Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.05.10, Pastor Christof Lenzen

"ich kann das nicht"

Mein Sohn Ole ist fünf Jahre alt und ein echter Entdecker. Als wir mit ihm vor zwei Jahren zum Lago Maggiore in Urlaub gefahren sind,

hat er sich vor Begeisterung über den großen See gleich einmal in voller Montur ins Wasser gestürzt. Erschrocken war er - wenn auch nur ganz kurz. Jetzt wusste er zumindest, wie sich das anfühlt. Wenn ich ihn heute vom Kindergarten abhole, dann strahlen seine Augen und er schwärmt von seinen neuen Entdeckungen, manchmal kommt er gar nicht hinterher mit Erzählen und die Gedanken sind einfach schneller und bunter als die Sprache es ermöglicht und die Sätze überschlagen sich vor Eifer! So quirlig und voller Entdeckerfreude sind die Kleinen einfach - aber so bleibt es leider nicht.

Szenenwechsel. Meine Frau ist Mathematiklehrerin und verzweifelt schier darüber, wie viele Mädchen schon ganz früh sagen: Ich kann das nicht! Das scheint fast wie ein Naturgesetz fest zu stehen. Nein, Mädchen können Mathe und Physik nicht. Und Jungs können meist kein Deutsch oder Fremdsprachen. Ich kann das nicht! Was ist nur aus den Entdeckern geworden? Ab einem gewissen Alter scheinen der Computer, die virtuelle Welt, die Playstation dominant zu werden und die Entdeckungsreise mutiert von der realen Welt hinein in eine vorgeformte, unechte Realität.

Aber auch sonst wird die Entdeckerlust früh und Stück für Stück begrenzt und in angeblich vernünftige Bahnen gelenkt. Ideale von Frühförderung erhöhen rasant den Leistungsdruck schon auf die Kleinen. Schule und Studium tragen keinen Sinn mehr in sich selbst, sondern dienen nur noch der möglichst effizienten Vorbereitung auf die steile Karriere und die gute gesellschaftliche Verwertbarkeit des einzelnen Menschen.

(Sie spüren) Mich macht das wütend! Weil ich es anders erlebt und schätzen gelernt habe. So aber wird aus dem "Ich will das können!" bei ganz vielen Menschen "Ich kann das nicht und ich werde es auch nie können". Das ist aber sicherlich nicht nur ein Phänomen unserer Zeit - ich kenne auch genug ältere Jahrgänge, die nach dem fatalen Satz leben: Ab 30 kann man sich nicht mehr ändern, ich kann das nicht, ich bin halt so. Natürlich kennt jeder Mensch Grenzen, aber so leicht und so schnell?

Dabei hat Gott das Schöpferische und das Entdecken in uns hinein gelegt. Menschen sind ja dazu berufen, Gottes Geist in sich zu tragen - immerhin derselbe Geist, von dem die Schöpfungsgeschichte sagt, dass er am Anfang über dem Wasser brütete. Wo ist diese schöpferische Kraft geblieben? Vielleicht ist sie angesichts der unendlich vielen Möglichkeiten unserer Gesellschaft versiegt? Diese Vielfalt der Erfahrungen, diese Komplexität - da zieht man sich gerne auf das zurück, was man beherrscht und für den Rest gilt dann: Ich kann das nicht.

Wie komme ich zu einem „Ich kann das“? Nehmen wir den Apostel Paulus. Dessen Leben gleicht einer Achterbahnfahrt. Er erlebt Verfolgung, Hunger, Todesgefahr, Seenot - aber auch Überfluss und Wohlstand. Aber, so fährt er fort: Ich kann das alles bestehen durch den, der mich kraftvoll und mächtig macht: Jesus Christus. Mit Jesus kann ich lernen, die Welt immer wieder mutig und mit Entdeckeraugen einzunehmen.

Kein „Ich kann nicht mehr“ - dafür „Aufstehen, gestärkt werden und weitergehen“.

Audiobeitrag "ich kann das nicht"


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