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Gott - nah und fern
Liebe Hörerin, lieber Hörer,menschlich nahe, tief gläubig und voll heiterer Gewissheit wird im zweiten Buch der Bibel von der Befreiung Israel aus der Sklaverei erzählt:
"Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten." (2. Mose 13, 21)
Nein, wir brauchen keine gelehrten Hinweise auf rauchende Feuer oder Vulkane, die für diese Beschreibung Pate gestanden hätten. Wir brauchen einen Funken dieses Vertrauens, ein Wölkchen Ehrfurcht vor dem Gott in der Wolke, der Mose und dem Volk die Richtung weist. Dann meldet sich in uns eine Sehnsucht, dass auch uns ein Licht vorangeht in ein Leben, das der Schöpfer und Liebhaber des Lebens uns zeigen kann. Dann möchten wir endlich Schritte tun, mit denen wir nicht mehr nur um uns selbst und um die eigenen Bedürfnisse kreisen. Ausbrechen aus diesem engen Kreis und mit anderen unterwegs sein in das Land des gerechten Friedens. "Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht."
Doch wenn wir heute an Gott denken - wie weit sind wir nicht von solch tiefem Glauben und solch heiterer Gewissheit entfernt?! Woran liegt das? Ist Gott uns denn so fern geworden? Ist er - ohne eine Spur zu hinterlassen - entschwunden? Haben ihn die fahlen Aschewolken über den Krematorien in Ausschwitz ganz vor unseren Augen weggenommen? Ist das Feuer des großen Blitzes von mehr als tausend Sonnen uns so in die Seele gebrannt, dass wir für ihn blind geworden sind? Ich weiß mehr Fragen als Antworten. Und Sie gewiss auch. Wir müssen es uns nicht vorwerfen. Else Lasker-Schüler, eine lebenslang suchende und irrende Dichterin, klagt in ihrem Gedicht O Gott auf ihre eigene Weise darüber. In Schmerz und Wehmut erinnert sie an frühere Nähe Gottes in der Welt. Doch am Ende heißt es in der letzten Zeile ihres Klagegedichtes: O Gott, o Gott, wie weit bin ich von dir! (Else Lasker-Schüler, Gedichte 1902-1943, dtv 10641, S 212)
Wer das sagt, wer das beklagt, in aller Ohnmacht, in allem Scheitern, aber auch mit solcher Sehnsucht, mit Erinnerungen an einmal erlebte Nähe und heitere Gewissheiten, der muss nicht ohne Antwort bleiben.
Jesus Christus nimmt diese Klage auf. Er geht den Weg durch Wüsten der Verlassenheit und Tiefen des Todes mit uns. Was in der Befreiung des Volkes Gottes aus der Sklaverei anklang, will er in Gottes Namen vollenden. Sogar wenn das Unerhörte geschieht, dass Gott sich entfernt, Gott also seinen geliebten Sohn verlässt, dann tut er es, um zugleich allen Verlassenen auf dieser Erde nah zu sein und ewig zu bleiben. Die Auferstehung ist darauf die Bestätigung. Sie macht heiter und gewiss. Darum säumen den Weg dieses neuen Moses die Spuren neuer Hoffnung. Vielleicht nicht als Wolken- oder Feuersäulen. Aber als Menschen, die einander als Menschen begegnen und nicht verteufeln, die einander Frieden wünschen und Frieden tun, die nicht eigene Ohnmachts- und Minderwertigkeitsgefühle in Hass auf andere ummünzen, sondern auch für die Übeltäter beten. Und Gott selbst, nein, er ist nicht mehr fern. Wo sein Wort Menschen zusammenbringt, da ist er in ihrer Mitte.
Gott - nah und fern
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