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Im Zwischenraum
Liebe Hörerin, lieber Hörer, hinter uns das Vergangene, vor uns das Kommende. So leben wir Menschen: immer mittendrin.
Aber zum Gestern können wir nicht zurückkehren und das Morgen nicht vorwegnehmen. Hilde Domin hat diesen Zwischenzustand einmal in einem Gedicht so beschrieben:
Zwei Türen Nur zwei Türen / sind verriegelt. / Alle anderen laden dich ein / und öffnen dem leisesten / Druck deiner Neugier. // Nur diese Türen sind / so hart zu öffnen / dass deine Kräfte nicht reichen. / Kein Schreiner kommt und / hobelt sie ab und ölt / die widerspenstigen Riegel. // Die Tür die sich hinter dir / schloß und du bist / draußen. / Die Tür die vor dir sich sperrt und du / bist drinnen. (Hilde Domin: Gesammelte Gedichte, Fischer-Verlag Frankfurt; S 277)
Wo also befinden wir uns? Im Draußen und Drinnen zugleich? Immer im Zwischenraum: Vergangenes bleibt stehen und ist doch unserem Zugriff entzogen. Im Gestern leben ist keine Möglichkeit. Das zu akzeptieren ist manchmal schwer. Denn was lagert nicht alles in dem Raum, den wir verlassen, dessen Tür sich schließt? Beglückende Anfänge, Blütenträume, spielerische Leichtigkeit des Seins, Liebesübungen, verheißungsvolle Erfolge aber auch bittere Niederlagen, Kränkungen, Einsamkeiten, Misserfolg, Schuld... Wie viel Emotion ist damit nicht verbunden?! Und alles uneinholbar? Ja, denn die Tür ist so hart zu öffnen, dass deine Kräfte nicht reichen. Ja, Du bist draußen.
Und in dem Zwischenraum ist zugleich die andere Tür, die Tür vor Dir. Das ist die Tür zum Morgen. Steht sie nicht offen? Ist das Land der Zukunft nicht offen und wartet nur darauf, entdeckt zu werden? Ja, aber hast auch Du den Schlüssel dafür? Kannst Du darüber verfügen? Du lebst im schmalen Zwischenraum Deiner Gegenwart. Es mag da auch viele leichtgehende Türen geben, die Nischen zur Zerstreuung anbieten, zum Zeitvertreib. Doch immer findest Du Dich wieder hinter der einen und vor der anderen Tür: Gestern und Morgen, Vergangenheit und Zukunft. Das kann ein beklemmendes Gefühl auslösen. Wir sind wie ausgeliefert. Aus- und eingesperrt zugleich.
Aus der biblischen Geschichte fällt mir die Wüstenwanderung des Volkes Israel ein: Die Tür nach Ägypten ist zugeschlagen. Der mühsame Weg in die Freiheit angetreten. Doch der Rückweg ist versperrt. Mehr als einmal muss Mose dies klar machen. Dann steht man vor der Tür zum Morgen im versprochenen Land. Es gibt unterschiedliche Meldungen aus der Zukunft und dem Land hinter Fluss und Hügeln: Fruchtbar und ertragreich soll es sein, lohnend und voller Chancen; aber es drohen auch Widrigkeiten, gegenläufige Tendenzen, mangelnde Möglichkeiten Fuß zu fassen. Und: wird sich die Tür öffnen? Das Volk Israel steht im Zwischenraum zwischen Gestern und Morgen. Was nun? Wie nun weiter? Da hört dieses Volk eine Zusage als Schlüssel für das Leben. Gott selbst verspricht sich seinem Volk. Er erinnert: Wie ich mit Mose gewesen bin in der Wüste, in Hunger und Durst, in der Sehnsucht, im Unterwegs so will ich auch in Zukunft mit dir sein. Und mehr als einmal erfolgt, exemplarisch für alle, die sich im Zwischenraum befinden, die Ermutigung: Sei nur getrost und ganz unverzagt! (Josua 1, 9) Es verspricht sich auch uns der, der die Schlüssel des Lebens hat; Herr über das Erinnern und Herr über das Entdecken, das Gestern und Morgen. Er bietet sein Geleit und seine Gegenwart selbst an. Er lässt dir sagen: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht! (Josua 1, 5)
Im Zwischenraum
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