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Verzeih, bitte verzeih
Guten Morgen, liebe Hörerin und lieber Hörer! Schuld zu vergeben oder zu verzeihen ist nicht leicht.
Es bedeutet nämlich, das Unrecht, das mir zugefügt wurde, selbst zu meiner eigenen Sache zu machen. Es kostet mich etwas. Ich verzichte nämlich auf Rache oder auf Genugtuung. Denn ich verzeihe ja gerade darum, weil der, der mir Unrecht zugefügt hat, die Schuld nicht ausgleichen, geschweige denn wieder gutmachen kann.
Darum ist es nicht nur unglaublich schwer zu vergeben, es ist auch schwer, um Verzeihung zu bitten. Warum? Weil der kleine Satz: Verzeih, bitte verzeih, das Eingeständnis bedeutet, ich gibt nichts, was ich dir erklären könnte, wofür ich um Verständnis bitten könnte. In einem Lied drückt Reinhard Mey das sehr eindrücklich aus:
Ich habe meinen Weg verlorn, ich habe mich verirrt, Vor lauter Lichtern nicht gesehn, dass es dunkel um mich wird. Ich hab mich verstrickt, ich hab mich verfangen, Allein komm ich nicht mehr frei. Hilf mir, wieder zu dir zu gelangen. Verzeih, bitte verzeih!
Ich habe dir Unrecht getan, ich habe dich verletzt, Ich habe so viel falsch gemacht, es tut mir so leid und jetzt, Jetzt steh ich vor dir und suche und ringe Erklärungen herbei. Doch alles, was ich rausbringe ist: verzeih, bitte verzeih!
Verzeih das Unverzeihliche, auch wenn nicht ein guter Grund für mich spricht. Vergib das Unentschuldbare. Bitte, verlass mich nicht.
Ich habe nichts, ich kann nichts mehr, bin gar nichts ohne dich. Ich bin ganz unten, bin ganz wehrlos, ganz am Boden bin ich. Ich hab nichts, um das Blatt zu wenden, keinen Trick, keine Schönfärberei, Ich bitte dich mit leeren Händen: Verzeih, bitte verzeih!
Das ist die Not des schuldig Gewordenen: Es gibt nichts, was für ihn sprechen könnte, was er als Entschuldigung für seine Tat vorbringen könnte. Leere Hände sind das Einzige, was er vorzuweisen hat. Mit nichts kann er den Schaden wieder gut machen. Wie soll er leben mit seiner Schuld? Mit einer einfachen Entschuldigung ist es nicht getan.
Viele schrecken davor zurück, sich so wehrlos zu zeigen. Schwäche, das wissen wir alle, wird in unserer Gesellschaft gnadenlos bestraft. Es gehört also Mut dazu, so um Verzeihung zu bitten. Vielleicht ist es der Mut der Verzweiflung, weil es keine andere Lösung gibt als das erlösende Wort: Ich verzeihe dir, lass uns noch einmal neu anfangen.
Denn ohne Vergebung mit der Schuld, die man auf sich geladen hat, weiterleben müssen, macht krank an Leib und Seele. Darum ist die Bitte: Verzeih mir, bitte verzeih mir! der erste wichtige Schritt, auch wenn sie schwerfällt. Die Menschen, die uns in der Bibel begegnen, beschreiben eindrücklich, wie unvergebene Schuld krank machen kann: Meine Schuld ist mir über den Kopf gewachsen; sie wiegt zu schwer, ich kann sie nicht mehr tragen. Ich war so töricht, dich nicht ernst zu nehmen, darum eitern meine Wunden und riechen widerlich. Gebeugt von Schmerzen, zerschlagen und voll Kummer schleppe ich mich von einem Tag zum anderen. (aus Psalm 38)
So weit muss es nicht kommen, so weit darf es nicht kommen, dass einer sich selbst nicht mehr ertragen, sich nicht mehr ausstehen kann. Gott sei Dank gibt es diese letzte Möglichkeit der Vergebung. Sie macht in letzter Konsequenz unser Menschsein aus. Sie ermöglicht miteinander versöhnt neue Schritte zu gehen.
Vielleicht hat darum der Dichter Jean Paul einmal gesagt: Der Mensch ist nie so schön, als wenn er um Verzeihung bittet oder selber verzeiht.
Verzeih, bitte verzeih
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