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Fürchte dich nicht!
Liebe Hörerin, lieber Hörer,Wenn er kommt, der Besucher, Der Neugierige und dich fragt, Dann bekenne ihm,
Dass du kein Beispiel geben kannst als dieses: Immer noch offen."*
In ihrem Gedicht Das Interview rät Marie-Luise Kaschnitz dazu, offen zu bleiben, bereit für Veränderungen bis zuletzt. Was macht unser Leben aus? Das, was man tut als Beruf oder als Zeitvertreib, was man gemeinhin besitzen kann, was sich anbietet als Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens? Alles bleibt unzulänglich und gibt keine wahre Auskunft über unser Leben. Kämpfen, lieben, Heimatsuche - alles bleibt im Mangel stecken. Wenn wir wirklich Auskunft über unser Leben geben müssten, ist dies ffeür die Dichterin der letzte Hinweis: Immer noch offen. Das kommt als Rat unscheinbar daher und klingt sehr sympathisch. Offen bleiben, zur Veränderung fähig sogar im Alter, das ist eine tolle Begabung, beneidenswert, erstrebenswert! Aber bedeutet das nicht auch ständige Ungewissheit? Nie ausruhen, immer unterwegs sein? Das mag unserem Lebensgefühl oft entsprechen, aber das ist doch furchtbar anstrengend! Kein erfülltes Tun, keine tragfähigen Antworten, kein abschließendes Fazit da bleibt das Leben in der Schwebe. Am Ende: immer noch offen.
Doch ein Mensch braucht in seinem Leben doch auch Konstanten. Eine verlässliche Linie. Sucht nicht jede Lebensmelodie ein wiederkehrendes Thema, einen Kehrreim?
Ich weiß nicht, was es bei Marie Luise Kaschnitz war. Für mich finde ich diese Melodie, die mich trägt, in einem Gotteswort der Bibel: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. (Jes. 43,1a)
Fürchte dich nicht! Dieses Urwort des Evangeliums hört das Volk Israel in einer Zeit, in der alle Lebensgewissheit verloren ist. Und das durchaus aus eigener Schuld. Besiegt, gefangen, verbannt und weggeführt, alles verloren und alle Fragen offen, droht die eigene Identität unter zu gehen. In die Situation hinein muss einer sagen, in Gottes Namen sagen: Fürchte dich nicht! Das geschieht einem Volk, das fremdbestimmt und versklavt die böse Seite des Verändert-werdens erlebt. Die Zukunft in der Schwebe, nichts ist mehr gewiss, alles verändert. Dennoch: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst!
Die Situation ist in ferner Geschichte auszumachen: Der Perserkönig Kyros erobert das Reich der Babylonischen Unterdrücker und wird die Juden aus der Deportation freilassen. Doch für das Volk gilt im Glauben: bei dieser neuerlichen Veränderung hat Gott seine Hand im Spiel. Der befreiende Gott, der sein Volk aus der Knechtschaft in Ägypten erlöste, der erlöst, befreit auch hier. Und weit über jene Zeit hinaus wird dieses Lied der Befreiung angestimmt. Es lädt Menschen ein, aufzubrechen und auszubrechen aus der totalen Ungewissheit. Das Leben soll nicht im Ungefähren verschwimmen oder nur im Strom mitgerissen werden. Da ist einer, der uns vom Rad des Schicksals losbindet, das über Trost und Hoffnung hinweg rollt. Ich habe dich erlöst! Die Töne, die hier angestimmt werden, können alle verstehen, deren Leben fremdbestimmt wird. Wer sich als Spielball ungewollter Veränderungen sieht, erfährt hier den Zugriff des rettenden Gottes: Ich habe dich erlöst. Du bleibst nicht hin- und hergeworfen. Immer noch offen? Ja, so darfst Du leben: offen und für Veränderungen bereit. Zugleich aber soll Dir dies gewiss sein: Was auch geschieht, Du bleibst aber dennoch in der Hand des erlösenden Gottes.
*(M.L. Kaschnitz, Seid nicht so sicher, GTB Siebenstern Gütersloh 1979)
Fürchte dich nicht!
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