Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.05.10; Pfarrer Titus Reinmuth

Die Wahrheit kennen

7. April 1977. Generalbundesanwalt Siegfried Buback und zwei Begleiter, Wolfgang Göbel und Georg Wurster, werden erschossen.

Es ist der Auftakt zu einer Reihe von Anschlägen und Attentaten der terroristischen Rote Armee Fraktion. Sie wird die Bundesrepublik im Jahre 1977 in Atem halten. Ich war damals 12 Jahre alt und spürte genau, dass etwas Schreckliches passiert war. Mein Vater versuchte mir zu erklären, warum viele so angespannt waren und die Nachrichten verfolgten.

Guten morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, mein Name ist Titus Reinmuth, heute bin ich 45 und Pfarrer einer evangelischen Kirchengemeinde in Wassenberg am Niederrhein. In diesen Wochen tauchen die alten Nachrichtenbilder plötzlich wieder auf. Für den Anschlag auf Siegfried Buback und seine beiden Begleiter wurden damals Christian Klar, Knut Folkerts und Brigitte Mohnhaupt verurteilt. Aber wer tatsächlich die Schüsse abgab, ist bis heute ungeklärt.

O-Ton: Die frühere RAF-Terroristin Verena Becker wird sich nun auch im Mordfall Buback vor Gericht verantworten müssen, 33 Jahre nach dem Attentat. Die Bundesanwaltschaft hat heute Anklage erhoben. Becker sei, so der Vorwurf, Mittäterin gewesen, als Generalbundesanwalt Buback und zwei seiner Begleiter im April 1977 erschossen wurden. Die heute 57jährige hatte von Anfang an zum Kreis der Verdächtigen gezählt, war aber im Fall Buback bisher nicht belangt worden.

Autor: Aufgrund neuer Beweise wird der ehemaligen RAF-Terroristin jetzt vorgeworfen, sich als Mittäterin an dem Karlsruher Attentat beteiligt zu haben. Mit über 30 Jahren Verzögerung soll nun geklärt werden, wer für einen der spektakulärsten Anschläge der RAF verantwortlich ist. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat dazu Akten frei gegeben. Auch neuerliche Hausdurchsuchungen lieferten zusätzliche Hinweise. Mich bewegt eine Notiz, die man bei der heute 57jährigen Verena Becker fand. Sie schreibt am 31. Jahrestag des Attentats:

Sprecherin: Ich weiß noch nicht, wie ich für Herrn Buback beten soll. Ich habe kein wirkliches Gefühl für Schuld und Reue. Natürlich würde ich es heute nicht mehr machen.

Autor: Noch über 30 Jahre danach kreisen die Gedanken der Ex-Terroristin um Siegfried Buback. Was mag sie heute empfinden? Warum schweigt sie? Für mich ist das schwer zu verstehen. Es gibt noch jemanden, dem die Sache keine Ruhe lässt. Michael Buback, Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts, recherchierte über zwei Jahre lang auf eigene Faust, nahm Akteneinsicht, sprach mit Zeugen von damals, zog seine eigenen Schlüsse. 

O-Ton: Das Problem, dass sich jetzt in den letzten zweieinhalb Jahren zu dem Karlsruher Attentat am 7. April 1977 ergeben hat, ist ja, dass dort drei Menschen verurteilt worden sind vor vielen, vielen Jahren, aber dass unter diesen drei Menschen nicht die beiden Personen sind, die von einem Motorrad aus den dreifachen Mord verübt hatten. Die bereits Verurteilten können durchaus beteiligt gewesen sein an dieser Tat, so dass das keine Fehlurteile sein müssen, aber das Erschreckende ist, es geht um fehlende Urteile.

Autor: Buback zeigt sich in diesen Tagen erleichtert, dass es nun zu einem neuen Prozess kommen kann.
 
O-Ton: Natürlich möchte man wissen, ... wer die Täter waren. ... Wenn es der Vater ist, fühlt man sich noch mal besonders verpflichtet, wenigstens darauf hinzuwirken.

Autor: Was der Privatmann Buback ermitteln konnte, hat er auf über 400 Seiten zusammengetragen. „Der zweite Tod meines Vaters“ heißt sein Buch, das im Herbst 2009 in erweiterter Auflage erschienen ist. Mit schier unermüdlichem Einsatz hat Buback Hinweise zusammengetragen, die aus seiner Sicht schon länger den Verdacht auf  Verena Becker lenken. Die Sache liest sich wie ein Krimi. Wenn es nicht so ernst wäre. Es geht um Gerechtigkeit, um Schuld und Vergebung –  und um die Wahrheit.

O-Ton: Wenn ich die Wahrheit wüsste, könnte ich – und das gilt sicher auch für meine Familie – könnte ich mit dieser Sache abschließen. Und dann spielt das andere, die Bestrafung, für uns keine Rolle mehr.

Autor: Mord verjährt nicht. Endlich die Wahrheit zu kennen, ist für Michael Buback das Entscheidende. Das verstehe ich. Wie will man mit einer Sache abschließen, wenn Schuld gar nicht benannt ist, wenn immer etwas offen bleibt?

Musik: Melody Gardot, Gone

Autor: Mord verjährt nicht. Aber Verena Becker schweigt. Was erzählt dieser dramatische Fall über Täter und Opfer, Schuld und Vergebung? Welche Schritte sind nötig, damit ein Opfer mit einer Sache abschließen und ein Täter wieder neu ins Leben finden kann? Wer kann Vergebung gewähren und aussprechen?

Das wollten die  Schüler einer neunten Klasse ganz genau von mir wissen. Sie fragten: Angenommen, es kommt jemand zu Ihnen in die Sprechstunde und will etwas beichten. Eine Straftat. Ein echtes Verbrechen. Schüler fragen so direkt: Würden Sie dem vergeben? Kommt drauf an, habe ich gesagt. Zur Vergebung gehört ja, dass jemand seine Schuld benennt und Reue zeigt. Würden Sie dem vergeben? Ja, wir könnten Gott um Vergebung bitten. Ich könnte auch Vergebung im Namen Gottes zusprechen. Aber dem, der mich da ins Vertrauen zieht, würde ich zunächst sagen: Wir fahren erst mal zur nächsten Polizeistation, und Sie machen eine Aussage. Das verstehen die Schülerinnen und Schüler. Und nur so könnte ich das. Alles andere wäre billige Gnade.

Im Kleinen, da, wo man sich kennt und zusammen lebt, ist es ja kaum anders. Auch da sind bestimmte Schritte nötig, damit wir Menschen aus der Schuld herausfinden und Vergeben lernen. Manchmal muss man halt den berühmten Gang nach Canossa antreten. Einsehen, dass man etwas falsch gemacht hat, dem andern gegenübertreten und um Entschuldigung bitten. Meist reicht es schon, wenn die Schuld benannt ist. Oft habe ich erlebt, dass mein Gegenüber dann gute Worte findet und es wirklich wieder gut ist.

Im Großen, da, wo die Gesellschaft betroffen ist, wo Schuld schwer wiegt, ist das so nicht möglich. Straftaten verlangen nach Aufklärung, Schuld verlangt nach Sanktionen. Ein Verkehrssünder gibt für einen Monat den Führerschein ab, wer Steuern hinterzieht, gibt die Steuer zurück und zahlt eine Geldstrafe, ein Gelegenheitsdieb leistet gemeinnützige Arbeit, ein Mörder kommt ins Gefängnis. Recht und Gesetz verlangen auf ihre Weise nach den Fakten. Nicht nur die Opfer wollen wissen, was geschehen ist, auch die Gesellschaft fordert Aufklärung. Wo es noch möglich ist, wird Schaden wieder hergestellt, und natürlich muss ein Täter die Folgen der Schuld tragen.

Aber ist dann alles wieder gut?

Musik: Lenny Kravitz, Destiny

Autor:
Der erste Mord in der Bibel ist der von Kain an Abel. Kain, der Ältere, erschlägt seinen Bruder Abel im Zorn. Was erzählt uns die Geschichte über Schuld und Vergebung? Ich kenne das Bild noch aus meiner Kinderbibel, hier wird die vielschichtige Erzählung in ganz einfache Bilder gefasst. Die ungleichen Brüder bringen Gott ein Opfer. Da sieht man Abel: freundlich und irgendwie fromm blickt er zum Himmel, der helle Rauch seines Opfers steigt gerade empor und Gott schaut gnädig von oben herab. Alles ist gut. Daneben, gebückt und mit finsterer Miene: Kain, wie er neidisch zu seinem Bruder herüberschaut. Hier ziehen dunkle Rauchschwaden flach über den Boden – sein Opfer wird nicht angenommen. Nichts ist gut.

Was folgt, ist der erste Mordfall der biblischen Geschichte. Im Zorn erschlägt Kain seinen Bruder Abel und verscharrt ihn sogleich in der Erde. Doch es gibt einen Zeugen – Gott. „Wo ist dein Bruder Abel?“, fragt Gott. „Ich weiß es nicht,“ antwortet Kain. „Was hast Du getan?“ fragt Gott erneut. Eine Antwort bleibt aus. Gott ist Zeuge, es gibt kein Entrinnen, auch wenn Kain beharrlich schweigt. Der Täter ist überführt, für schuldig befunden und wird mit einem Fluch belegt. Unstet und flüchtig soll er leben auf Erden, das Land soll für ihn keine Ernte geben. Aber Kain fürchtet auch die Strafe der Menschen. Denn nach menschlichem Ermessen muss er für seine Tat ganz anders büßen. Er fürchtet, dass man ihn totschlägt.

Doch es geht hier nicht nur nach menschlichem Ermessen zu. Das fasziniert mich bis heute an dieser Geschichte. Ganz zum Schluss wird der Täter noch bewahrt. Gott macht ein Zeichen auf Kain, damit ihn niemand erschlägt. Er soll geschützt werden ein Leben lang. Das berühmte Kainsmal ist ein Lebenszeichen. Der schuldige Mensch erscheint als ein Ausgezeichneter Gottes. Gottes Urteil über Kain lautet lebenslänglich Freiheit im offenen Vollzug des Lebens: flüchtig und unstet, mit Mühsal und Arbeit, mit Schuld und Reue, aber freigesprochen zum Leben, bewahrt und beschützt von Gott. Kain wird sogar zum ersten Städtebauer in der biblischen Geschichte. Der selber Schutz braucht, baut Häuser, die Schutz geben. So kann er leben.

Musik: Lenny Kravitz, Destiny

O-Ton:
Grundsätzlich muss man natürlich immer bereit sein, Menschen eine neue Chance zu geben oder einen Weg zurück.

Autor: Sagt Michael Buback, Sohn des 1977 von Terroristen der RAF ermordeten Generalbundesanwalts. Kann sich der Sohn des Opfers eine Begnadigung der Täter vorstellen? Buback begrüßt, dass Angehörige von der Pflicht entbunden sind, sich zum Stichwort Gnade überhaupt zu äußern. Aber eins ist ihm doch wichtig:

O-Ton: Wenn es um Begnadigung geht, fände ich es gut, wenn diejenigen, die Begnadigung wollen, sagen, wofür sie sie haben wollen. Also das fände ich auch als Zeichen gut, dass man wieder frei in der Gesellschaft leben will, dass man das Verbrechen anerkennt. Gerade in dem Falle meines Vaters ist ja das Problem, man weiß gar nicht so genau, was passiert ist. Und da ist es besonders schwierig, Begnadigungsäußerungen zu machen.

Autor: In einer weiteren Notiz, die man bei Verena Becker gefunden hat, scheint sie darüber nachzudenken.

Sprecherin: Was will ich erreichen? S. und andere reinwaschen. Sagen, wie es wirklich war.

Autor:
Der erste Schritt zur Vergebung ist, dass Schuld eingesehen und benannt wird. Dann kann auch die Bibel von Gnade sprechen. Viele Geschichten erzählen so von Vergebung und Neuanfang. Da wird die Ehebrecherin nicht verurteilt, sondern losgelassen, und auch der reiche Steuereintreiber bleibt nicht ausgeschlossen, sondern gehört wieder dazu.

O-Ton: Wenn mich jemand fragt: „Kannst du mir das nicht verzeihen?“, dann werde ich natürlich fragen: „was soll ich dir denn verzeihen? Ich will das sehr gern tun, aber ich kann ja nicht einfach pauschal oder ganz unverbindlich so etwas zusagen.“ Und das meine ich, sollte man auch im Falle der Begnadigung doch versuchen so zu halten. Dass ein Täter sagt, was er gemacht hat.

Autor: Ob Verena Becker aussagt, ist völlig offen. Wer weiß, welche Schuld sie trägt und was sie für sich selbst benennen kann. Im Prozess wird nach menschlichem Ermessen ermittelt, und das Gericht wird ein Urteil fällen. Nur mal angenommen, die Ex-Terroristin käme in meine Sprechstunde, sie wollte beten und hätte doch ein Gefühl für Schuld und Reue – ja, ich könnte ihr die Vergebung Gottes zusagen. Natürlich müsste sie ihre Strafe antreten und die Folgen ihrer Schuld tragen, die nun mal nach menschlichem Ermessen zu tragen sind. Aber vor Gott wäre sie frei vom ersten Tag an.

Einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche wünscht Ihnen Titus Reinmuth, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Wassenberg.

Musik: Joss Stone, Right to be wrong

Musikinformationen:
Melody Gardot: Gone, CD: worrisome heart, Track 3 (Universal 2008)
Joss Stone: Right to be wrong, CD: mind, body & soul, Track 1 (EMI 2004)
Lenny Kravitz: Destiny, CD: Baptism, Track 13 (EMI 2004)

Zitate:
Verena Becker zitiert nach: Der Spiegel, Nr. 15 (2010), S. 37.
Tagesschau vom 08.04.2010, Archiv tagesschau.de

Audiobeitrag Die Wahrheit kennen


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