Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.04.10, 10.00 Uhr, Pfarrer Horst-Dieter Mellies

Vom guten Hirten

Liebe Gemeinde, wenn ich das Wort „Hirte“ höre, fällt mir immer ein romantisches Bild ein. Ein solches Bild hing im Schlafzimmer meiner Großtante:

es zeigte einen idyllischen Platz , Gänseblümchen, Sonnenuntergang. Jesus, der im Gras liegt und die Schäfermütze aufhat.  Stille, Verbundenheit mit der Natur, ein Zusammenklang von Arbeit und Leben. Ein schönes, friedfertiges Bild. . Ein  Bild wie aus einem Urlaubskatalog. Ein trügerisches Bild.

So war das Hirtenleben vermutlich nie – nicht zu der Zeit in der unsere Geschichte spielt. Und heute auch nicht.
Schauen wir hin, dann wird deutlich, dass Hirte zu sein, nicht lieblich ist:
Da geht es um Broterwerb, um EU – Regeln, um Lohn, um Mehrwert. Da geht es, insbesondere eben für die Schafe und Lämmer ums Leben, da steht am Ende die Schlachtbank. Das Ziel ist der Broterwerb und nicht die Idylle. Die Herde – sie ist das Kapital des Hirten.
Damals  - zur Zeit Jesu - war die Wirklichkeit des Hirten genau davon bestimmt: Den Broterwerb zu sichern und das Kapital zu erhalten.

Und damals wie heute gab es 2 Klassen von Hirten: Einerseits die, die die Herde und die Tiere besitzen und andererseits die, die für Lohn, die Arbeit machen.
Und da fällt es jedenfalls mir leicht, mir vorzustellen, dass diejenigen, deren eigenes Kapital die Herde ist, deutlich motivierter sind: Sie sind bereit ihre Herde zu betreuen und zu pflegen und vieles für sie zu geben. Anders diejenigen, die fremde Tiere bewachen und hüten. Da kann man die Brücke zum eigenen Leben schlagen:

Auch uns fällt es doch in der Regel leichter, das Eigene zu betreuen und zu schützen, als fremdes, lediglich für Entgelt anvertrautes Gut.

Diese Erfahrungen spiegeln sich auch in unserer Geschichte wieder. Sie steht im Johannesevangelium:

Johannesevangelium, 10. Kapitel, die Verse 11 -18:
Jesus Christus spricht:
11 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.
12 Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie –,
13 denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.
14 Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich,
15 wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.
16 Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.
17 Darum liebt mich mein Vater, weil ich mein Leben lasse, dass ich's wieder nehme.
18 Niemand nimmt es von mir, sondern ich selber lasse es. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wieder zu nehmen. Dies Gebot habe ich empfangen von meinem Vater.

Teil 2

Jesus als der gute Hirte: Idyllisch ?! Ein Jesus im Gras liegend, den Schäferhund vertraut zur Seite gestellt und die Schäfchen friedlich grasend auf einer saftigen grünen Wiese? Dem läuft unserem Text entgegen: da ist die Rede von Wölfen, von Sterben und von Verlassenheit und Einsamkeit. Der gute Hirte wird uns sehr realistisch und nicht idyllisch beschrieben. Jesus spricht 3 zentrale Motive an:

1. die Opferung des eigenen Lebens für seine Herde, 
2. das Kennen derjenigen, die in dieser Herde sind und
3. Jesus ist kein Getriebener, sondern er bestimmt die Regeln.

1. Er ist jemand, der sich selber in die Waagschale wirft, der nicht abseits steht und bei Gefahr davonläuft. Er hält stand. Er ist bereit, sein Leben zu opfern. Wohlgemerkt: sein Leben zu opfern, nicht das Leben anderer zu opfern. Nicht wie wir es leider immer wieder – zuletzt in Moskau – erfahren müssen, dass Menschen töten. Dass sie ohne Rücksicht auf den Wert des eigenen Lebens und den Wert des Lebens anderer töten und vernichten. Die beiden Attentäterinnen, z. T. wohl noch mehr Jugendliche als Erwachsene haben auch auf Hirten gehört. Diese Hirten aber haben ihnen befohlen, ihr eigenes Leben zu opfern. Sie haben ihnen befohlen,  zu sterben. Menschen, die  ihnen anvertraut waren, haben diese Hirten in den Tod geschickt. Dieser Tod brachte auch noch Verderben für viele andere: Selbstmordattentate sind die Beweise der schlechten Hirten.

Der gute Hirte hält selber Stand in der Gefahr und läuft nicht davon. Seine Herde kann sich auf ihn verlassen, auch dann wenn es ernst wird. So viel ist ihm sein Kapital,  - die ihm anvertrauten Menschen wert – dass er selber für sie einsteht.In seiner Herde sind keine Schlachtschafe, die zur Schlachtung geführt werden. Jesus braucht nicht das Opfer anderer Leben. Er steht selber mit seinem Leben gerade.

Er zögert nicht, die zu verteidigen, die auf seinen Schutz angewiesen sind.

Er ist kein Lohnarbeiter, keiner der nur einen Job macht – sonst wäre er schon längst auf und davon.

So wird uns Jesus als jemand beschrieben, der bei Gefahr nicht abseits steht und sich anschaut, wie andere ihr Leben für ihn opfern. Nein, das ist nicht sein Ding!

Das zweite zentrale Motiv ist das – wie die Bibel es beschreibt – das Kennen: Jesus kennt, die die in seiner Herde sind. Wenn wir in seiner Herde sind, sind wir keine gesichtslose, billige Verschiebemasse, kein Stimm- oder Schlachtvieh. Er kennt uns, er kennt dich und er kennt mich!

Darin unterscheiden wir uns von den Schafen, die zur Schlachtung bestimmt sind: in diesem Wort wird es förmlich umgekehrt. Diejenigen, die sonst für den Schlachter und für das Sterben bestimmt sind, werden nun von ihm geschützt. Sie werden geschützt von dem, der sonst den Auftrag hat, die Schlachtquote zu erfüllen: von dem Hirten.
 
So lebt dieser Jesus seine Liebe für uns: eine unbedingte, eine kämpferische Liebe, die mit ganzem Einsatz für uns einsteht.

Darin gibt er seiner Gemeinde auch ein Vorbild. Daran soll sie sich orientieren, wenn sie mit Menschen umgeht.

Das macht uns aber auch mit ganzem Ernst deutlich, was es bedeutet, wenn dieses Kennen und dieses Vertrauen von Menschen missbraucht werden. Menschen werden verletzt, wenn sie diesen Missbrauch erfahren. Und sie werden in besonderer Weise verletzt, wenn es durch Menschen geschieht, denen sie vertrauen. Lebenswege werden dadurch zerstört. Leider geschieht es oft durch falsche Hirten – und es kann durchaus das lateinische Wort „pastor“ gehört werden.

Lehrer, Lehrerinnen und Erzieher, Erzieherinnen, Eltern sind hier in besonderer Weise betroffen. Sie gehen mit Menschen um. Sie gehen mit jungen Menschen um. Sie fördern sie. Kinder, Jugendliche verlassen sich auf sie. Sie vertrauen ihnen. Sie geben etwas von sich preis.

Dieses Vertrauen ist ein hohes Gut.

Da, wo es zerstört wird, wo es missbraucht wird, klafft eine tiefe Wunde. Nicht von außen zu sehen, aber in der Seele dieser Menschen verursacht sie den Schmerz. Überall wo das geschieht, sind falsche Hirten am Werk.

Seien es Kinder, Jugendliche oder auch Alte und Hilfsbedürftige, immer ist ein solcher Missbrauch von Seiten der Gemeinde und der Gemeinschaft aufzudecken und den falschen Hirten ihr Amt zu nehmen.

Die Gemeinde Jesu Christi ist hier in besonderer Weise gefordert, Verantwortung wahrzunehmen und einzufordern. Ein Kartell des Schweigens darf es nicht geben.
Weder in den eigenen Reihen , noch in der Familie, der Schule oder sonst wo. Die Opfer brauchen den Schutz und die Unterstützung der Gemeinschaft. Sie brauchen die Stimme der Gemeinde. Die falschen Hirten dürfen nicht im anonymen Schutz einer Herde bleiben.

Jesus gibt uns in dieser Geschichte ein Vorbild: Ein Vorbild, wie Vertrauen in seiner Nachfolge gelebt werden kann. Jesus ist ein Hirte, der liebt, der sich hingibt. Er ist keiner, der andere zur Hingabe nötigt.

 Teil 3

„Niemand nimmt mein Leben, sondern ich lasse es. Ich nehme es mir wieder.“

Wir finden das dritte und letzte Motiv: Diese Worte Jesu sprengen unsere Realität. Das ist das Resultat seiner Liebe. Wir kennen die Begrenzungen unseres Lebens.
Wir beginnen es nicht selber. Wir können nicht über den Tod hinaussehen. Diese Grenzen sind fest.  Unsere Macht endet hier. Jesus lässt sich davon nicht begrenzen. Er ignoriert diese Grenzen und setzt sie für sich außer Kraft. Allerdings nicht um sich darin selber zu gefallen, sondern für uns, für seine Herde, seine Gemeinde. Einen realen Weg des Lebens möchte er uns zeigen. Ein Leben, dessen Weg dazu er selber ist.

Womöglich ist uns aber dieser Gedanke aus einem ganz anderen Grund sperrig: Ich als Schaf, ich als Herdentier: Wo bleibt das selbstbestimmte, das eigene souveräne Auftreten? Wo bleibt mein eigenes Herr oder Frau sein?

Aber diese Geschichte macht uns auch deutlich:

Der Hirte gehört nicht seiner Herde, sondern sie gehört ihm.  Die Grenzen unseres Lebens, die wir erleben, können wir nicht von uns aus einreißen. Selbstbestimmung hin oder her. Wir traben nicht aus eigenem Trieb zur Herde, sondern werden von ihm gerufen.

Das sollten wir als Gemeinde immer sehr sorgfältig zur Kenntnis nehmen: dass Jesus jemand ist, der auf uns zu kommt, der aber nicht Teil der Herde ist. Von daher ist er frei: er ist frei sein Leben einzusetzen und zu geben. Aber er ist auch frei, dieses Leben wieder einzufordern und zu leben.

Jesus lebt die Treue Gottes, indem er sich für seine Herde und damit eben für uns hingibt, ganz und gar, ohne doppelten Boden, ohne Ersatzkörper und ohne Stellvertreter. Er sammelt und ruft zusammen, er leitet und behütet: so ist er der gute Hirte.

Jesus lässt uns keinen Spielraum. Da ist eine Zumutung. Wenn es um einen Platz in dieser Herde geht, wenn es um die Gemeinschaft mit Jesus geht, wenn es um das Leben geht, kann nur  Jesus selbst handeln. Und wir sind Betroffene und nicht Handelnde:

Aber er hat es getan und uns zu seiner Herde genommen. Für mich ist das an diesem Sonntag ein Grund zur Dankbarkeit.

Und ich lade Sie ein aus dieser Zumutung Mut zu schöpfen: Mut zu haben, mich auf diesen Hirten einzulassen. Ihn zum  Maßstab zu nehmen, um die schlechten Hirten unserer Tage zu entdecken und ihnen entgegenzutreten. Amen.

Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 13.05.2010 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Ev. Kreuzkirche in Wassenberg gesendet. Die Predigt hält Pfarrer Dr. Titus Reinmuth


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