Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.06.10, Pfarrer Eko Alberts

Beim Namen gerufen

Liebe Hörerin, lieber Hörer, wir leben in einer Welt voller Veränderungen. Manchmal kommen sie schleichend daher und ein anderes Mal überrumpeln sie uns.

Das Leben kennt keinen Stillstand. Wer still stehen will, wird leicht zum Bremsklotz. Jedem stellt sich die Frage: Welche Rolle hast Du in diesem Rennen? Bist Du Motor oder Anhänger? Ziehst Du oder lässt Du Dich ziehen? Treibst Du die Dinge voran oder wirst Du getrieben? Es scheint: Die Räder wollen immer schneller laufen. Kommst Du noch mit? Kriegst Du noch Luft? Weißt Du noch, wohin Du gehörst? Vielleicht war das Tempo noch nie so rasant wie in unserer Zeit. Das kann erschrecken und unsicher machen. Furcht kriecht dann aus den Ritzen unserer Selbstsicherheit, Angst legt sich wie Frost auf unser Gemüt. Wer bin ich in diesem Rennen? Wo bleibe ich? Sieht mich noch jemand? Hat mich einer im Blick? Was wird aus mir, wenn ich das Tempo nicht mithalten kann?

Das scheint alles sehr neu und so prägend für unsere Zeit – und begleitet das Menschenleben doch von Urzeiten an. Deshalb klingt auch durch alle Zeiten der Ruf des Evangeliums: „Fürchte dich nicht!“ Israel hat das gehört in Zeiten, als es unter die Räder der Geschichte gekommen war. Da war auch eigenes Verschulden im Spiel. Doch Gott lässt sein Volk nicht fallen: „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst!“ (Jes. 43,1) Mit anderen Worten: Du gehst nicht unter, Du bleibst in Gottes Händen.

Und dann wird etwas hinzu gesetzt, was uns heutzutage besonders ansprechen kann: "Ich habe dich bei deinem Namen gerufen." Das spricht einen empfindlichen Teil unserer möglichen Ängste an: Namenlos zu leben und einmal auch so abtreten zu müssen. Die umfassende Anonymität. Veränderung bis zur Unkenntlichkeit, bis zum Auslöschen. Doch bei Gott haben und behalten wir einen Namen, unverwechselbar. Wir werden angerufen, sind ihm ein Du - und werden darüber zum Ich. Gegen das Vergessen steht sein Erinnern. "Ich habe dich bei deinem Namen gerufen“ - kaum ein Akkord ist so sehr auf unsere Zeit gestimmt, wie dieser. Er trifft uns in unserem Zwiespalt:

Wir leben in einer Massengesellschaft, passen uns an - und wollen doch nicht in der Masse untergehen. Wir wollen nicht auffallen und nicht zu sehr aus der Reihe tanzen - und wollen doch alle Ich sein. Wir werden vermessen, registriert, katalogisiert und klassifiziert - und möchten doch individuell behandelt werden. Wir bekommen Code-Nummern und Geheimzahlen, Steuernummern und Kundennummern - und wollen doch nicht zur Nummer verkommen.

Gott aber ruft, wie eine Mutter ihre Kinder mit Namen und Kosenamen ruft und keines vergisst. Er kennt und ruft uns mit Namen, damit wir uns mit unserer Lebensgeschichte nicht verirren und verlaufen. Er weiß um unser Kämpfen und Mühen, Glück und Streiten, Träumen und Sorgen, Bleiben und Wachsen, um alles, was wir tun, uns einen Namen zu machen und sagt uns fröhlich ins Gesicht: Du hast doch schon einen Namen:

"Du bist mein!" Bist ein Menschenkind, mein Kind, meine Tochter, mein Sohn, mein Mensch. Mehr kannst, mehr musst du nicht werden. Aber das werde. Bleib offen dafür. Vertrau mir: die Veränderungen, sie zerreißen dich nicht, sie bringen dich weiter, dir selbst entgegen.

Audiobeitrag Beim Namen gerufen


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