Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.08.05, 8.05 Uhr, Wolfgang Witte

Nicht vom Brot allein

Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn.

Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel
versucht würde. Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte,
hungerte ihn.

Sprecher
Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel
versucht würde. Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte,
hungerte ihn. Und der Versucher trat zu ihm und sprach : Bist du Gottes
Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. Er aber antwortete und
sprach : Es steht geschrieben :  Der Mensch lebt nicht vom Brot allein,
sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.

Autor
So beginnt die Versuchungsgeschichte, wie sie der Evangelist Matthäus aufgeschrieben hat. Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Mein Name ist Wolfgang Witte, ich bin Pfarrer und lebe in Solingen.

Musik

Autor
Natürlich braucht der Mensch nicht nur Brot. Wobei zum täglichen Brot nach  Martin Luther viel mehr gehört, als das Brot vom Bäcker. Zum Brot gehört demnach

Sprecher
‚Alles, was zur Leibes Nahrung und Notdurft gehört, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromm Gemahl, fromme Kinder, fromm Gesinde, fromme und treue Oberherren, gut Regiment, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.‘

Autor
Der Mensch braucht also nicht nur Brot und alles das, was hier mitgemeint ist, er braucht mehr. Er braucht das Wort Gottes. Und wie kommt man daran ? Da hilft es nicht, nur die Bibel aufzuschlagen. Die Bibel enthält zwar Gottes  Wort, aber sie ist nicht einfach Wort Gottes. Gottes Wort begegnet uns auch nicht gleichsam von innen, aus unserer eigenen Seele. Selbstgespräche führen nicht zum Hören des Wortes Gottes.

Das Wort Gottes können wir immer nur hören als das Wort eines Menschen. Es muss allerdings ein Wort sein, dem ich vertrauen kann, ein Wort, bei dem ich
spüre : das geht mich an. Ein Wort, das ich mir nicht selbst zusprechen kann. Ganz nach dem afrikanischen  Sprichwort : ‚Das Wort, das dir hilft, kannst du
dir  nicht selber sagen.‘

                                                  
In dem Satz : ‚Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden 
Wort, das aus dem Mund Gottes geht‘ schwingt vieles mit: Ich ahne, wie wenig die Menschen selbst in der Hand haben. Ja, mir wird klar, daß wir die wichtigsten Dinge nicht beeinflussen können: Ob ich als Junge oder Mädchen auf die Welt komme, ob ich gesund bleibe. Weder Augenfarbe, IQ oder Charakter durfte ich mir aussuchen. Hautfarbe, Elternhaus, Kontinent, auf dem ich wohne – alles das habe ich nicht selbst bestimmt. Ergebnis : Ich habe nur sehr wenig, fast gar nichts, selbst in der Hand.

Trotzdem möchte ich mich nicht einfach dem Schicksal oder dem Zufall aussetzen. Ich möchte schon so weit wie möglich mein Leben selbst bestimmen. Wie das gelingen kann, dazu gibt Jesus von Nazareth den  Hinweis, indem er unsere  Aufmerksamkeit auf das Wort Gottes lenkt. Wenn der Mensch außer vom Brot vom Wort Gottes lebt, dann muß dieses Wort Gottes entscheidenden Einfluss auf unser Leben haben.

Musik

Worte Gottes sind nicht Worte nach dem Muster : wenn du das und das tust, dann
verspreche ich dir...Das wäre ja doch nur ein moralischer Erpressungsversuch. Überhaupt gilt : Wort Gottes ist nicht mit Moral gleichzusetzen. Dann hätte dieser Satz Jesu ja nur die Bedeutung : Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern auch von der Moral. Wenn es beim Wort Gottes bloß um die Moral ginge, dann muß man wissen : Der Mensch kann auch ohne Gottes Wort ein einwandfreies Leben führen und verantwortungsvoll handeln. Wenn es im Leben nur um Brot und Moral geht, dann sind Bibel, Gott und Christentum überflüssig. Dann reicht es aus , sich Bertolt Brechts Song aus der Dreigroschenoper zu eigen zu machen. Dort singt Mackie  Messer unter dem Titel ‘Denn wovon lebt der Mensch ?‘ :
‚Das eine wisset ein für alle mal : erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.‘

So richtig es auch ist, dass Brot und Moral wichtige Faktoren eines sinnvollen Lebens sind,
der Mensch braucht mehr. Und was ist dieses Mehr, wenn – wie wir bei Martin Luther
gelernt haben -  Dinge wie Erfolg im Beruf, gesichertes Einkommen, Familie und Freunde schon zum Brot hinzugerechnet werden ?

Es gehört zu den unseren Erfahrungen, dass wir geistig und seelisch kaputtgehen, wenn
wir unser Leben nur verbringen mit kaufen und verkaufen, konsumieren, produzieren,
funktionieren. Solange unsere Hoffnungen und Wünsche gerade noch bis zur nächsten Urlaubsreise reichen, verkommt unser Leben zu einem bloßen Dahinleben. Dann bestimmen
Leerlauf und Langeweile unser Leben. Dann gilt, was die Studenten im Mai 1968 an die Mauern von Paris geschrieben haben. : Survivre n’est pas vivre : Leben das heißt nicht einfach nur überleben. Es reicht eben nicht aus, genug zu essen zu haben, ein leidliches Familienleben und einen Beruf, der uns ein gesichertes Auskommen garantiert. Ich zitiere aus einem Brief :

Sprecher
‚Ich bin 35 Jahre alt, Beamter in guter Position, verheiratet. Wir haben zwei Kinder.
Unsere Ehe ist soweit harmonisch. Mit den Kindern geht es gut. Ich habe alles, was ich brauche : einen sicheren und gut bezahlten Beruf, daheim ist alles in Ordnung. Aber
in der letzten Zeit fühle ich mich trotzdem nicht wohl. Ich fühle mehr und mehr mein Leben leer.. Mir fehlt etwas, aber ich weiß nicht, was. Manchmal denke ich, dass ich alles hinschmeißen und  abhauen sollte. Aber dazu habe ich keine Kraft. Man kann ja nicht alles aufgeben, was man sich aufgebaut hat.‘

Autor
Der Brief endet mit der Frage: Was soll ich tun ?
Viele Menschen wollen zu dem, was sie schon haben , noch etwas mehr haben. Und das nicht nur in dem Sinne, dass jemand, der Geld hat, niemals satt wird und immer mehr davon haben will . Gesucht wird zusätzlich zur materiellen Sicherheit noch der Sinn des Lebens, gleichsam die Speise der Seele, eine Art religiöser Mehrwert. Nicht nur das kleine Glück in der Familie, sondern dazu noch der Segen von oben.

Insofern ist die Auffassung des Marxismus, dass die Religion mit der Abschaffung von materiellem Mangel von selbst verschwindet, ein Irrtum. So schnell lassen sich die meisten Menschen nicht zufriedenstellen. Es gehören also nicht nur die unmittelbaren Lebens-
bedürfnisse zu einem sinnvollen Leben, darüber hinaus gibt es noch Wünsche, die zwar nicht immer klar formuliert werden können, die aber trotzdem da sind. Wer meint, dass er wunschlos glücklich ist, muß sich doch die Frage stellen, ob es nicht eine traurige Sache ist, keine Wünsche mehr zu haben.

Musik

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes kommt. Brot kann man beim Bäcker kaufen. Das Wort Gottes läßt sich nicht mit Geld bezahlen. Man kann darum nur bitten. Und so wie man sich darauf verläßt, dass wir beim Bäcker gutes Brot bekommen, so erwarten wir natürlich, dass Gott uns ein gutes Wort sagt.
Und das heißt eben, dass er uns seinen Segen gibt. Wobei es sicher nicht so sein kann,
dass Gott zu allem, was wir tun, seinen Segen gibt. Wenn Gott bloß absegnet, was wir so alles tun, einfach nur Ja und Amen sagt zu dem, wie wir uns im Leben eingerichtet haben, dann wäre das für uns bestimmt nicht immer hilfreich.

Musik
Liebe Hörerinnen und Hörer!
Am bekanntesten ist wohl der aaronitische Segen, jener Segen, den einst Mose seinem Bruder Aaron zugesprochen hat und den man am Schluß jedes Gottesdienstes hören kann:
‚Der Herr segne dich und behüte dich, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig, der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.‘ Natürlich muss es nicht immer so ein feierlicher Segen sein. Er kann auch ganz persönlich ausfallen.


Ich erinnere mich an ein altes Ehepaar, die mir vor vielen Jahren auf ihrer Diamantenen Hochzeit seine Geschichte erzählt haben:

Sprecher
Er war als deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg in Rußland. In Swerdlowsk, einer Stadt
Im Ural, lernte er eine Russin kennen. Die beiden verliebten sich und wollten unbedingt
zusammenbleiben. Er schlug ihr vor, mit ihm nach Deutschland zu kommen. Sie wollte ihm gerne folgen, machte ihre Entscheidung nur von einer Bedingung abhängig : Ihr Vater sollte sie für dieses Vorhaben segnen. Also ging sie zu ihrem Vater, erzählte ihm alles und bat um seinen Segen. Der Vater ließ die beiden zu sich kommen und segnete sie.

Autor
Und dieser Segen hielt ein Leben lang. Schöner läßt sich gar nicht erklären, was es heißt , Gottes Wort zu hören. Gottes Wort – das ist in diesem Fall das Segenswort des Vaters an die beiden. Und wenn jemand die beiden gefragt hätte, was es heißt, wenn Jesus sagt :
‚Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus  dem Mund Gottes kommt‘ – dieses alte Ehepaar hätte im Rückblick auf sein Leben keine langen Erklärungen abgeben müssen.

Liebe Hörerinnen und Hörer ! Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.
Mein Name ist Wolfgang Witte. Ich bin Pfarrer und wohne in Solingen.

 


 

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