene Erfahrungen blickt, kann sich voller Vertrauen mit einer neuen Bitte an Gott wenden. Das kann man schon in den Psalmen studieren. Sogar mitten in der Not gibt es dieses Miteinander von Dank und Bitte:

Sprecherin: „Ich will dir danken für meinen Sohn, der so lieb und prächtig gewachsen ist. Ich danke dir für das Wunder der Geburt. Und dafür, dass mein Sohn in diesem Moment von einer Frau getröstet wird. Ich brauche dich, ich will doch wieder das Leben, das du mir geschenkt hast, genießen und so leben, wie du es auferlegst. Hilf mir, die Kraft für mein Kind zu haben und für mich.“

Autor: Man spürt, wie die Kraft fehlt. Wie groß die Sehnsucht ist: dem Leben gewachsen zu sein, auch einmal Freude an ihm zu haben, dem eigenen Kind und der Verantwortung gerecht zu werden. Und trotzdem verstellen die Sorgen den Blick nicht für das Gute: Der Sohn ist auf der Welt. Er entwickelt sich prächtig. Und er hat einen Menschen, der für ihn sorgt. Dafür danken zu können trotz aller Sorgen, das finde ich großartig und es berührt mich sehr.

So vielfältig ist der Chor der Betenden: Menschen, die sich einfach am Leben freuen können. Andere, die dankbar sind, dass schwierige Zeiten hinter ihnen liegen. Manche schöpfen aus ihrer Dankbarkeit Mut für die Zukunft. Und wieder andere suchen mitten in ihrer Not die Hilfe Gottes. Alle drücken ihre Erfahrungen aus im Gebet. Sie suchen und finden Worte, die sie Gott ins Stammbuch schreiben.

Darin zeigt sich die große Kraft des Betens. Im Beten betrachten wir unser Leben. Im Beten denken wir nach über das, was uns widerfährt. Betend setzen wir unser Leben in Beziehung zu Gott. Oder richtiger: Wir werden sensibel dafür, wie unser Leben in Beziehung zu Gott steht. Wie Gott uns nahe ist, auch wenn er fern scheint. Wie er uns führt, auch wenn wir es zeitweise nicht merken. Im Gebet werden wir daran erinnert. Was uns dabei bewusst wird, dürfen wir wie einen Schatz bewahren.

Es lohnt sich, diesen Schatz festzuhalten. Die Gedanken und Gefühle aufzuschreiben: in einem Gebetsanliegenbuch. Oder in einem persönlichen Gebetstagebuch. Um sich später daran zu erinnern: Wenn die Gefühle wieder unsicher geworden sind. Oder wenn aus größerem Abstand die Zeit für einen Rückblick gekommen ist. Denn manchmal kommt die Dankbarkeit auch aus der Erinnerung an das Gute, das Gott mir getan hat.

Am Mikrofon verabschiedet sich Pfarrer Sven Keppler von der evangelischen Kirche.

Musik 4: Molly Johnson, Ooh Child

 

Audiobeitrag Danke für alles


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen