| |
Janusz Korczak
Guten Morgen, liebe Hörerinnen, liebe Hörer! Morgen vor 65 Jahren endete der 2. Weltkrieg.
Es nicht leicht, sich an Menschenverachtung und Grausamkeit des Krieges zu erinnern: Nach einer Schätzung starben in diesem Krieg 1,5 Millionen Kinder. In Jerusalem gibt es die Gedenkstätte Jad Vaschem, übersetzt Hand und Name für die Opfer des Holocausts. Hier gibt es eine Erinnerungshalle für die Kinder. Man begeht einen dunklen Raum, von oben aus der Decke leuchten kleine Lichte wie unzählige Sternpunkte und zugleich hört man eine Stimme die Namen der ermordeten Kinder sprechen Name um Name. Die Dunkelheit, die Lichtpunkte, die Menschennamen nichts sonst. In diesem Raum des Gedenkens zu stehen ist erschütternd. Ihr grauenvoller Tod kann nicht wieder ungeschehen gemacht werden. Es dauert Monate alle Namen zu nennen. Und doch zeigt die Erinnerungshalle der Kinder: die Namen der Kinder sind noch hörbar, nicht vergessen.
Mehr als 200 Namen sind die Namen der Kinder von Janusz Korczak. Seit 1911 leitete er ein jüdisches Waisenhaus in Warschau. Nach einigen Jahren als Facharzt für Kinderheilkunde an der Warschauer Kinderklinik und Erfahrungsjahren in London und Paris, fand er hier seine Lebensaufgabe.
Er nahm Kinder bis zum Alter von 14 Jahren auf und konnte seine Ideen umsetzen, die auf erstmals öffentlich genannten Kinderrechten basierten: Achtung der Unwissenheit und der Wissbegierde des Kindes. Achtung der Misserfolge und Tränen des Kindes sowie das Recht des Kindes so zu sein, wie es ist. Er berät Erzieherinnen und Erzieher seiner Zeit Wie man ein Kind lieben soll
Es gelingt ihm den Kinder den Weg in die Gesellschaft zu öffnen mit einer Mischung aus verpflichtenden Tagesdiensten und Schulstunden und der Freiheit zur Selbstorganisation. Ihm ist es wichtig, die Kinder vorurteilsfrei und ohne verzerrende Sentimentalität zu sehen. 31 Jahre wird er sein Waisenhaus leiten. Als die Nationalsozialisten befehlen, das ganze Waisenhaus wenige Straßenzüge weiter ins Jüdische Ghetto von Warschau zu verlegen, bleibt er bei seinen Kindern.
Zu dieser Zeit ist er 64 Jahre alt und täglich unterwegs, um für Lebensmittel seiner 200 Kinder zu sorgen. Trotzdem wird die Situation immer bedrohlicher. Korczak teilt sein Zimmer mit den erkrankten Kindern und dem sterbenden Vater einer Erzieherin. Wenn er nicht schlafen kann, schreibt er nachts Tagebuch:
Sprecher: 3. August 1942: Ich habe die Welt schon lange nicht mehr gesegnet. In dieser Nacht habe ich es versucht es ist mir misslungen. Ich weiß nicht einmal, was ich falsch gemacht habe. Die erfrischenden Atemübungen sind einigermaßen gelungen. Aber die Finger sind kraftlos geblieben, die Energie ist nicht bis zu ihnen vorgedrungen
Ob ich an einen Erfolg glaube? Ich glaube, aber nicht an meine Zukunft. (S 116 Tagebuch aus dem Warschauer Ghetto 1942, Vandenhoeck &Ruprecht; 2.Auflage 1996)
Einen Tag später enden Korczaks Aufzeichnungen. Der Abtransport vom Warschauer Ghetto nach Treblinka muss vorbereitet werden. Gegen den Willen der Kommandantur gelingt es ihm, seine 200 Kinder auch dorthin zu begleiten. Der Weg führt über Treblinka nach Auschwitz in die tödlichen Gaskammern. Sein Tagebuch sieht Korczak selbst einmal als Grabstein aus Versuchen, Erfahrungen und Fehlern. An diesem Grabstein sind die Namen der Kinder und ihr Leben noch einmal hörbar gegen das Vergessen. Es ist, als hörten wir dabei den Gott Israels, der spricht: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.
Janusz Korczak
|