Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

31.05.10, Pfarrer Eko Alberts

Immer noch offen

Liebe Hörerin, lieber Hörer! Es ist eine Binsenweisheit und doch wahr: alles verändert sich. Alles immer wieder anders - und was ist mit mir selbst?

Es gibt manchmal Zeiten, da wird einem dieser ständige Wandel geradezu um die Ohren geschlagen: Verändern, sich verändern, verändert werden… Oder: verlassen, hinter sich lassen, loslassen… Wachsen, entwachsen, erwachsen… Wandel, Umbrüche, Häutungen, ein anderer Mensch werden. Panta rhei - alles fließt – sagte ein alter Grieche. Du gehst nie zweimal in den gleichen Fluss - doch wer bin ich selbst? Subjekt oder Objekt meiner Veränderungen? Mache ich sie oder erleide ich sie?

Wie bin ich, der ich bin? Und wie bin ich es geworden und was bleibt oder was verliere ich? Endlos will das Rad sich drehen und ich mittendrin. Wie der Hamster im Laufrad. Und ich frage mich: Treibt der Hamster das Rad oder das Rad den Hamster? Wer bin ich und wo bleibe ich? Was bleibt mir? Was bleibt vom Kind-sein und was ist mir wirklich wichtig? Wie gehe ich mit den Veränderungen meines Körpers und meines Geistes um? Mit 19, mit 39, mit 69 oder gar älter? Wer ist eine wahre Freundin, ein wahrer Freund?  Was soll man glauben, wem vertrauen? Gibt es wissenschaftlich untermauerte Standpunkte, die dem Leben  Gewissheiten vermitteln? Ach, wer erlöst mich von solcher Fragerei und lässt mich da und dort direkt leben? Und wenn ich mich trotz mancher Angst vor der Zukunft den kommenden Veränderungen stellen will, weil leben nicht anders geht - wer gibt mir dafür eine Handvoll Hoffnung?

Liebe Hörerin, lieber Hörer, zu unserem Menschenleben gehört es unausweichlich, Veränderungen gelten zu lassen. Auch Veränderungen zu wollen und vorzunehmen. Den Stillstand zu meiden. Nicht fertig-sein. Es aushalten, dass Leben Veränderung heißt. Mit Fragen leben. Und nach dem Leben fragen. Für mich hat Marie Luise Kaschnitz diese Lebenshaltung in besonderer Weise verantwortet:

Interview: Wenn er kommt, der Besucher, / Der Neugierige und dich fragt, / Dann bekenne ihm, dass du keine Briefmarken sammelst, / Keine farbigen Aufnahmen machst, / Keine Kakteen züchtest. / Dass du kein Haus hast, / Keinen Fernsehapparat, / Keine Zimmerlinde./ Dass du nicht weißt, / Warum du dich hinsetzt und schreibst, / Unwillig, weil es dir kein Vergnügen macht. / Dass du den Sinn deines Lebens immer noch nicht / Herausgefunden hast, obwohl du schon alt bist. / Dass du geliebt hast, aber unzureichend, / Dass du gekämpft hast, aber mit zaghaften Armen. / Dass du an vielen Orten zuhause warst, / Aber ein Heimatrecht hast an keinem./ Dass du dich nach dem Tode sehnst und ihn fürchtest. / Dass du kein Beispiel geben kannst als dieses: / Immer noch offen. (M.L. Kaschnitz, Seid nicht so sicher, GTB Siebenstern Gütersloh 1979) 

Als Marie Luise Kaschnitz dies schreibt, gilt sie als große alte Dame der Dichtkunst in der Mitte des letzten Jahrhunderts. Sie hat ein Leben lang gekämpft und Vieles erlitten - und ist immer noch bereit zur Veränderung. Nicht festgelegt, nicht verschlossen und fertig. Nicht dem Strom des Lebens enthoben. „Immer noch offen.“  Doch wofür denn? Natürlich nicht für modische Tänze der Eitelkeiten, für die sogenannten und wirklichen Zerstreuungen des Lebens, nein! Offen für die Bündelung des Lebens, seine Konzentration. Sie lebt im Wartestand einer ungefähren Hoffnung. Ich sehe darin die Sehnsucht nach der größten Veränderung, die uns Menschen geschehen kann. Da fragt dann nicht ein Neugieriger nach uns, sondern der, der uns in allen Veränderungen Heimat gibt: Der eine Gott, der das Leben liebt und seine Fäden knüpfen wird.

Audiobeitrag Immer noch offen


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