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Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist (eg 126)
Sprecherin: Es war am fünfzigsten Tag nach Ostern, am Pfingsttag, als sie alle an einem Ort versammelt waren: Frauen und Männer, Alte und Junge.
Wie von Geisterhand kam plötzlich ein Brausen vom Himmel. Und sie wurden alle mit dem Heiligen Geist erfüllt und fingen an, in verschiedenen Sprachen zu predigen, so wie der Geist es ihnen eingab. Gottes Geist weht, wo er will. Nicht nur zu Pfingsten. Er weht durch Raum und Zeit und nimmt uns manchmal mit auf eine Reise. (vgl. Apostelgeschichte 2)
Autor: Erfahrungen machen wir, indem wir fahren, uns fortbewegen, indem wir Gefahren meistern, wenn wir reisen. Deshalb möchte ich sie mitnehmen auf eine Reise. Sie führt uns von Aachen bis New York, und sie dauert länger als tausend Jahre. Unser Reisegefährt ist ein uraltes Pfingstlied Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist.
Choral 1: Hymnus Veni Creator Spiritus: Veni, Creator Spiritus, mentes tuorum visita, imple superna gratia, quae tu creasti, pectora. Qui diceris Paraclitus altissimi donum Dei, fons vivus, ignis, caritas et spiritalis unctio.
Autor: Unsere Reise beginnt am Hof von Kaiser Karl dem Großen Anfang des 9. Jahrhunderts. Dort treffen wir den jungen Gelehrten Rabanus, den späteren Erzbischof von Mainz. Er wird der Welt einen lateinischen Hymnus über den Heiligen Geist hinterlassen: Veni Creator Spiritus Komm, Schöpfer Geist. Er hat ihn wohl nicht selbst gedichtet, sondern der Vergangenheit abgelauscht. Der Hymnus über den Heiligen Geist tönt also aus Brunnen der Vergangenheit zu uns hinauf.
Choral 1: Hymnus Veni Creator Spiritus: Tu, septiformis munere, dig[i]tus paternae dexterae, Tu rite promissum Patris, sermone ditans guttura.
Autor: Unser Lied führt uns weiter nach Erfurt, ins 16. Jahrhundert. Die Welt ist nicht mehr die von Kaiser Karl dem Großen, aber der Hymnus über den Heiligen Geist wird immer noch gesungen. Martin Luther übernimmt ihn für den evangelischen Gottesdienst, übersetzt ihn ins Deutsche und macht ihn so auch dem einfachen Volk verständlich. Erstmals abgedruckt wird er im Handbüchlein geistlicher Gesänge und Psalmen, erschienen 1524 in Erfurt. Jetzt wird vom Heiligen Geist in unserer Muttersprache gesungen, eine Art musikalisch-literarisches Pfingstwunder, ausgelöst durch die Reformation.
Choral 2 (1. Strophe): Komm, Gott Schöpfer, heiliger Geist, / besuch das Herz der Menschen dein, / mit Gnaden sie füll, denn du weißt, / dass dein Geschöpf vor ihm sein.
Autor: Beflügelt vom Elan der Reformation verbreitet sich unser Lied in Windeseile. Es will sich dem Heiligen Geist nähern, ihn befragen, ihn bitten. Luther nennt ihn Tröster, im 16. Jahrhundert klingt ein ganzer Bedeutungsakkord Helfer, Anwalt, Vermittler, Fürsprecher, Mutmacher. Zugleich besingt das Lied den Heiligen Geist als Finger an Gotts rechter Hand. Michelangelo hat in der Sixtinischen Kapelle diesen Fingerzeig gegeben: Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, berührt mit dem Finger seiner rechten Hand sein Ebenbild Adam, und schon ist der Mensch begeistert. Er lebt! Er lebt in der Zeit, und die Zeit bewirkt Veränderung. Damit kommt die Mehrstimmigkeit in die Welt. Unser Lied bleibt das alte und wird doch neu. Es entfaltet sich; die Gleichzeitigkeit von vier Stimmen stellt neue Ansprüche an unser Ohr; Leidenschaft und Disziplin gehen eine spannende Liaison ein. Johann Walter, Luthers Hauskomponist, hat diese Motette komponiert.
Sprecherin: Zünd uns ein Licht an im Verstand, gib uns ins Herz der Lieb Inbrunst, das schwach Fleisch in uns, dir bekannt, erhalt fest dein Kraft und Gunst.
Choral 3 (3. Strophe): Zünd uns ein Licht an im Verstand, / gib uns ins Herz der Lieb Inbrunst, / das schwach Fleisch in uns, dir bekannt, / erhalt fest dein Kraft und Gunst.
Autor: Verschiedene Sprachen sprechen und sich dennoch verständigen das ist das pfingstliche Übungsfeld mehrstimmiger Musik. Mehrstimmige Musik/Sie ist stets auch eine Widerstandshandlung gegen jene Sprachverwirrung, mit der Gott einstmals den Turmbau zu Babel ahndete. Unsere Reise geht weiter. Sie hat uns ins Sachsen der 30er Jahre des 18. Jahrhunderts verschlagen. In der Leipziger Thomaskirche hören wir Johann Sebastian Bach an der Orgel. Unser Lied veranlasst ihn, einen Tanz im Dreiertakt zu spielen, viel wilder als ein höfisches Menuett. Wir hören einen so genannten off-beat, der einen fast stolpern lässt wen wunderts, denn der Heilige Geist hat auch immer etwas Anarchisches!
Choral 4: instrumental
Autor: Wir sind auf der letzten Etappe unserer Reise angekommen. 200 Jahre nach Bach befinden wir uns auf einem Schiff und sehen am Horizont die amerikanische Freiheitsstatue. Es ist Advent 1922. Wir besuchen die ehrwürdige Carnegiehall in New York, und auf dem Konzertprogramm steht unsere Musik. Arnold Schönberg hat Bachs Choralbearbeitung für modernes symphonisches Orchester eingerichtet. So bahnt der musikalische Revolutionär, der später in Deutschland als entarteter Künstler gelten wird, unserem Lied über den Heiligen Geist den Weg aus den eng gewordenen Kirchenmauern hinaus in die Welt. Und genau da gehört er hin, der Heilige Geist; vielmehr, da ist er schon immer gewesen, und da wird er immer sein und wirken, von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Choral 4: instrumental
Musikinformationen:
Musik 1: CD-Titel: Chant Music for Paradise Special Edition Track-Nr. + Titel: Track 27; Veni Creator Spiritus Text von Dichter: Rhabanus Maurus 809 Komponist: Kempten 1000 Chor: Cistercian Monks of Stift Heiligenkreuz Label: Philips (Universal); ASIN: B001G5RUH4; Amazon.de Verkaufsrang: Nr. 5.037 in Musik
Musik 2: Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist (in der Ausführung für Frauenstimmen) Komponist: Anonymus Textdichter/Übersetzer: Luther, Martin (10.11.1483-18.02.1546) Labelcode: 05068-RAUMKLANG Dirigent: Podger, Julian Ensemble-Mitglied: Manahan Thomas, Elin {Sopran} Ensemble-Mitglied: Rembeck, Christine-Maria {Sopran} Ensemble-Mitglied: Wilkinson, Clare {Alt} Ensemble-Mitglied: Hamilton, Kate {Alt}
Musik 3: Komm, Gott Schöpfer, heiliger Geist, SW 1:II {Motette} Komponist: Walter, Johann (1496-25.03.1570) Textdichter/Übersetzer: Luther, Martin (10.11.1483-18.02.1546) Dirigent: Grüss, Hans Chor: Dresdner Kreuzchor Labelcode: 08748-CAPRICCIO
Musik 4: Komm, Gott, Schöpfer, Heiliger Geist, BWV 667 {Choralvorspiel in Orchesterfassung von Arnold Schönberg} Komponist: Bach, Johann Sebastian (21.03.1685-28.07.1750) Dirigent: Eschenbach, Christoph Orchester: Houston Symphony Orchestra Labelcode: 00316-RCA Records Label
Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist (eg 126)
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