Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.05.10, Ralf Jupe

Der nächste Nächste

„Vielen Dank, junger Mann“ strahlt die alte Dame den Typ mit Rastalocken in der S Bahn an, Er bugsiert ihren Rollator über die Schwelle. „Nicht der Rede wert“.

Doch die alte Dame lässt sich nicht locker. „Das muss doch mal gesagt werden heutzutage, hilft doch keiner mehr so einfach. Da kann sich so manch einer hier was abgucken!“ Provozierend blickt sich sie in der vollbesetzten S-Bahn um. Doch keiner macht Anstalten für sie den Sitzplatz zu räumen.

Der Rastamann grinst mich über ihrem Kopf hinweg an. Ich  seufze innerlich, lächele zurück und biete der alten Dame meinen Platz an. Eine Gummiente quietscht durchdringend. Eine  junge Frau mit Kinderwagen parkt etwa 10 Meter weiter in der Bahn, den Finger auf dem Halteknopf.  Zwischen mir und ihr befinden sich noch eine Handvoll anderer Leute. Was nun?  Hingehen oder nicht, wenn die sie aussteigen will und mit dem Kinderwagen die engen Stufen herabsteigen muss?

Oder einfach warten, gucken, ob nicht jemand hinzukommt, der näher dran ist. Dann bräuchte ich mich nicht extra durch die halbe Bahn quetschen. Hat das schon etwas mit Nächstenliebe zu tun, wenn ich der Frau mit dem Kinderwagen helfe? Ich meine, wie nahe muss eigentlich  mein Nächster sein, um mein Nächster zu sein?  Und wenn der Nächste nicht hilft, wer kommt dann an die Reihe? Der Nächste und der Nächste und der Nächste?. Während ich noch grübele, ist der Typ mit den Rastalocken schon längst da und packt mit an.

Sprecherin: Bettina Förster

Audiobeitrag Der nächste Nächste


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