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Offen ist gut
Guten Morgen, liebe Hörerin und lieber Hörer! Ich bin Klaus Eberl, Pfarrer und Oberkirchenrat in Düsseldorf. Sind Sie eigentlich ein offener Mensch? Offen ist gut.
Offene Augen blicken uns an. Offene Arme empfangen uns. Ein offenes Haus strahlt Gastfreundlichkeit aus. Eine Kirche, die vom offenen Himmel erzahlt, lädt zum Glauben ein. Und ein offenes Wort und offene Ohren sind Voraussetzung für gelungene Gespräche. Offen ist gut.
Aber Offenheit ist nicht selbstverständlich. Manchmal schaffe ich es nicht, offen zu sein. Alles ist zu und versperrt. Dann kann ich einfach nicht mehr. Ich finde den Schlüssel nicht und möchte mich am liebsten verkriechen. Wir alle kennen solche Situationen. Hindernisse stellen sich in den Weg. Einfach so. Ohne dass jemand Schuld trägt. Ein Unglück, fatale Fehler, Schicksalsschläge, Krankheiten. Barrieren, die niemand überwinden kann. Dann ist die Tür zu. Die Zukunft verschlossen. Dann geht nichts mehr rein noch raus. Wenn dann einer käme, um uns zu öffnen ...
Musik: CD Keith Jarrett, The Köln Concert, LC 2516 - Track 1, Part I
Sprecher: Sie brachten zu Jesus einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege. Jesus nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel. Er sah auf zum Himmel, seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heisst: Tu dich auf! Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig.
Autor: Das Markusevangelium erzählt, dass Jesus sich in einer Gegend mit schwierigen Menschen befindet. Verschiedene Kulturen, Religionen und Denkweisen prallen aufeinander. Dekapolis, das Gebiet der Zehn Städte, ist eine fremde Welt, ein unwirtliches Land. Vorurteile verhindern Begegnung. Jesus sieht Leute, denen nichts zugetraut wird, die nichts von Glaube, Hoffnung und Liebe verstehen.
Ihnen, die weder mit den Ohren noch mit dem Herzen gut hören, pflanzt Jesus eine neue Erfahrung ins Ohr: Alles wird gut. Ihr seid geliebt. Das Zerbrochene und Zerstörte wird heil. Taube hören, Sprachlose reden. Wir werden nicht auf unsere Fehler festgelegt. Nicht auf unsere Defizite. Nicht auf unsere Krankheit. Nicht auf unsere Begrenzungen. Plötzlich steht die Tür für einen Neuanfang offen. Denn es gibt keine hoffnungslosen Situationen. Nicht für den Glauben. Kein Wunder, dass darüber das große Sich-wundern ausbricht, in einer Welt, in der das Geld regiert und die Leistung, in der aufgerechnet und abgerechnet wird, in der viel gesprochen aber wenig gesagt und noch weniger zugehört wird. In einer Welt des da kann man nichts machen.
Die Öffnung beginnt damit, dass Jesus die Grenzen und Mauern auf den Straßen und in den Köpfen nicht beachtet. Er geht einfach auf die Menschen zu, so wie sie sind, mit ihrer Lust und ihrer Last, mit Glauben und Zweifel, mit Glück und Krankheit. Seine Öffnung hat Folgen. Sie fassen Vertrauen ins Dasein. Die Leute öffnen sich.
Deshalb bringen sie zu Jesus einen Menschen, der nicht hören und nicht sprechen kann. Jesus nimmt ihn beiseite. Beiseite genommen - das ist die alte Bedeutung des Wortes heilig. Nicht im Lärm der Menge, nicht einsam, sondern nahe bei Gott ist dieser Mensch. Er hat es nur noch nicht gemerkt. Und Jesus flüstert dem Taubstummen ein wundersames Wort ins Ohr: Hephata öffne dich! Er berührt den Menschen. Er überwindet die Distanz. Zum Wort kommt die Tat. Er öffnet sich selbst und damit den anderen Menschen. Öffnung - das ist das Wunder, das in dieser Heilungsgeschichte geschieht damals in den zehn Städten, heute dort, wo Barrieren mutig überwunden werden.
Musik: CD Keith Jarrett, The Köln Concert, LC 2516 - Track 2, Part II a
Autor: Die Bibel will mit dem Rätsel der Heilung nicht unsere rationale Erklärungssucht füttern. Aber sie provoziert eine Antwort auf die Frage, wie wir denn zu dem stehen, der diese Öffnung möglich macht: Jesus, der Heiland. Es geht um die Frage, wem wir Vertrauen schenken: Den Einteilungen, Barrieren, Vorurteilen, die falsche Sicherheit vorgaukeln? Geben wir der Resignation das letzte Wort? Oder dem, der uns öffnet für das Wagnis der Offenheit? Die Entscheidung ist schwieriger als wir glauben. Denn wir sind ständig von abgestumpfter Taubheit und kultivierter Sprachlosigkeit bedroht. Offenheit ist alles andere als selbstverständlich.
Was also ist zu tun in der Nachfolge Jesu, der sich und damit die Welt für Gott geöffnet hat? Viel und wenig zugleich: Die Ohren spitzen, um die ungeschrienen Schreie und ungesprochenen Worte der Menschen wahrzunehmen. Den Mund auftun für die Verstummten und stumm gemachten. Für die Sprachlosen, Elenden und Gequälten. Nähe wagen, wo sich alle abwenden. Um von der Hoffnung zu zeugen, die wir gehört und gesehen haben.
Hephata öffne dich! Das Wort ist Programm. Vor gut 150 Jahren haben sich Gemeindeglieder in Rheydt für Menschen mit Behinderungen geöffnet. Hephata - das Wort wurde der Name für eine evangelische Stiftung, die sich der Förderung von Menschen mit Behinderungen widmet. Das war neu und bahnbrechend. Es ging um Achtsamkeit für die Gaben und Fähigkeiten, die in jedem Menschen stecken ohne Ausnahme. Niemand konnte sich seinerzeit vorstellen, dass behinderte Menschen lernen und arbeiten können. Dass sie ein Recht auf Förderung haben. Auf Würde. Auf ein schönes Leben. Damals schufen die Leute in Rheydt einen Ort, wo man das alles gemeinsam tun konnte: leben, lernen, wohnen, arbeiten. Anstalten waren im 19. Jahrhundert ein wegweisendes Modell der Behindertenhilfe. Sie wollten eine Gegenwelt zur Industriegesellschaft sein, eine Stadt der Barmherzigkeit. Mit der Herausnahme aus den normalen sozialen Bezügen sollte alles Störende ferngehalten werden und ein Schonraum entstehen, in dem die Bewohner und Bewohnerinnen sich positiv entwickeln konnten. Aus Hephata wurde im Laufe der Jahrzehnte eine große Anstalt, eine Welt für sich, in der Menschen mit ungewöhnlichen Einschränkungen unter sich bleiben.
Heute geht die Stiftung andere Wege. Die Zeit der Anstalt vorbei. Heute öffnet sich Hephata erneut: mit der Auflösung dieser Sonderwelt. Eingeschlossen sein, isoliert von Nachbarn und Freunden, ausgeschlossen von alltäglichen Freuden und Leiden das soll es nicht mehr geben. Seit dezentrale Projekte selbstbestimmten Wohnens ein Leben in der Nachbarschaft ermöglichen, ein Leben daheim statt im Heim, ist eine neue Lebendigkeit zu spüren. Ein Konzept, das allen Beteiligten zutraut und zumutet, sich zu verändern. Eine anspruchsvolle Aufgabe! Hephata öffnet sich mit Konzepten der sog. Inklusion, mit kleinen Wohnhäusern im Zentrum der Dörfer und Städte. Weil Menschen eben verschieden sind. Und Verschiedenheit eine Bereicherung ist. Weil jeder Mensch, unabhängig von seinen Fahigkeiten, ein Teil der guten Schöpfung Gottes ist. Ein Geliebter. Einer, dem Christus nahe ist. Einer, der von ihm berührt ist. Hephata löst die Anstalt auf, damit ein Leben ohne Barrieren möglich wird. Offen eben.
Musik: CD Keith Jarrett, The Köln Concert, LC 2516 - Track 3, Part II b
Autor: Offen ist gut. Was die Evangelische Stiftung Hephata als Institution leistet, muss jeder und jede immer wieder neu dem Leben abringen. Gut, wenn wir dann den Ruf Jesu hören: Hephata öffne dich! Bei der Geschichte von der Heilung des taubstummen Jungen im Markusevangelium muss ich immer an meinen Freund Martin denken. Es ist vielleicht falsch, wenn ich jetzt sage, dass Martin auch nicht sprechen konnte. Denn: Er konnte sprechen! Sogar sehr gut! Was ist schon ein Pfarrer, der nicht sprechen kann? Erst recht ein Superintendent! Aber am Ende konnte er nicht sprechen. Besser gesagt: Er war ein Sprachloser, der redete. Und er redete viel und schön - und anders, als ich dachte.
Ich war Martins Stellvertreter und sein Freund. Am Ende seines viel zu kurzen Lebens erkrankte er an Kehlkopfkrebs. Eine schreckliche, tückische Krankheit, die dazu führte, dass man ihm den Kehlkopf wegoperieren musste. Da konnte er, der so wunderbar erzählen konnte, dass man sich sofort in eine andere Welt versetzt fühlte, nicht mehr sprechen. Was sollten wir tun? Viel zu schnell breitete sich die Krankheit aus und mit ihr das Gift der Einsamkeit. Emails gab es damals noch nicht. Erst recht nicht die neuen elektronischen Erfindungen wie Facebook oder Chat Rooms und was es sonst noch so gibt. Ich griff regelmäßig zum Hörer und rief ihn an, um alles zu erzählen, was geschehen war. In der Kirche, in der großen und der kleinen Welt, in der Familie. Ich redete an gegen die Depression, gegen die Wut, gegen die Einsamkeit. Es ist furchtbar anstrengend, jemandem etwas zu erzählen und zu wissen, er antwortet nicht. Furchtbar anstrengend. Doch eines Tages antwortete er. Mit einer anderen Sprache. Mit seiner Sprache.
Martin war ein glänzender Pianist. Irgendwann hatte er am Ende meines Monologs die Idee, den Telefonhörer auf den Flügel zu legen und mir mit einem Musikstück zu antworten. Und dann machten wir das immer wieder. Er spielte mal fröhlich, mal deprimiert. Mal herausfordernd, mal beschwichtigend. Er redete richtig so verstehe ich das heute mit dem Markusevangelium im Ohr. Er redete und ich hörte, wir redeten miteinander und hörten aufeinander. Er hat mir gezeigt, dass man auch mit Grenzen, mit Angst, mit Krankheit erfüllt leben kann.
Als Martin starb, gab mir seine Frau den Flügel. Zur Erinnerung. Er steht in unserem Wohnzimmer. Manchmal spielen die Kinder darauf. An Martin muss ich denken, wenn ich auf Jesus höre, wie er dem Taubstummen sagt: Hephata öffne dich! Martin, stumm gemacht durch unheilbare Krankheit, hat am Ende seines Lebens noch einmal das Wort ergriffen. Die Ohren geöffnet für das Wort Gottes, das Kreuz Jesu vor Augen, war er gefeit für immer, nicht gegen das Sterben, wohl aber gegen den Tod. Er konnte es nicht lassen, davon zu reden, indem er in die Tasten griff. So offen war er bis zuletzt.
Liebe Hörerin und lieber Hörer, ich wünsche ihnen noch einen schönen Sonntag. Öffnen Sie sich für das, was Gott Ihnen heute schenken will. Denn offen ist gut.
Es verabschiedet sich von Ihnen Pfarrer Klaus Eberl. Ich bin Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche im Rheinland.
Musik: CD Keith Jarrett, The Köln Concert, LC 2516 - Track 4, Part II c
Offen ist gut
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