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Gesichertes
Autor: Vor einem Jahr war Georg bei ihr eingezogen. Viel Platz gab es nicht in ihrer Einzimmerwohnung. Aber sie waren eng zusammengerückt und es war gegangen.
Besonders ihre Eltern hatten gehofft, dass sie einen guten Einfluss auf ihn habe und sein Leben beständiger werde. Aber dann war alles vorbei.
Sprecherin: Ich ziehe zu Tilman, sagte Georg im Juni. Ich nickte und konnte für einen Moment nichts sagen. Dabei hatte ich mit so etwas schon gerechnet. Es war ein Jahr her, dass Georg bei mir eingezogen war, und ein Jahr, das ist so Georgs Zeit.
Autor: Die aus Wuppertal stammende Autorin Hanna Lemke erzählt die Geschichte von Georg in ihrem Buch Gesichertes. Keine gewöhnliche Liebesgeschichte. Georg hatte bei seiner Schwester gewohnt. Hatte auf dem Sofa in ihrem Flur geschlafen. Erst hatte sie befürchtet, dass es den beiden zu eng würde. Aber dann war es die meiste Zeit so gewesen, als sei Georg gar nicht da.
Sprecherin: Alles, was Georg hatte, passte in eine Reisetasche. Ich schaute ihm beim Packen zu. Ich überlegte, noch etwas zu sagen, dass wir eine schöne Zeit gehabt hätten oder dass ich hoffte, dass er sich bald bei mir melden würde. Sei nicht traurig, sagte Georg zum Abschied und zog die Wohnungstür hinter sich zu.
Autor: Im nächsten Monat kam Sander bei ihr zu Besuch, ein alter Freund von Georg. Er kannte Georgs Unstetigkeit. Wie er seit Jahren immer etwas Neues anfing und wieder damit aufhörte, wenn es ihm langweilig wurde: eine Ausbildung, ein Studium an der Kunsthochschule, ein Job. Zuletzt das Leben bei seiner Schwester. Sander schlug vor, mit Georg was trinken zu gehen. Sie holten ihn bei Tilman ab und gingen in die nächste Kneipe.
Sprecherin: Georg blieb nicht lange. Wie telefonieren dann mal, sagte er zum Abschied zu Sander, und zu mir: Und wir? Geht`s dir gut bei Tilman, sagte ich. Georg schaute mich erstaunt an. Ja, sagte er. Ja klar. Dann lächelte er und sagte: Du bist ja eifersüchtig!, und ich wollte etwas antworten, irgendetwas anderes, aber da hatte ich schon die Schultern gezuckt und gesagt: Wahrscheinlich hast du recht. Sander und ich liefen schweigend nebeneinander her nach Hause. Erst kurz bevor wir ankamen, sagte Sander etwas. Du bist ja blöd, sagte er, dass du ihn einfach so gehen lässt.
Autor: Erst blockte sie natürlich ab. Aber ein paar Tage später, als Sander fort war, ging sie wieder zu Georg. Ihr war klar geworden, dass sie um ihn kämpfen müsste, um ihn nicht zu verlieren. Ihn festhalten, damit er nicht fortweht aus ihrem Leben. Denn von seiner Seite konnte sie keine Beständigkeit erwarten. In der Wohnung traf sie jedoch nur Tilman. Sie setzten sich, rauchten eine Zigarette.
Sprecherin: Ich sagte: Irgendwann. Ich sagte: Irgendwann verschwindet er von hier, und dann sitzt du da. Tilman hörte nicht auf zu lächeln. Ich weiß, sagte er, aber solange Georg da ist, ist es doch sehr schön, nicht?
Autor: Darum sorg nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat, hätte Tilman sagen können. Das alte Jesuswort aus der Bergpredigt. Aber Tilman meinte es noch etwas anders: Jeder Tag hat sein eigenes Glück. Auch wenn es morgen nicht mehr da ist. Aber warum schon heute eine Sorge daraus machen? Warum es dadurch zerstören, dass man es für morgen festhalten will? Vielleicht hätte Jesus das auch so sagen können.
Gesichertes
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