Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.05.10, Pastor Stephan Kiepe-Fahrenholz

Kirchliche Feste

Ein paar Tage noch, dann ist mit Pfingsten die Reihe der großen christlichen Feste zu Ende. Das Kirchenjahr geht in seine eher langweilige Phase.

Die Sonntage tragen nicht mehr so geheimnisvolle Namen wie „Invokavit“ oder „Misericordias Domini“, sondern werden bloß noch als Erster, Zweiter, Dritter und so weiter Sonntag nach Trinitatis gezählt.

Vor zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren, so möchte ich mal schätzen, hat sich noch ein nennenswerter Teil der Bevölkerung dafür interessiert, warum ein Sonntag eigentlich „Quasimodogeniti“ heißt. Manche haben auch noch eine Vorstellung von der Bedeutung des Epiphanias- oder des Trinitatisfestes gehabt. Heute sieht es vermutlich eher so aus, wie ich es kürzlich auf einer Karikatur in der Zeitung fand: Ein Lehrer steht vor seiner Klasse und fragt, was wir Weihnachten feiern. Antwort: Die Geburt Jesu. Was feiern wir Ostern? Antwort: Den Osterhasen. Und Pfingsten? Spritpreiserhöhung.

In der Tat ist es ja so, dass sich die Geburt des Krippenkindes, schon wegen der damit verbundenen Chancen des Einzelhandels, nach wie vor großer Beliebtheit erfreut. Die Auferstehung des Gekreuzigten dagegen, obwohl für Christen eigentlich das viel freudigere Ereignis, löst keinen Jubel, sondern eine Reisewelle aus. Und die Ausgießung des Heiligen Geistes dürfte wohl nicht mehr zum Allgemeinwissen zählen. Pfingsten geht’s um Kurzurlaub, und das wissen die Mineralölkonzerne.

Ich will mich über den massiven Bedeutungsverlust kirchlicher Feste übrigens nicht entrüsten. Ich finde ihn nur persönlich schade. Denn: Der christliche Glaube ist nicht nur eine innere Überzeugung, die mein Leben trägt und prägt. Sondern er gibt auch mit seinen formalen Ausgestaltungen Orientierung und Halt: mit dem immer gleichen Ablauf des Kirchenjahres eben. Oder mit der alten vertrauten Ordnung des Gottesdienstes.

Aber das interessiert nur noch eine Minderheit. Wie übrigens auch Tarifverhandlungen oder Kommunal- und Landtagswahlen. Da geht die aktive Beteiligung ebenfalls drastisch zurück, und die Frage, was das alles soll, löst bei wachsenden Bevölkerungsgruppen Schulterzucken aus. Gewiss, die Medien berichten treu und brav vom Wahlabend. Es werden auch nach wie vor Oster- und Pfingstgottesdienste übertragen. Aber das Programmschema dürfen ausschließlich Gottschalk und die Volksmusik sprengen. Oder eine überraschende Live-Schalte zur gemeinsamen Pressekonferenz von Louis van Gaal und Felix Magath.

Wir leben nun mal in einer säkularisierten Welt. Und in einer zunehmend entpolitisierten. Das kann man beklagen. Man kann auch darüber den moralischen Zeigefinger schwingen und von Sinnverlust und Politikverlust orakeln. Wer das tut, muss sich allerdings fragen lassen, ob er oder sie nicht genau zu jenen Sinnstiftern vom Dienst gehört, von deren ewigen Belehrungen sich die Leute verdrossen abwenden. Anderswo auf dieser Welt werden im Namen von Religionen, Werten und politischen Zielen Ströme von Blut vergossen. Bei uns sind die weitaus meisten wild entschlossen, nach ihrer eigenen Façon selig zu werden. Man interessiert sich für das, was einem passt. Man kümmert sich um das Naheliegende. Und man lässt andere, die anderes wichtig finden, in aller Regel in Ruhe. Das ist nicht erhaben und nicht spektakulär. Aber es gibt Schlimmeres.

Audiobeitrag Kirchliche Feste


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