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Trauer ist Liebe
Der Mai ist der Monat der Liebe. Pärchen schlendern Hand in Hand durch den Park. Die Standesämter haben jetzt kaum noch Termine.
Beim Fotografen um die Ecke strahlen glückliche Hochzeitspaare von den ausgestellten Fotos Am Wochenende habe ich den ersten Autokorso durch die Stadt fahren sehen, vorneweg fuhr das Brautpaar im offenen Cabrio, ein riesiges Blumengesteck mit roten Rosen auf der Motorhaube. Für dieses Paar fängt ein neues Leben an.
Szenenwechsel: Am selben Nachmittag ist in der Kirche die Trauerfeier für einen 86jährigen Mann. Nach einem Schlaganfall vor einem halben Jahr fand er nie mehr zurück in das Leben, das er vorher gelebt hatte. Seine Frau und die beiden Kinder haben sich rührend um ihn gekümmert. Jetzt durfte er sterben.
Wir nehmen Abschied in der Kirche. Vor demselben Altar, an dem sich in diesem Mai noch zwei junge Paare das Ja-Wort geben werden, steht jetzt der Sarg. Die Frau des Verstorbenen, selbst 82 Jahre alt, die Kinder, viele Angehörige und Freunde sind tief berührt von diesem Abschied. Ich bin es auch. Immer wieder gibt es Menschen, deren Geschichte mir wirklich nah geht. Soviel gelebte Liebe noch in diesem hohen Alter das berührt mich.
Ich glaube, in der Trauer drückt sich Liebe aus. Trauer ist Liebe. Ich finde, deshalb soll man sie zeigen und nicht verstecken. Viele haben das leider verlernt. Trauernde erleben, dass ihnen Menschen lange Zeit aus dem Weg gehen. Sie sind einfach unsicher, was sie sagen sollen. Nur auf dem Dorf kommen die Sargträger noch aus der Nachbarschaft, da ist das Ehrensache. Andernorts muss das schon der Bestatter regeln. Apropos: Erkennen Sie noch einen Leichenwagen im Straßenverkehr? Früher waren sie schwarz. Das fiel richtig auf. Heute sind sie meist dezent grau und kaum noch zu erkennen. Trauer wird versteckt.
Ich meine, das muss anders werden. Wir brauchen einen ganz anderen Trend. Ich schlage deshalb vor, den Wonnemonat Mai zu einem zweiten Trauermonat zu erklären. Gleich nach dem November. Für mich ist Trauer nämlich ein Ausdruck von Liebe, deshalb gehört auch sie in den Monat der Liebe. Der Mai ist voller Leben. Der Flieder blüht, überall summt und brummt es. Die Natur erwacht.
Auch der Waldfriedhof bei uns um die Ecke wirkt besonders lebendig an einem sonnigen Tag im Mai. Menschen finden sich zusammen, besuchen das Grab eines guten Freundes oder geliebten Verwandten und bringen frische Blumen. Es ist gut, wenn die Trauer so gezeigt werden kann wie die Liebe.
Bei der Trauerfeier dieser Tage haben wir es genau so gehalten. Wir zogen mit der ganzen Trauergesellschaft öffentlich und zu Fuß von der Kirche zum Friedhof. Vorneweg der blumengeschmückte Sarg, rote Rosen auch hier. Hinterher folgten die Angehörigen, die Witwe mit den Kindern und Enkeln, die ganze Trauergemeinde. Manche waren gefasst, viele hatten Tränen in den Augen. Unser Trauerzug hielt den Verkehr auf. Die Schüler der nahe gelegenen Schule mussten mit ihren Mopeds stehen bleiben, ein paar entgegenkommende Autos fuhren an die Seite.
Ich meine, wir sollten auch die Trauer öffentlich zeigen. Nicht nur weiße Kutschen sondern auch schwarze Leichenwagen sollen von allen gesehen werden. Nicht nur das blumengeschmückte Cabrio, auch der rosenverzierte Sarg soll den Verkehr aufhalten. Denn Trauer und Liebe gehören zusammen und deshalb mitten ins Leben.
Trauer ist Liebe
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