Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.04.10, Pfarrer Rüdiger Schnurr

Du bist gemein - aber ich will´s ertragen

„Geh zu ihm hin! Er schafft es nicht alleine. Er schämt sich sicher. Zeig ihm, dass du bereit bist zu verzeihen, was er dir angetan hat! Bau ihm eine Brücke.

Vielleicht wartet er, dass du den Anfang machst? Du vergibst dir doch nichts dabei.“

Wer nach erlittenem Unrecht den ersten Schritt auf den Schuldigen zugehen kann, liebe Hörerin und Hörer, verdient unsere Bewunderung. Wer aber meint, dabei würde man sich doch nichts vergeben, der hat noch nichts vom Wesen der Vergebung begriffen.

Jesus erzählt von einem König und seinem Verwalter, der ihm einen Millionenbetrag schuldete. Diese Geschichte lässt uns etwas von dem erahnen, was echte Vergebung ist. Der König fordert von seinem Verwalter natürlich das Geld zurück, das dieser unterschlagen hat. Doch der war nicht in der Lage, seine Schulden zurückzuzahlen. Als ihm der König alles nehmen will, da fällt der Verwalter vor ihm nieder und bettelt inständig, der König möge ihm doch Zeit geben, er wolle auch alles erstatten. Da hat der König Mitleid und gibt ihn frei und die Schulden er erlässt ihm außerdem. Irgendwo wird er die Millionensumme als Verlust verbucht haben. Das heißt, er steht selbst für die Schuld seines Verwalters ein. Er vergibt sie ihm, indem er sie in den Bilanzen als Ausgabe verbucht. Er macht dessen Schulden zu seinem eigenen Verlust.

Das ist Vergebung: Da übernimmt einer die Schuld des anderen auf sein Konto. Freiwillig nimmt er in Kauf,  diese Last zu schultern. Mit seiner Geschichte  über den König, der seinem korrupten Verwalter die Millionenschuld erlässt, erzählt Jesus von der Vergebungsbereitschaft Gottes. Er zeigt  uns das Wesen der Vergebung. Gott vergibt, indem er die ganze Last unserer Schuld, zu seinem eigenen Verlust macht. Am Kreuz Jesu wurde die Schuld der ganzen Welt aus der Bilanz gestrichen. Vergebung ist durch das Leiden Jesu geschehen.

Die Geschichte des korrupten Verwalters hat aber einen dramatischen Schluss. Gerade sind ihm seine riesigen Schulden erlassen worden, da trifft er einen, der ihm einen geringen Geldbetrag schuldet. Er packt ihn und verlangt auf der Stelle sein Geld zurück. Das wird dem König gesagt, er wird zu Recht zornig und nimmt seinen Schuldenerlass zurück. Der Verwalter hatte nichts von dem Wesen der Vergebung begriffen. Er war nicht bereit, die Schuld des anderen in seine eigene Bilanz einzutragen. Und jetzt, das seine Bilanz doch wieder ausgeglichen war. wäre es ihm ein Leichtes gewesen.  Wie Gott uns unsere Schuld vergibt, so sollen auch wir untereinander vergeben.

Da vergibt man sich unter Umständen eine ganze Menge. „Du bist ein ganz gemeiner Kerl – aber von dir will ich's ertragen.“ Man ahnt, welche Gefühle in der jungen Frau miteinander ringen, und spürt in diesen Worten zugleich, dass sie es ernst meint mit ihrem Willen zur Vergebung. Ernster jedenfalls als wenn sie gesagt hätte: „Es macht nichts!“  Sie gibt ihrem Mann zu verstehen, dass er ihr weh getan hat und gleichzeitig kann sie in Worte fassen, dass sie bereit ist, den Schmerz auszuhalten.

Ich kann es sehr gut verstehen, wenn einem dieser Preis zu hoch ist. Aber um Vergebung wird es ja immer dann gehen, wenn die Schuld nicht beglichen werden kann, wenn das Unrecht, das einem angetan wurde, nicht wieder gutgemacht werden kann. Ist eine üble Nachrede durch Geld auszugleichen? Kann ein Brillantring einen Ehebruch ausgleichen? Einen guten Ruf und eine gute Ehe kann man sich nicht kaufen.

Aber wenn mir etwas an dem Menschen liegt, der mir Unrecht getan hat, dann frage ich, was mir die Freundschaft, die gute Zusammenarbeit, mein Respekt vor ihm oder meine Liebe zu ihm wert sind . Vergebung ist die Bereitschaft, sich das eigene Glück und auch das Glück dessen, der schuldig an mir wurde, etwas kosten zu lassen. Vergebung ist nicht billig zu haben, das muss der, der sie braucht, wissen. Vergebung ist ein kostbares Gut. 

 

Audiobeitrag Du bist gemein - aber ich will´s ertragen


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen