Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.05.10, Pfarrerin Viktoria Keil

Erwartung

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer! Von der siebenjährigen Lena hörte ich: Manchmal bete ich zu Gott. Warum, weiß ich nicht. Aber man kann nie wissen.

Ich versuch einfach mit Gott zu reden, mal abwarten, was passiert. Meine Oma sagt: Irgendwann merkst du, wenn Gott mit dir spricht.

Diese Erwartungshaltung finde ich gut. Erstmal ja sagen und probieren, ob ich ins Gespräch komme. Ich erlebe, dass Kinder fähig und bereit sind, sich einzulassen.
Erstmal probieren, wohin das führt. Mal sehen, ob die Erwachsenen es ernst meinen, was sie sagen. Sind die Erwachsenen echt? Beten sie selbst auch? Wollen sie uns helfen mit einem Gebet? Oder Macht ausüben?

Kinder haben ein gutes Gespür. Das Annehmen, Ausprobieren und prüfen stellt Jesus als Stärke der Kinder heraus. Er hat eine besondere Beziehung zu Kindern, weil sie Zuwendung annehmen Die Kinder lassen sich von Jesus segnen. Sie sind in den Evangelien die Schnellsten, die begreifen, was Jesus zu verschenken hat: Gottes Gnade.

Die Erwachsenen, denen Jesus begegnet, fragen nur danach, was sie tun müssen, um dazu zu gehören. Jesus macht es den Erwachsenen dabei nicht leicht: Sei wie ein Kind. Lass dir einfach Gottes Nähe schenken. Glaube ist wie eine leere, zum Empfangen geöffnete Kinderhand. Er weist seine Freunde zurück, als sie grob zu den Kindern sind.

Jesus setzt seinen Freunden Grenzen, die Kinder verdrängen wollen aus der Erwachsenenwelt. Er entgegnet ihnen: So nicht! So geht ihr nicht mit Kindern um!
Und protestiert damit auch gegen alle Zeitgenossen.

Lernt zu leben wie Kinder: Lasst sie den Weg zu Gottes Segen finden. Kinder brauchen Religion und können sich mit zunehmendem Alter frei entscheiden, welchen religiösen Inhalten sie zustimmen können. Jesus segnet die Kinder und entlässt sie in ihr Leben. Er manipuliert sie nicht. Er schärft ihnen nichts ein. Er lässt sie mit seinem Segen gehen. Kinder sind keine manipulierbaren Leistungsträger, sondern Hoffnungsträger.

Einer, der das verstanden hat, war der Kinderarzt Dr. Janusz Korczak, der ein Waisenhaus in Warschau leitete. Er hat ihnen seinen Segen gegeben, damit sie selbstbestimmt ins Leben gehen konnten. Wenn ein Jahrgang Schüler ins Berufsleben entlassen wurde und das Waisenhaus verließ, verabschiedete er sie mit folgenden Worten:

Sprecher: Wir nehmen Abschied von Euch für eure lange und weite Reise. Diese Reise hat einen Namen – das Leben. Viele Male dachten wir darüber nach, welchen Rat wir erteilen. Leider sind Worte arm und schwach. Wir geben euch nichts. Wir geben euch keinen Gott, denn ihr müsst ihn selbst in der eigenen Seele suchen,… Wir geben euch kein Vaterland, denn ihr müsst es durch eigene Anstrengung Eures Herzens und durch Nachdenken finden. Wir geben Euch keine Liebe zu Menschen, denn es gibt keine Liebe ohne Vergebung, und vergeben ist mühselig, eine Strapaze, die jeder selbst auf sich nehmen muss. Wir geben Euch eins: Sehnsucht nach einem besseren Leben, welches es nicht gibt, aber doch einmal geben wird, ein Leben der Wahrheit und Gerechtigkeit. Vielleicht wird euch diese Sehnsucht zu Gott, zum Vaterland und zur Liebe führen. (Aus: Janusz Korczak: Von Kindern und anderen Vorbildern, Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn 1979 S 138)

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