Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.06.10, Pfarrer Eko Alberts

„Du meine Seele singe …“ (eg 302)

Autor: Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Ob der kleine Vogel gerade bei seiner Futtersuche einen Wurm fand, weiß ich nicht.

Aber nun sitzt er auf einem Zweig vor meinem Fenster. Da überlegt er nicht: er muss einfach sein Trillern und Zwitschern hören lassen.
„Wenn ich ein Vöglein wär“, täte ich es vielleicht nicht anders. Aber ich tu mich mit meinen Liedern doch schwerer. Ohne einen Schubs geht es manchmal gar nicht. Das ist bei uns Menschen wohl so.

Sprecherin: Halleluja! Lobe den HERRN, meine Seele! Ich will den HERRN loben, solange ich lebe!

Autor: So beginnt Psalm 146. Da ist gleich im Anfang der nötige Anschub, der Aufschwung der Seele zum Lied. Paul Gerhard hat daraus Verse geschmiedet, und von Georg Ebeling kommt die Melodie. Sie reißt uns so aus der Tiefe mit, dass wir uns wie auf einem grünen Zweig wieder finden. Und dann singen und jubeln wir zuweilen doch:

Musik 1: (Strophe 1): Du meine Seele singe, / wohlauf und singe schön / Dem, welchem alle Dinge / zu Dienst und Willen stehn. / Ich will den Herren droben / hier preisen auf der Erd´; / ich will ihn herzlich loben, / solang´ ich leben werd.

Autor: Ob wir auf einen grünen Zweig kommen, ist jetzt nicht so wichtig: „Den Herren droben“ besingen, Gott ein Ständchen bringen, darum soll es gehen! Dazu braucht es viel Schwung. Daher klingt die Schlusszeile auch wie ein Lockruf, um in der nächsten Strophe fortzufahren. Doch wer erhebt denn da seine Stimme? Wer ruft seine Seele, und somit sich selbst, zum schönen Gesang? Ein Mensch, der nah an der Erde lebt, der nicht nur den Wurm sucht, sondern selber von der Erde ist – und sei er auch zum Fürsten und König aufgestiegen.

Sprecherin: Verlasset euch nicht auf Fürsten; sie sind Menschen, die können ja nicht helfen. Denn des Menschen Geist muss davon, und er muss wieder zur Erde werden; dann sind verloren alle seine Pläne. (Psalm 146,3f)

Autor: Den Menschen der Erde hat Gott sich versprochen. Ihr Gott will er sein. Und dem Himmel und dieser Erde, die er erschaffen und reichhaltig ausgestattet hat, bleibt er treu. Ein Glück ist es, ihm unser Lied zu singen.

Musik 1: (Strophe 2): Wohl dem, der einzig schauet / nach Jakobs Gott und Heil! / Wer dem sich anvertrauet, / der hat das beste Teil, / das höchste Gut erlesen, / den schönsten Schatz geliebt; / sein Herz und ganzes Wesen / bleibt ewig unbetrübt.

Sprecher: Wohl dem, der einzig schauet nach Jakobs Gott und Heil! Wer dem sich anvertrauet, der hat das beste Teil, das höchste Gut erlesen, den schönsten Schatz geliebt; sein Herz und ganzes Wesen bleibt ewig unbetrübt.

Autor: Ach, wir sind nicht nur auf einem grünen Zweig gelandet, wir haben die Spitze gewonnen! Lauter Superlative: beste, höchste, schönste – und ewig! Und unser Dichter ist mächtig auf den Geschmack gekommen. Dabei ist der Dreißigjährige Krieg mit seinen Verwüstungen kaum vorbei, die Brandmale und Narben werden lange bleiben. Vieles ist zu Boden gestürzt und in den Dreck gezogen – trotzdem: Vögel singen, und auch der Glaube findet sein Lied. Denn Gott gibt nicht auf. Auf ihn schauen, setzt unerhörte Kräfte frei. Und die besingt der Dichter voller Begeisterung.

Musik 1: (Strophen 3 und 4): Hier sind die starken Kräfte, / die unerschöpfte Macht; / das weisen die Geschäfte, / die seine Hand gemacht: / der Himmel und die Erde / mit ihrem ganzen Heer, / der Fisch unzählig Herde / im großen wilden Meer.

Sprecher: Hier sind die starken Kräfte, die unerschöpfte Macht; das weisen die Geschäfte, die seine Hand gemacht: der Himmel und die Erde mit ihrem ganzen Heer, der Fisch unzählig Herde im großen wilden Meer.

Musik 1 (Strophe 4): Hier sind die treuen Sinnen, / die niemand Unrecht tun, / all denen Gutes gönnen, / die in der Treu beruhn. / Gott hält sein Wort mit Freuden, / und was er spricht, geschieht; / und wer Gewalt muss leiden, / den schützt er im Gericht.

Sprecher: Hier sind die treuen Sinnen, die niemand Unrecht tun, all denen Gutes gönnen, die in der Treu beruhn. Gott hält sein Wort mit Freuden, und was er spricht, geschieht; und wer Gewalt muss leiden, den schützt er im Gericht.

Autor: Ist das nicht alles übertrieben? Natürlich ist es das. So, wie das Lied des Vogels vor meinem Fenster. Hat er wirklich Grund, so zu tirilieren? Gleich muss er wieder im Dreck Futter suchen und auch finden. Inzwischen singt er.

Doch der Dichter? Und wir? Manchmal spricht alles dagegen zu singen, erst recht so vollmundig. Trotzdem singen wir schon von dem, was noch gar nicht da ist. Oder nur stückchenweise. Denn der Glaube sieht weiter als der eigene Schnabel, die Hoffnung ist gewisser als Sicherheit, die Liebe mutiger als das eigene Herz. Darum also: „Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön!“

Wovon denn noch mehr? Von dem Gott, der die Armen dieser Erde nicht vergessen kann:

Sprecherin: Der HERR hält Treue ewiglich, er schafft Recht denen, die Gewalt leiden, er speist die Hungrigen. Der HERR macht die Gefangenen frei. Der HERR macht die Blinden sehend. Der HERR richtet auf, die niedergeschlagen sind. Der HERR liebt die Gerechten. Der HERR behütet die Fremdlinge und erhält Waisen und Witwen; aber die Gottlosen führt er in die Irre. (Psalm 146,6-9)

Musik 2: (Strophen 5: Er weiß viel tausend Weisen, zu retten aus dem Tod, ernährt und gibet Speisen zur Zeit der Hungersnot, macht schöne rote Wangen oft bei geringem Mahl; und die da sind gefangen, die reißt er aus der Qual.

Sprecher: Er weiß viel tausend Weisen, zu retten aus dem Tod, ernährt und gibet Speisen zur Zeit der Hungersnot, macht schöne rote Wangen oft bei geringem Mahl; und die da sind gefangen, die reißt er aus der Qual.

Autor: Auf diesen Gott, der die Hilfsbedürftigen den Fürsten gleich rechnet und die Reichen nicht vom Tod freistellt, dürfen alle hoffen. Auch die Hartz4-Empfänger aus biblischer Zeit: die Fremden, Waisen und Witwen. Nur wer sich ihm verweigert, wird sich mit seinem Leben heillos verrennen. Paul Gerhardt hat diesen spärlichen biblischen Warnruf so drastisch ausgemalt, dass kaum ein Chor diese Strophe singen mag:

Sprecher: Er ist der Fremden Hütte, die Waisen nimmt er an, Erfüllt der Witwen Bitte, wird selbst ihr Trost und Mann; Die aber, die ihn hassen, bezahlet er mit Grimm, ihr Haus und wo sie saßen, das wirft er um und um. (Strophe 7)

Autor: Von alledem weiß der Vogel vor meinem Fenster nichts. Und ich? Ach, auch ich weiß noch so wenig. Im Grunde bin ich ebenso verletzlich wie der Vogel oder „eine welke Blum“, wie Paul Gerhardt sagt. Trotzdem singe ich. Denn ich glaube: Bei Gott bleib ich geborgen. Da: der Vogel erhebt sich und fliegt singend auf!

Musik 3: (Strophe 8): Ach, ich bin viel zu wenig, / zu rühmen seinen Ruhm! / Der Herr allein ist König, / ich eine welke Blum. / Jedoch weil ich gehöre / gen Zion in sein Zelt, / Ist´s billig, dass ich mehre / sein Lob vor aller Welt.

Musikinformationen:

Musik 1: (Chor)
Musiktitel:   Du meine Seele singe
Komponist:   Johann Georg Ebeling
Bearbeiter:   Ralf Popken
Dichter:   Paul Gerhardt
Chor:    Wilhelmshavener Vokalensemble
Dirigent/Leitung:  Ralf Popken

Musik 2:
Musiktitel:   Du meine Seele singe (Choralkantate)
Komponist:   Johann Georg Ebeling
Satz:    Gerhard Schnitter
Chor:    ERF-Studiochor
Dirigent/Leitung:  Gerhard Schnitter

Musik 3:
Musiktitel:   Du meine Seele singe
Komponist:   Johann Georg Ebeling
Bearbeiter:  Margret Birkenfeld
Dichter:   Paul Gerhardt
Chor:   Wetzlarer Evangeliumschor Wilfried Mann
Dirigent/Leitung: Margret Birkenfeld

Audiobeitrag „Du meine Seele singe …“ (eg 302)


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